Wie jedes Kind weiß, liegt Hamburg nicht am Meer. Oder doch? Die Ozeandampfer im Hafen, die Möwen, die Brise, das Licht – gefühlt beginnt die Nordsee gleich hinter der Speicherstadt. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Meeresbiologe Nikolaus Gelpke vor 21 Jahren nach einem Umweg über Kiel hier festmachte, um seinen Traum zu verwirklichen: Er wollte ein Magazin gründen, das sich nur einem einzigen Thema widmet, seiner großen Liebe – dem Meer.

In der Medienbranche belächelte man die Idee, ohne einen Funken Ahnung ein teuer produziertes Nischen-Heft aus dem Boden stampfen zu wollen. Noch dazu eine Zeitschrift mit einem lateinischen Titel: mare. Die Gegenwart aus der Perspektive des Kulturraumes Meer zu erzählen, das sei ja wohl "die Fortsetzung von Greenpeace mit ästhetischen Mitteln", spottete die Süddeutsche Zeitung. Nikolaus Gelpke aber ließ sich nicht von seinem Kurs abbringen. Er fand Geldgeber, und während die Printkrise eine Zeitschrift nach der anderen ruinierte, engagierte er hervorragende Fotografen und schickte sie zusammen mit den Autoren auf wochenlange Recherchereisen rund um den Globus. "Ich investiere in Zeit und in Qualität, alles andere ist in meinen Augen Quatsch", sagt der Verleger und Chefredakteur.

Das Ergebnis: zahllose Auszeichnungen, alle zwei Monate 27.000 Käufer – und damit ist eine kleine Hamburger Institution entstanden, die wohl so schnell nicht wieder verschwinden wird.

21 Mitarbeiter hat Nikolaus Gelpke heute insgesamt. Der mare Buchverlag mit seinem feinen Belletristik- und Sachbuchprogramm hat sich laut Gelpke zum Geldbringer des Unternehmens entwickelt. Alle zwei Wochen läuft im NDR mareTV, einmal im Monat auf Radio Bremen die Sendung mare Radio. Dazu verkauft das Unternehmen diverse maritime Accessoires wie den Duft Eau du Levant des Berliner Star-Parfümeurs Geza Schön, Oberhemden mit Oktopus-Druck oder Strandhandtücher.

Dabei ist Nikolaus Gelpke, der Mann mit dem Meeres-Tick, gar nicht am Strand aufgewachsen. Er wurde 1962 in Zürich geboren. "Menschen, die hinterm Deich groß geworden sind, haben oft eine eher rationale Beziehung zum Meer", sagt er, "aber für uns Schweizer ist es ein Sehnsuchtsziel."

Wer ist dieser Mann, und wie wurde er zu dem, der er ist? Im Gespräch wirkt der 2,04 Meter große Gelpke nicht wie einer dieser Medienmacher, die stets schnelle Lösungen parat haben. Er formuliert vorsichtig, stockt häufig, vergewissert sich, ob sein Gegenüber auch bei der Sache ist.

Gelpkes Sehnsucht nach dem Meer beginnt, als er sechs Jahre alt ist. Die Familie – der Vater ist Architekt, die Mutter Fotografin – verbringt die Ferien nördlich von Neapel, Gelpke tobt in den Wellen und beobachtet die Fischer auf ihren Booten. Später lernt er segeln und tauchen, und er verschlingt die Reiseberichte und Filme des Abenteurers Jacques Cousteau. Nach dem Abitur flieht er aus der engen Schweiz und vor seiner dominanten Familie. "Ich hatte ein sehr schlechtes Verhältnis zu meinem Vater und auch zu meiner Mutter", sagt der 55-Jährige. Er sei deswegen viele Jahre lang in Therapie gewesen, das habe ihn gerettet.