In Basel traf es Musik Hug, in Zürich den Strumpfhändler Fogal oder den Herrenausstatter Bovet. Und die Schlagzeilen waren immer dieselben: Schon wieder verlässt ein Traditionsgeschäft die Innenstadt, und schon wieder übernimmt eine Billig-Modeboutique das Lokal.

Die Gewerbler beklagen die fehlende Kundschaft und die hohen Mieten, die nur noch globale Riesenfirmen bezahlen könnten. Die Standortvermarkter warnen, die Innenstädte würden zu kommerziellen Monokulturen; schon heute gebe es überall dasselbe Angebot in denselben Shops, denselben Stores zu kaufen. Bei Zara, Chicorée oder H&M. Und die Politiker fragen ihre Stadtentwickler, was man gegen das große Ladensterben tun könne? Doch die sind meist ratlos.

Längst geht es nicht mehr nur darum, den Tante-Emma-Laden im Wohnquartier zu retten. Es geht nicht mehr allein um die traditionsreichen Geschäfte, in denen bereits die eigenen Großeltern eingekauft haben.

Der große Umbruch im Schweizer Detailhandel hat nun auch die mittleren und großen Anbieter erfasst. Also jene Läden, deren Schaufenster das Bild und deren Kunden das Leben in den Schweizer Innenstädten prägen.

Getrieben wird der Wandel zum einen vom teuren Franken, der die Kunden zum Shopping ins grenznahe Ausland treibt, und zum anderen vom Online-Handel.

Zuerst traf es die Buch- und Plattenläden, dann die Unterhaltungselektronik, und nun ist die Modebranche dran. Ende Mai gab der italienische Konzern Sempione Fashion bekannt, er schließe alle seine OVS-Filialen in der Schweiz. 1200 Angestellte verlieren ihren Job, und bis zu 140 Läden verschwinden: Von Moutier bis Landquart, von Renens bis zum Flagshipstore an der Sihlstraße in Zürich.

In der Schweiz war OVS eine nahezu unbekannte Marke, bis Sempione Fashion die strauchelnde Modekette Charles Vögele übernahm. In Italien hat sich das Unternehmen sogar gegen die Großen der Branche durchgesetzt: gegen H&M aus Schweden und Zara aus Spanien.

So ist der Schweizer OVS-Crash mehr als ein Managementversagen und mehr als das Resultat zahlreicher Fehleinschätzungen. Er ist eine Warnung für das, was auf die Schweiz zukommt. Auf ihren Modemarkt, vor allem aber auf ihre Städte.

In Zürich hat man das verstanden. In der Stadt stehen so viele Ladenflächen leer, wie seit zehn Jahren nicht mehr: 10.000 Quadratmeter. Im vergangenen Dezember lud die Stadtentwicklung zu einer Diskussionsrunde ins Einkaufszentrum Sihlcity. Es sprachen unter anderen die Stadtpräsidentin, der Migros-Präsident, der oberste Innenstadt-Gewerbler. Anlass dafür war eine Studie, mit der die Verwaltung abschätzen wollte, wie sich der Detailhandel in Zürich entwickeln könnte und was das mit der Stadt macht.

Hieß es früher, ohne Bauern stirbt die Stadt, so gilt heute: Ohne H&M stirbt die Stadt.

Der Handel schafft nicht nur Jobs und er bezahlt nicht nur Steuern, sofern die Mutterfirmen die Gewinne ihrer hiesigen Töchter nicht in Steueroasen abziehen. Der Detailhandel trägt auch zu sozialen Interaktion in der Stadt bei. Wer shoppt, der trifft auf andere Menschen. Einkaufen gehört heute zur Freizeitgestaltung, ist zu einem Teil der Unterhaltungsbranche geworden, und die lebt von der Überraschung und der Abwechslung.

Die kleineren Läden fehlen bereits jetzt vielerorts in diesem Mix. Sie überleben nur, weil sie in einer Mini-Nische agieren und ihre Mode zum Event machen; wie die Winterthurer Corsetière Beata Sievi. Oder weil ihr Vermieter kulant ist, oder ein Immobilienvermarkter sich davon hat überzeugen lassen, nicht ausschließlich auf die Mieteinnahmen zu schielen, sondern an sein Image zu denken, das sich mit ein paar hippen Boutiquen aufpolieren lässt. Deshalb können sich zum Beispiel in der Europaallee in Zürich, gleich neben dem Hauptbahnhof, kleine Modelabels einen Shop in bester Lage leisten.

So könnte das Lädeli- zum Ladensterben werden und auch die Kettengeschäfte treffen.