DIE ZEIT: Herr Bartosch, Frau Stieler, Sie beide arbeiten auf verschiedene Weise als Therapeuten mit Ostdeutschen in schwierigen Lagen. Hegen Sie eine Faszination für Krisen?

Hans Bartosch: Ha! Ja! Auf gewisse Weise schon.

Cornelia Stieler: Ich bin über meine eigenen Krisen zu den Krisen der anderen gekommen. Die Jahre vor und nach der Wende waren so turbulent, ich musste oft nach neuen Lösungen suchen – irgendwann dachte ich: In meinem Leben steckt so viel drin! Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben. Außerdem bin ich in einer sehr katholischen DDR-Familie aufgewachsen, als erstes von sechs Kindern. Ich war kein Pionier, war nicht in der FDJ, habe keine Jugendweihe gemacht, konnte später nicht auf direktem Weg studieren. Ich war ein Außenseiter und in einer Position, in der ich mich ständig erklären, eine Haltung entwickeln musste. Und dann die Wende, das war eine sehr gewaltige Erfahrung! Heute arbeite ich mit Menschen und Unternehmen, die sich an mich wenden, weil sie Coaching und Beratung brauchen. Und ich stoße immer wieder auf unverarbeitete Wende- und Nachwendeerlebnisse.

ZEIT: Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Stieler: Ich war 24, lebte in Erfurt, war jung verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Im Herbst 1989 wurde mein Mann zur Armee eingezogen, ich blieb mit den Kindern allein. Draußen zogen die Demos vorbei – und ich habe mich eingeschlossen. Ich hatte Angst. Dann dauerte es nicht mehr lang, und wir haben alle unsere Arbeit verloren. Wirklich alle, das gesamte Umfeld, da blieb kein Stein auf dem anderen. Ich musste danach fünf- oder sechsmal neu anfangen. Ich war keinen einzigen Tag arbeitslos, habe immer sofort Anschluss gefunden. Aber ich musste mich permanent neu erfinden, immer von vorn beginnen, später in den Westen fahren, um arbeiten zu können. Im Nachgang würde ich sagen, dass das für mich und viele andere eine sehr schwierige Zeit gewesen ist. Andererseits hat sie mich zu der gemacht, die ich heute bin.

ZEIT: Sind Sie deshalb Coach geworden? Oder sagt man Coachin?

Stieler: Ich sage bewusst: Ich bin Coach – obwohl es viele gibt, die lieber die weibliche Form benutzen. Dass ich Coach geworden bin, war nicht geplant. Ich habe drei Berufsleben: eines vor der Wende, als Bauzeichnerin. Eines nach der Wende als Marketing-Fachfrau im Verlagswesen. Und aus diesen beiden ist schließlich das dritte Berufsleben entstanden. Vor allem in all den Jahren, in denen ich in einem Verlag in Westdeutschland gearbeitet habe, ist mir klar geworden: Bei Konflikten am Arbeitsplatz geht es nicht nur um die Frage, wie wir miteinander kommunizieren, sondern darum, welche Rolle die Biografie eines Menschen spielt. Es geht um den Rucksack, den jeder mit sich trägt.

ZEIT: Sie, Herr Bartosch, sind Seelsorger bei den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg, also im Krankenhaus. Zum Seelsorger fühlt man sich berufen, nicht? Als Seelsorger wird man geboren.

Bartosch: Um Himmels willen, nein! Das ist viel normaler, als die meisten es sich vorstellen. Ich stamme aus einem evangelischen Pfarrhaus im Ruhrgebiet und bin trotz meines Vaters Pfarrer geworden – nicht wegen ihm. Aber das hat mit unserer familiären Konstellation zu tun: Einer meiner Brüder ist gestorben, einer ist schwer behindert. Meine Mutter ist traumatisiert, weil sie mit eigenen Augen ansehen musste, wie ihr Vater ertrunken ist. Und mein Vater hat ein Flüchtlingsschicksal. Also das Normale eigentlich, wie ich gern sage. Auch ich habe keinen ganz geraden Weg eingeschlagen. Im Theologiestudium habe ich alles angezweifelt, danach bin ich bei den Anthroposophen gelandet, habe auf einem Bauernhof gearbeitet, obwohl ich zwei linke Hände habe, und bin erst später wieder in der Theologie gelandet.

ZEIT: Als Seelsorger kommen Sie oft ungebeten zu den Menschen, sind eigentlich nie geladen, oder?

Bartosch: Salopp formuliert: Ich dränge mich fast auf. Ich öffne die Tür zu einem Krankenzimmer und sage: "Guten Tag, ich bin Pfarrer Bartosch, ich mache meinen Rundgang und wollte Sie einmal begrüßen." Jeden Tag rede ich so mit 30 bis 50 Leuten, tummele mich auf allen Gängen und Zimmern. Das ist mein Job, so verstehe ich ihn. Aber ich beginne nie mit einer konkreten Frage. Es ist ein bisschen wie Improvisationstheater. Man redet zuerst über das Wetter, das Essen. Diese Alltagsthemen, die eine wahnsinnige Hilfe sind, um sich wahrzunehmen. Wie viel Nähe oder Distanz braucht der andere? Wie klingt seine Stimme?

ZEIT: Kennen Sie krisenhafte Momente aus Ihrem eigenen Leben?

Bartosch: Viele, ständig. Sonst wird man ja nicht Seelsorger. Den meisten Trost braucht der Seelsorger selber. Ich hatte zum Beispiel immer große Ängste vor Verarmung, aber das war Quatsch. Diese Dimension von Krise verstehe ich erst richtig, seit ich in Magdeburg lebe. Im Osten habe ich viele Menschen getroffen, die eine große Kompetenz besitzen: Sie sagen sich einfach, morgen fange ich etwas Neues an. Ohne lange nachzudenken. Das musste ich nie.

ZEIT: Wie sind Sie nach Magdeburg gekommen?

Bartosch: Ich habe 2011 eine Weiterbildung in Brandenburg gemacht, dort hatte ich zum ersten Mal täglich mit Brandenburgern zu tun. Das war spannend. Auch wenn ich gleich heftige Grundfehler gemacht habe. Ich habe zum Beispiel ältere Frauen gefragt, ob sie berufstätig waren. Die Frauen haben mir einfach nicht geantwortet, denn natürlich waren sie berufstätig gewesen! Später habe ich diese Frage nie wieder gestellt. Als ich eine Stellenausschreibung für Magdeburg sah, habe ich mich sofort beworben. Im Bewerbungsgespräch hat man mich gefragt, ob ich überhaupt wüsste, was der Osten wäre, ob ich wirklich Lust auf dieses Abenteuer hätte? Das klingt eigenartig, aber die Frage war klug gestellt.