Das Flaggschiff ist gesunken. Sein Wrack liegt an der Sihlstraße im Zentrum von Zürich, gegenüber dem Kaufhaus Jelmoli. Ein leer geräumtes Gebäude, an der Fassade hängt noch das Logo: OVS. Der italienische Modekonzern zieht sich aus der Schweiz zurück. Fast 1200 Mitarbeiter sind entlassen worden, 140 Filialen schließen, der Zürcher Flagshipstore ist seit Ende Juni zu.

"Es tut schon weh", sagt Gaetano Specchio, 49, an diesem Freitagvormittag Ende Juni. Vor drei Tagen hat er die Kündigung erhalten. Heute früh hat der Modeverkäufer zusammen mit dem Filialleiter die Schlüssel zum Flagshipstore abgegeben. Nun sitzt er in einem Café an der Bahnhofstraße, keine zweihundert Meter von ehemaligen OVS-Filiale entfernt.

Hier, an der Sihlstraße, begann vor dreißig Jahren seine Karriere im Detailhandel. Specchio, gelernter Koch, entscheidet sich als 20-Jähriger, einen neuen Beruf zu suchen. Einen, der nicht so einsam macht. Am liebsten etwas mit Mode.

Er geht in die Stadt und bewirbt sich persönlich. Zuerst bei Schild, dann beim Herrenglobus. Auf dem Weg zum nächsten Kleidergeschäft, zu Spengler, kommt Specchio an der Sihlstraße vorbei, bei Vögele Mode, der Vorgängerin von OVS. Er entscheidet sich spontan, nach einer freien Stelle zu fragen. Der Filialleiter lädt ihn zu einem Bewerbungsgespräch ein. Eine Woche später beginnt Specchio, bei Vögele zu arbeiten. Es habe damals viele Quereinsteiger gegeben. "Die Branche hat richtig geboomt", sagt Specchio. Das war 1989.

Es kamen zu wenige junge Kunden, und die Alten fanden nicht, was sie suchten

Heute ist der Markt ein anderer. Die Detailhändler sind unter Druck geraten, besonders die Kleider- und Schuhgeschäfte. Die Branche kämpft gegen den starken Franken, gegen günstige Konkurrenz im grenznahen Ausland und vor allem: gegen Zalando.

Der deutsche Online-Shop ist mittlerweile die Nummer eins unter den Kleiderhändlern in der Schweiz, innert fünf Jahren hat Zalando seinen Umsatz versiebenfacht. 624 Millionen Franken waren es im vergangenen Jahr gemäß einer Studie der Credit Suisse. Damit hat Zalando auch große Ketten wie H & M oder Zara überholt.

Die Kunden shoppen im Internet genau das, was sie wollen, und vor allem genau dann, wann es ihnen passt. Auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause, mitten in der Nacht. Inspiriert von Modebloggern und Influencern auf Instagram, ohne die Beratung einer Verkäuferin oder eines Verkäufers im Laden.

Als Specchio als Modeverkäufer beginnt, ist das noch anders. Das Internet ist erst in seinen Anfängen und von einer kommerziellen Nutzung noch weit entfernt. Specchio ist ein gefragter Mann. Am ersten Arbeitstag aber eher überfragt. Er erinnert sich noch gut: "Ein Kunde kam und suchte eine Manchesterhose. Ich hatte keine Ahnung, was das ist, und musste einen Kollegen fragen." Um 11 Uhr hätten sie ihn, den Neuling, schon in die Mittagspause geschickt. Er habe seine Mutter angerufen und gesagt: "Dieser Job ist nichts für mich."

Schließlich bleibt Specchio 18 Jahre lang an der Sihlstraße. Er mag die Kleider und seine Kunden. Er beginnt, sich über Stoffe und Textilien zu informieren. Er wird Abteilungsleiter und entscheidet sich, eine Ausbildung nachzuholen. "Sonst hätte ich Lehrlinge betreut, die bald mehr gewusst hätten als ich", sagt er. Specchio steigt auf, wechselt die Filiale, arbeitet kurz im Zürcher Shoppingcenter Sihlcity, dann im Letzipark, 2012 übernimmt er das Geschäft im Volkiland.

Vier Jahre später gibt die Sempione-Gruppe, an der das italienische Label OVS beteiligt ist, bekannt, dass sie Vögele übernimmt. Mit all seinen Filialen in allen Ecken des Landes. Die Umsätze des Schweizer Traditionsunternehmens, dessen Erfolg lange Jahre beispiellos war, sind immer stärker zurückgegangen. Der Verkauf an die Italiener ist seine letzte Hoffnung.