In der Nato geht die Angst um. Und das hat diesmal nichts mit äußeren Feinden zu tun. Das erfolgreichste Militärbündnis der Geschichte ist ohne ebenbürtigen Gegner in der Welt.

Doch es ist in der größten Krise seiner beinahe 70-jährigen Geschichte: Denn der Hauptaktionär des Clubs, US-Präsident Donald Trump, hat offenbar den Glauben an den Sinn der Allianz verloren. Auf Angriffe aus dem Weißen Haus aber ist die Nato nicht vorbereitet.

Am kommenden Mittwoch werden die 28 übrigen Regierungschefs der Nato-Länder in Brüssel auf Donald Trump treffen. In Berlin macht sich Panik breit, dass dieser Gipfel zum nächsten Fiasko des Westens geraten könnte, ähnlich dem G7-Debakel vor einem Monat.

Trump, so wurde in den letzten Tagen enthüllt, findet die Nato "so schlimm wie Nafta" (das von ihm verteufelte nordamerikanische Freihandelsabkommen). Nafta, das ist für ihn wie die Nato nur ein weiteres Kürzel für die Übervorteilung der USA durch falsche Freunde.

Der Präsident hat darum Mahnbriefe an jene Verbündeten verschickt, die hinter dem vereinbarten Ziel zurückbleiben, die Verteidigungsausgaben bis 2024 auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen. Deutschland mit seinen heute 1,3 Prozent steht dabei besonders in der Kritik. Trump hat dem Pentagon bereits den Auftrag erteilt, mal durchzurechnen, ob die 35.000 US-Soldaten in Deutschland nötig sind.

Der US-Präsident tritt seinen Partnern wie ein Schutzgeldeintreiber entgegen

Während der Präsident also dem Verbündeten kaum verhohlen mit Truppenabzug droht, freut er sich schon auf seinen Gipfel mit Wladimir Putin, der wenige Tage nach dem Nato-Meeting stattfinden soll, in Helsinki.

Man erkennt ein Muster der Trumpschen Außenpolitik: Alliierte bashen, mit Autokraten kuscheln. So war es schon vor einem Monat, als der Präsident erst den "unehrlichen" kanadischen Premier beschimpfte und dann den Diktator Nordkoreas einen "talentierten" Führer nannte.

Die Nato-Partner fürchten, dass der US-Präsident ihnen auf dem Weg zu Putin wie ein Schutzgeldeintreiber gegenübertreten wird. Sein Inkasso-Gebaren mag man stillos finden. Doch Trump hat im Kern recht: Viele Verbündete, auch Deutschland, erfüllen ihre Versprechen nicht. Ihre Beiträge zur kollektiven Sicherheit entsprechen nicht ihrem wirtschaftlichen Gewicht. Auch dies höhlt das Bündnis aus.

Es ist peinlich, wenn die deutsche Regierung nun klagt, die zwei Prozent seien ein unsinniges, weil abstraktes Ziel. Warum hat man dann zugestimmt? Man leiste viel Entwicklungshilfe und gebe große Summen für Flüchtlinge aus, auch dies diene der Sicherheit. Richtig. Aber eben solche moralische Arbeitsteilung unterminiert die Nato.

Vor Trump hat Obama bereits die deutsche Trittbrettfahrerei kritisiert. Das Land der Energiewende ist als Nato-Mitglied Teilhaber an der nuklearen Abschreckung, die andere garantieren. Über solche schmutzigen Geheimnisse deutscher Verteidigungspolitik redet hierzulande niemand.

Stattdessen wird in Berlin und Brüssel geklagt, Trump verstehe den Sinn der Allianz nicht. Er habe keine Ahnung, wozu die US-Truppen in Deutschland eigentlich da seien. Sie unterstützten von Basen wie Ramstein kostengünstig Amerikas Kriege weltweit, und nur in zweiter Hinsicht dienten sie der Rückversicherung der Deutschen. Stimmt! Aber was folgt daraus, wenn Trump nun an diesem Arrangement rüttelt? Es hat in Wahrheit nichts mit mangelndem Verständnis zu tun: Ein großer Teil der US-Bevölkerung will die Kosten für die Rolle als Garant der Weltordnung nicht mehr tragen. Donald Trump vertritt sie. Nichts daran ist illegitim.

Es geht um den Kern der Nato – das gegenseitige Beistandsversprechen, Artikel 5 des Nordatlantikvertrags. Gilt er noch? Die Wette läuft.

Wozu braucht man die Nato heute? Als globale Interventionsmacht ist ihre Bilanz von Libyen bis Afghanistan schlecht. Ihr wahrer Erfolg beruht auf einem Paradox: eine gigantische Militärmaschine, deren Stärke im Nichteinsatz ihrer gewaltigen Mittel liegt. Sie ist nötig als Versicherung gegen Russland, das sich wieder als strategischer Gegner des Westens begreift.

Deutschland muss zwei Dinge zugleich tun: die innere Zersetzung der Nato durch höhere Verteidigungsausgaben stoppen und eine europäische Verteidigung ohne die USA aufbauen. Das kostet am Ende wahrscheinlich deutlich mehr als zwei Prozent vom deutschen Wohlstand. Anders gesagt: Ohne Aufrüstung geht es nicht. Nicht für Trump, sondern gegen ihn.

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