"Viele fühlen sich heimatlos"

DIE ZEIT: Herr Bartosch, Frau Stieler, Sie beide arbeiten auf verschiedene Weise als Therapeuten mit Ostdeutschen in schwierigen Lagen. Hegen Sie eine Faszination für Krisen?

Hans Bartosch: Ha! Ja! Auf gewisse Weise schon.

Cornelia Stieler: Ich bin über meine eigenen Krisen zu den Krisen der anderen gekommen. Die Jahre vor und nach der Wende waren so turbulent, ich musste oft nach neuen Lösungen suchen – irgendwann dachte ich: In meinem Leben steckt so viel drin! Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben. Außerdem bin ich in einer sehr katholischen DDR-Familie aufgewachsen, als erstes von sechs Kindern. Ich war kein Pionier, war nicht in der FDJ, habe keine Jugendweihe gemacht, konnte später nicht auf direktem Weg studieren. Ich war ein Außenseiter und in einer Position, in der ich mich ständig erklären, eine Haltung entwickeln musste. Und dann die Wende, das war eine sehr gewaltige Erfahrung! Heute arbeite ich mit Menschen und Unternehmen, die sich an mich wenden, weil sie Coaching und Beratung brauchen. Und ich stoße immer wieder auf unverarbeitete Wende- und Nachwendeerlebnisse.

ZEIT: Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Stieler: Ich war 24, lebte in Erfurt, war jung verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Im Herbst 1989 wurde mein Mann zur Armee eingezogen, ich blieb mit den Kindern allein. Draußen zogen die Demos vorbei – und ich habe mich eingeschlossen. Ich hatte Angst. Dann dauerte es nicht mehr lang, und wir haben alle unsere Arbeit verloren. Wirklich alle, das gesamte Umfeld, da blieb kein Stein auf dem anderen. Ich musste danach fünf- oder sechsmal neu anfangen. Ich war keinen einzigen Tag arbeitslos, habe immer sofort Anschluss gefunden. Aber ich musste mich permanent neu erfinden, immer von vorn beginnen, später in den Westen fahren, um arbeiten zu können. Im Nachgang würde ich sagen, dass das für mich und viele andere eine sehr schwierige Zeit gewesen ist. Andererseits hat sie mich zu der gemacht, die ich heute bin.

ZEIT: Sind Sie deshalb Coach geworden? Oder sagt man Coachin?

Stieler: Ich sage bewusst: Ich bin Coach – obwohl es viele gibt, die lieber die weibliche Form benutzen. Dass ich Coach geworden bin, war nicht geplant. Ich habe drei Berufsleben: eines vor der Wende, als Bauzeichnerin. Eines nach der Wende als Marketing-Fachfrau im Verlagswesen. Und aus diesen beiden ist schließlich das dritte Berufsleben entstanden. Vor allem in all den Jahren, in denen ich in einem Verlag in Westdeutschland gearbeitet habe, ist mir klar geworden: Bei Konflikten am Arbeitsplatz geht es nicht nur um die Frage, wie wir miteinander kommunizieren, sondern darum, welche Rolle die Biografie eines Menschen spielt. Es geht um den Rucksack, den jeder mit sich trägt.

ZEIT: Sie, Herr Bartosch, sind Seelsorger bei den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg, also im Krankenhaus. Zum Seelsorger fühlt man sich berufen, nicht? Als Seelsorger wird man geboren.

Bartosch: Um Himmels willen, nein! Das ist viel normaler, als die meisten es sich vorstellen. Ich stamme aus einem evangelischen Pfarrhaus im Ruhrgebiet und bin trotz meines Vaters Pfarrer geworden – nicht wegen ihm. Aber das hat mit unserer familiären Konstellation zu tun: Einer meiner Brüder ist gestorben, einer ist schwer behindert. Meine Mutter ist traumatisiert, weil sie mit eigenen Augen ansehen musste, wie ihr Vater ertrunken ist. Und mein Vater hat ein Flüchtlingsschicksal. Also das Normale eigentlich, wie ich gern sage. Auch ich habe keinen ganz geraden Weg eingeschlagen. Im Theologiestudium habe ich alles angezweifelt, danach bin ich bei den Anthroposophen gelandet, habe auf einem Bauernhof gearbeitet, obwohl ich zwei linke Hände habe, und bin erst später wieder in der Theologie gelandet.

ZEIT: Als Seelsorger kommen Sie oft ungebeten zu den Menschen, sind eigentlich nie geladen, oder?

Bartosch: Salopp formuliert: Ich dränge mich fast auf. Ich öffne die Tür zu einem Krankenzimmer und sage: "Guten Tag, ich bin Pfarrer Bartosch, ich mache meinen Rundgang und wollte Sie einmal begrüßen." Jeden Tag rede ich so mit 30 bis 50 Leuten, tummele mich auf allen Gängen und Zimmern. Das ist mein Job, so verstehe ich ihn. Aber ich beginne nie mit einer konkreten Frage. Es ist ein bisschen wie Improvisationstheater. Man redet zuerst über das Wetter, das Essen. Diese Alltagsthemen, die eine wahnsinnige Hilfe sind, um sich wahrzunehmen. Wie viel Nähe oder Distanz braucht der andere? Wie klingt seine Stimme?

ZEIT: Kennen Sie krisenhafte Momente aus Ihrem eigenen Leben?

Bartosch: Viele, ständig. Sonst wird man ja nicht Seelsorger. Den meisten Trost braucht der Seelsorger selber. Ich hatte zum Beispiel immer große Ängste vor Verarmung, aber das war Quatsch. Diese Dimension von Krise verstehe ich erst richtig, seit ich in Magdeburg lebe. Im Osten habe ich viele Menschen getroffen, die eine große Kompetenz besitzen: Sie sagen sich einfach, morgen fange ich etwas Neues an. Ohne lange nachzudenken. Das musste ich nie.

ZEIT: Wie sind Sie nach Magdeburg gekommen?

Bartosch: Ich habe 2011 eine Weiterbildung in Brandenburg gemacht, dort hatte ich zum ersten Mal täglich mit Brandenburgern zu tun. Das war spannend. Auch wenn ich gleich heftige Grundfehler gemacht habe. Ich habe zum Beispiel ältere Frauen gefragt, ob sie berufstätig waren. Die Frauen haben mir einfach nicht geantwortet, denn natürlich waren sie berufstätig gewesen! Später habe ich diese Frage nie wieder gestellt. Als ich eine Stellenausschreibung für Magdeburg sah, habe ich mich sofort beworben. Im Bewerbungsgespräch hat man mich gefragt, ob ich überhaupt wüsste, was der Osten wäre, ob ich wirklich Lust auf dieses Abenteuer hätte? Das klingt eigenartig, aber die Frage war klug gestellt.

"Man muss den Schmerz zulassen"

ZEIT: Wieso?

Bartosch: Man wollte prüfen, ob ich wüsste, wie anders die Arbeit hier ist als in Düsseldorf, wo ich vorher war. Am Rhein sind zwei Drittel der Menschen Kirchenmitglieder, in Magdeburg sind es noch zehn Prozent. Im Westen hat man mich in einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid angeschaut. Hat der es wirklich nötig, in den Osten zu gehen? Und manche im Osten dachten, ich sei nur gekommen, weil ich im Westen gescheitert war. Es gibt noch so viele Irritationen, das ist mir vorher nicht klar gewesen.

ZEIT: Sie sagten, Sie haben im Westen gearbeitet, Frau Stieler. Haben Sie solche Unterschiede auch bemerkt?

Stieler: Ich habe im Westen stark wahrgenommen, dass ich anders war. Eigentlich habe ich erst in der Ferne festgestellt, wer wir Ostdeutschen wirklich sind. Wenn ich am Montagmorgen auf die Autobahn fuhr, habe ich mir immer das Auto mit anderen Pendlern vollgeladen, wir hatten alle so viel Gesprächsstoff! Es gab nur ein Thema: Ost und West. Viele von uns hatten damals das Gefühl, moderne Arbeitssklaven zu sein.

ZEIT: Warum?

Stieler: Wir haben sehr viel gearbeitet und weniger verdient als die Westdeutschen. Und wir haben erfahren, dass man im Westen ganz anders miteinander kommuniziert: im beruflichen Kontext deutlich oberflächlicher. In der DDR war man auf Arbeit eine Art Familie und blieb das auch in den ersten Jahren nach der Wende. Man hat sich nach der Arbeit nach Hause eingeladen, zum Grillen zum Beispiel, es wurden die Ehepartner und Kinder mitgebracht. Das Leben und der Alltag wurden miteinander geteilt. Konkurrenz spielte eine sehr untergeordnete Rolle. Ich kann mich auch noch sehr gut daran erinnern, wie die ersten westdeutschen Chefs in den Osten kamen. Die wurden so herzlich begrüßt, an den Abenden von Kollege zu Kollege gereicht, durften die Familien kennenlernen, wurden mit dem Osten vertraut gemacht. Anfänglich gab es eine unglaubliche Willkommenskultur.

ZEIT: Sie sind also auf Ihren Pendlerfahrten in den Westen zum Coach geworden?

Stieler: Ja, das könnte man so sagen. Ich habe viele erschütternde Sachen erlebt. Eine junge Frau, die sich jeden Montagmorgen von ihrem einjährigen Kind verabschieden musste, das sie bei ihren Eltern ließ, weil sie am Münchner Flughafen in der Gastronomie gearbeitet hat. Ich selbst musste mich von meinen eigenen Kindern ja auch jede Woche verabschieden, das war eine sehr schwierige Zeit. Ich bin todunglücklich und heulend weggefahren.

ZEIT: Warum mussten Sie pendeln?

Stieler: Von irgendetwas mussten wir leben. Mein Mann war kurz nach der Wende schwer verunglückt, konnte kein Geld verdienen, und einer musste die Familie durchbringen. Ich erinnere mich, wie einmal eine Münchner Kollegin, die erfahren hatte, dass ich nicht bei meinen Kindern lebte, auf Bayerisch sagte: Ja, bei uns san die Familien noch in Ordnung. Da musste ich tief Luft holen. Auch jetzt, so viele Jahre später, merke ich, wie sehr diese Kränkungen nachwirken. Es gab nicht ein Mindestmaß an Empathie für unsere Situation, die Gräben zwischen Ost und West haben sich in diesem ersten Nachwendejahrzehnt immens verbreitert. Nach der Euphorie kam die Desillusionierung. An der arbeiten wir uns noch heute ab. Meine Klienten berichten mir ständig von Entwertungserfahrungen aus dieser Zeit.

ZEIT: Wie reagieren Sie auf solche Berichte?

Stieler: Ich versuche, an diesen Situationen zu arbeiten. Solche Erlebnisse können nur verarbeitet werden, wenn man sie im Abstand der Jahre noch einmal betrachtet. Man muss den Schmerz zulassen und nachspüren, was diese Entwertungen in einem hinterlassen haben. Heute ist ein zentrales Anliegen meiner Arbeit, die Ost-West-Dialoge so zu verändern, damit solche Entwertungen nicht mehr vorkommen. Oder anders gesagt: zu fragen, wie sich Ostdeutsche schützen können, wenn ihnen jemand nicht respektvoll und auf Augenhöhe begegnet. Ich persönlich steige heute viel leichter aus diesen Gesprächen aus, wenn es auf der anderen Seite keine Empathie gibt. Wenn ich gefragt werde, wie das Leben in der DDR war, ich von Unfreiheit zu sprechen beginne und man mir antwortet: Aber wir konnten in den siebziger Jahren auch nicht jedes Jahr nach Italien fahren! Solche Gespräche breche ich heute ab. Nett und freundlich, aber da gibt es keine Basis.

ZEIT: Brechen Menschen mit Ihnen Gespräche auch ab, wenn Sie merken, dass Sie aus dem Westen kommen, Herr Bartosch?

Bartosch: Nein, die fangen gar nicht erst an. Ich habe erst nach ein oder zwei Jahren in Magdeburg überhaupt realisiert, dass die Menschen schon nach Sekunden wissen, dass ich ein Wessi bin. Das ist der Hammer! Ein Freund von mir sagt, wegen meiner Brille, aber ich bin mir da nicht sicher. Die Leute merken es einfach. Bestimmte Worte, eine bestimmte Haltung. Keine Ahnung. Sofort ist es klar. Also ich lasse mich nie gleich abwimmeln, und bei zwei Dritteln funktioniert das auch. Die kommen danach ganz geschmeidig raus aus dem Karton. Und sind so was von nett und unkompliziert, viel unkomplizierter als viele Westdeutsche. Es ist die reinste Freude!

"Die unglaublich tiefen Kränkungen der Nachwendezeit"

ZEIT: Und wie verhält sich das Drittel, das Sie nicht erreichen?

Bartosch: Die wenden sich ab, machen stoisch ihre Kreuzworträtsel oder reden einfach mit ihrem Nachbarn weiter. Das tut im ersten Moment natürlich weh, aber oft meinen die mich nicht persönlich. Sondern den Westen allgemein oder den lieben Gott, die Kirche, die Politik. Eigentlich das ganze Leben. Aber wenn die Leute reden wollen, passiert eigentlich immer das Erstaunlichste überhaupt: Mit einem Satz drücken die Menschen ihre Situation aus. Dass sie Angst haben, dass sie glücklich sind, dass alles gut oder alles schlecht ist. Das gehört für mich zu den zentralen Erfahrungen in Magdeburg: Die Leute sagen die Wahrheit.

ZEIT: Treffen Sie im Krankenhaus nicht vor allem ältere Menschen?

Bartosch: Nein, eigentlich treffe ich dort alle. Und ich höre dieselben Geschichten wie Frau Stieler. Viele erzählen von den unglaublich tiefen Kränkungen der Nachwendezeit. Ich habe das Gefühl, eigentlich alle sind davon betroffen gewesen. Um nur mal von einer Begegnung zu erzählen, die ich wegen des Seelsorgegeheimnisses etwas verfremde: Gerade heute Morgen habe ich mit einem Mann gesprochen, der viele Jahre als Vermessungsingenieur gearbeitet hat und dem nach dem Mauerfall die westdeutschen Kollegen erzählt haben, er hätte doch eh keine Ahnung. Der Mann hat mir davon ganz liebevoll erzählt, aber ich habe trotzdem gemerkt, dass er schon seit vielen Jahren eine Mauer um sich hochgezogen hatte. Damals ist ihm sein ganzes Leben binnen weniger Monate zusammengeschmolzen. Ich selbst kann mir das ja nur sehr abstrakt vorstellen und versuche in solchen Momenten, einfach zuzuhören.

ZEIT: Hilft es, zuzuhören, Frau Stieler?

Stieler: Auf jeden Fall! Das ist der Königsweg. Bei meinen Klienten habe ich es mit vielen solcher beruflichen Entwertungen zu tun: aberkannte Abschlüsse ...

Bartosch: Ja!

Stieler: ... wertlos gewordene Berufsbiographien ...

Bartosch: Ja!

Stieler: ... mehrfache Arbeitslosigkeit ...

Bartosch: Ja!

Stieler: Und vor allem Kränkungen in Bewerbungsprozessen. Wenn Bewerbungsmappen gesichtet werden und sich darin häufige Wechsel finden, hören die Leute oft abwertende Kommentare. Anstatt zu fragen: Was bedeutet es, wenn jemand immer wieder aufsteht? Wenn ich heute als Coach oder Supervisorin in der Altenpflege arbeite und die Beschäftigten dort über 50 Jahre alt sind, kann ich wetten, dass diese Menschen nicht als Pfleger zu arbeiten begonnen haben. Die waren Rinder- oder Schweinezüchter, Facharbeiter für Mikroelektronik und anderes. Darüber müssen die Leute sprechen können, weil es unglaubliche Anpassungsleistungen sind, die sie erbracht haben und die kaum gesehen werden. Die sie im Gepäck haben. Viele wollen darüber nicht sprechen, sagen: Ach, das bringt doch nichts, ist doch eh vorbei. Diese Schmerzen sitzen tief und brauchen lange, ehe sie an die Oberfläche kommen. Deshalb lade ich auch zu biografischen Wochenendseminaren ein.

ZEIT: Was passiert da?

Stieler: Wir erzählen! Und haben zwei Tage lang Zeit für all diese Geschichten. Es ist irre, was dort abläuft, was die Menschen in den vergangenen 30 Jahren alles erlebt haben. Das halte ich für einen der wesentlichsten Ost-West-Unterschiede: Die meisten Biografien laufen parallel zur Zeitgeschichte. Das sind eben keine nur persönlichen Erlebnisse, familiären Schicksale, üblichen Altersprozesse. Die Historie hat ganz konkret und sehr intensiv in eigentlich alle Familien und deren Umfeld eingegriffen. Deshalb hadern viele mit ihrer eigenen Identität, viele fühlen sich heimatlos und entwurzelt. Die Phänomene sind so vielfältig, der Einzelne kann sie häufig gar nicht deuten und sie sich nicht bewusst machen. Eher tragen die Leute diese negativen Gefühle und Energien mit sich herum. Sie fressen es in sich hinein, machen zu, und dann kommt es an irgendeiner Stelle undosiert raus. Mitunter als Frust, sogar Hass.

Bartosch: Was ich auch oft erlebe: Die Erschütterungen des Lebens brechen sich einfach Bahn, und jemand beginnt von einer Sekunde auf die andere zu weinen. Es stimmt: In den ostdeutschen Biografien findet sich neben all den Freuden und Katastrophen eines ganz normalen Lebens eben noch dieser erheblich stärkere Zugriff der großen Geschichte. Ich will das ehrlich zugeben, das macht es für mich als politisch interessierten Menschen natürlich extrem reizvoll, hier arbeiten zu können. Und ich denke über mein eigenes Westdeutschsein inzwischen anders nach.

ZEIT: Was haben Sie denn hier im Osten über sich erfahren?

Bartosch: Ich habe verstanden, dass ich, obwohl in der westdeutschen Friedensbewegung groß geworden, letztlich ein kalter Krieger bin. Unser Atlas endete in Helmstedt. Von Sachsen-Anhalt bis Mittelsibirien, das war für viele eine Zone. Das Gegenteil unserer Komfortzone, die ging von Mallorca bis nach Schweden.

Stieler: Wie ist das, wenn Sie nach Hause in den Westen kommen und gefragt werden: Wie läuft es denn da drüben in Magdeburg?

Bartosch: Das werde ich ständig gefragt. Vor allem nach den hohen Wahlergebnissen der AfD stellte man mir solche Fragen. Aber in Duisburg, wo ich groß geworden bin, hat die Partei in absoluten Zahlen noch mehr Stimmen bekommen als in Magdeburg. Gott sei Dank, will ich fast sagen, obwohl das natürlich furchtbar ist. Aber das wird oft ausgeblendet. Die AfD gilt als ein Ostproblem, was mich gewaltig ärgert. Ich spüre dann den großen Impuls, die Ostdeutschen gegen diese Zuschreibungen zu verteidigen, obwohl ich mich in meinen Gesprächen freilich auch mit solchen Äußerungen herumschlagen muss. Manche kommen mit den brutalsten Thesen über Fake-News, zionistische Verschwörungen, die sexistischsten Äußerungen über Angela Merkel. All das bekomme ich ungeschminkt ins Gesicht gesagt, rotzig bis zum Anschlag. Ich bin auch schon türenknallend gegangen, weil mal jemand versucht hat, mich an die Wand zu stellen. Ich bin so laut geworden, danach haben mich die Schwestern ins Schwesternzimmer gesetzt und mir einen Kaffee hingestellt. Eigentlich darf ich das nicht, ich habe auch eine Fehlermeldung an die Geschäftsführung geschrieben, aber die Schwestern waren so glücklich, dass auch der Pfarrer einmal ausgeflippt ist.

ZEIT: Aber wie reagieren Sie, bevor Sie die Türen knallen?

"Wir brauchen endlich einen guten Ost-West-Dialog"

Bartosch: Da bin ich Frau Stieler ganz ähnlich, ich beende Gespräche, in denen ich merke: Es bringt nichts. Ich glaube nicht, dass ich alle Situationen deeskalieren kann.

Stieler: Ich muss das präzisieren: Ich beende Gespräche mit Westdeutschen, die keine Empathie zeigen können. Aber bei Ostdeutschen mit zum Beispiel rechtsextremistischen Einstellungen versuche ich, so lange wie möglich dabeizubleiben. Ich beginne, mit ihnen über ihre Biografien zu sprechen. Fast ausnahmslos stößt man auf einen tiefen Schmerz, eine große Verletzung.

Bartosch: Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Neulich sprach ich mit einem, der gleich richtig losgelegt hat: Alle Flüchtlinge wollten sich nur durchfressen, keiner passe auf die Grenzen auf, uns hat man auch nichts geschenkt, Schimpfworte über Merkel, das übelste Zeug, und plötzlich sagt er: Ich wandere nach Holland aus. Da frage ich nach: Wieso Holland? Holland war die glücklichste Zeit meines Lebens, erzählt er mir dann. Wie er dort als Bauarbeiter gearbeitet hat und mit vielen Leuten aus der ganzen Welt zusammengekommen ist. Die fand er alle super. Das ist für mich ein Beispiel für Ungleichzeitigkeiten. Ich vermute, der Mann ist im Mainstream seiner Clique gefangen und passt sich dort an.

Stieler: Ich glaube, es braucht Ventile für diese Menschen. Der Schmerz braucht eine Form, rausgelassen zu werden. Dann hätte eine Partei wie die AfD nicht mehr einen solchen Zulauf, entstünde gar kein Sog.

ZEIT: In welcher Etappe der Verarbeitung der Nachwendezeit befinden wir uns im Moment?

Stieler: Ich glaube, die Menschen fühlen sich erst jetzt in der Lage, den Blick nach hinten zu wagen, differenziertere Fragen zuzulassen. Von 1989 bis weit in die 2000er-Jahre waren die meisten mit ihrer puren Existenzsicherung beschäftigt. Gerade liefen die neuen Staffeln der Fernsehserie Weissensee, in denen es dezidiert um die Neunzigerjahre geht. Viele meiner Bekannten konnten sich das noch immer nicht ansehen. Auch mein Mann ist regelmäßig aufgestanden und rausgerannt: Ich kann das nicht ertragen, sagte er, ich kann das nicht sehen, das regt mich immer noch so auf. Es ist alles noch so frisch.

Bartosch: Die Besprechbarkeit, wenn wir es so nennen wollen, ist weiter und breiter geworden, das glaube ich auch. Obwohl ich wieder merke, wenn ich Frau Stieler zuhöre, dass ich ein Außenstehender bleibe. Aber ich sehe jeden Tag, wie nah und frisch die Erinnerungen an diese nun schon so lange zurückliegende Zeit bei vielen noch immer sind. Selbst bei den Jüngeren ist das noch so. Wenn unsere Krankenpflegeschüler und -schülerinnnen – die sind Anfang 20 und kennen nur das wiedervereinigte Deutschland – über ihre Eltern sprechen, schwanken sie zwischen Stolz auf das, was die Eltern erreicht haben, und einem Verlorensein. Dieser These, wonach sich die jungen Leute nicht mehr dafür interessieren, muss ich ganz entschieden widersprechen. Die stimmt einfach nicht.

ZEIT: Ein Unterschied zwischen Ihnen beiden scheint zu sein, dass Sie, Herr Bartosch, viel mit älteren Leuten am Ende ihres Lebens sprechen. Reden die anders?

Bartosch: Auch mit jüngeren Menschen am Ende ihres Lebens. Aber für die Älteren stimmt, was ein Kollege von mir gern sagt: Der Krieg ist ihnen näher als das nächste Frühstück. Schon bei der Frage, wo jemand geboren ist, öffnen sich Welten. Ob sie nun aus Magdeburg sind, die Stadt noch vor ihrer Zerstörung kannten und davon liebend gern erzählen – oder aus Bessarabien, Ostpreußen, oder sonst woher kommen. Obwohl sie damals Kinder oder Jugendliche waren, können sie noch immer mit großer Präzision erzählen, wie die Mutter die Butter gestampft hat, wie der Vater in den Krieg gezogen ist, wann die Todesmeldung kam. Wahnsinnig genau. Am Ende darf alles noch mal hochkommen, muss bei diesen Kriegskindern alles noch einmal erzählt werden. Familiengeheimnisse wie Parteimitgliedschaften, Vergewaltigungen, Erinnerungen an Leichen. Die Leute erzählen das so genau, dass ich mir alles sofort vorstellen kann. Was wiederum bedeutet, dass die Menschen selbst sich das jeden Tag und jede Nacht vorstellen können.

ZEIT: Reden ostdeutsche Zeitzeugen anders über den Krieg als westdeutsche?

Bartosch: Es wird im Osten viel schneller artikuliert, dass der Krieg von deutschem Boden ausgegangen ist. Dass die Bomben, die auf Magdeburg gefallen sind, nicht die ersten waren, das vorher welche auf Rotterdam und Warschau gefallen sind, die teilweise sogar in Magdeburg produziert worden sind. Das ist für mich ein sehr positives Ergebnis der antifaschistischen Erziehung. Die auch problematisch ist, aber das ist hängen geblieben. Die Deutschen waren schuld am Zweiten Weltkrieg. Aus dem Westen kenne ich stärker das Gefühl, sich als Opfer zu empfinden. Hier dagegen sagt man: Wir hatten es nicht anders verdient. Über diese Genauigkeit bin ich oft beschämt, weil ich selbst nicht wüsste, ob ich diese Größe gehabt hätte.

ZEIT: Müsste es darüber nicht viel mehr Austausch geben, zwischen Ost und West?

Stieler: Ja! Wir brauchen insgesamt endlich einen guten Ost-West-Dialog, unsere Gesellschaft kann nur heilen, wenn auch Ostdeutsche sich mehr artikulieren, einbringen und von Westdeutschen gehört werden. Die Wessis müssten sagen: Wir wollen verstehen, warum ihr so verletzt seid. Was ist denn eigentlich passiert? Es tut so gut, mit offenen und reifen Westdeutschen zu sprechen, die wirklich etwas verstehen wollen, ich erlebe das in meiner Arbeit oft und spüre dann, wie befreiend und wohltuend das sein kann.