© Petra Bahr

Wie nach einer Predigt predigen? Das ist die unlösbare Herausforderung nach einer Kantate von Johann Sebastian Bach. Es ist alles gesagt. Sogar das Amen. Die Oboe seufzt und klagt. Die Solisten ringen um Antwort von Gott. Der Chor stimmt ein in den Choral aus den Himmeln. In der Musik spiegelt sich der Bußpsalm, den der vermutlich größte Prediger des Protestantismus vertont. Ein zerrissenes Subjekt, ein heillos mit sich ins Unglück geratener Mensch, der angesichts der Katastrophen seiner Zeit einen Trost sucht.

"Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir" heißt die frühe Kantate, die der gerade Anfang 20-jährige Johann als Auftragsmusik für einen Katastrophengottesdienst komponiert. Mühlhausen hat gebrannt. Unfassbares Leid ist über die Bewohner gekommen. Vor das brennende Mühlhausen schieben sich die brennenden Häuser der Gegenwart. Das kann Bach. Uns in seine Musik verwickeln, als wären wir Teil des Geschehens, säßen nicht als Zuhörer in den Bänken, sondern seufzten, schrieen, weinten und hofften mit den Solisten und dem Chor.

Mir will dieser eine Satz nicht mehr aus dem Sinn: "Wer kann bestehen?" Heute fragen wir so das Spiegelbild, mit brutaler Gnadenlosigkeit. So fragen wir andere, mit Häme, weil die Antwort schon feststeht. Die biblische Idee vom Gericht Gottes, vor dem Menschen sich verantworten, ist in die Immanenz gewandert. Das hat keine Erleichterung verschafft. Nun spielen wir uns auf als kleine und große Weltenrichter. Bestimmen, wer dazugehört und wer nicht, wer gut genug ist, wer schön genug und wer fromm genug. Wie sähe die Welt aus, wenn Menschen mit Macht und Ego sich diese Frage stellen würden? "Wer kann bestehen?"

Václav Havel, der ehemalige Präsident, der Schriftsteller, der Bürgerrechtler und der große Europäer, hat in einer Tagebuchnotiz so gefragt. Sein Eintrag ist der Musik Bachs seelenverwandt und so fern vom selbstgerechten Ton medialer Machtinszenierungen dieser Tage. "Ich bemühe mich, allezeit auf das Jüngste Gericht vorbereitet zu sein. Ein Gericht, dem nichts verborgen bleibt, das alles, was zu schätzen ist, gehörig einschätzt und ganz von selbst merkt, was nicht richtig ist. Es ist mir nicht egal, weil ich überzeugt bin, dass meine Existenz die Oberfläche des Seins gekräuselt hat, welches nach dieser Welle, wie nebensächlich, wie unbedeutend und vergänglich sie auch war, anders ist als vorher."