Scheitert Europa? Die Wahrheit lautet: Europa ist in den vergangenen siebzig Jahren immer wieder gescheitert, in vielfacher Weise. Es hat dabei gelernt, besser zu scheitern. Europas Scheitern bedeutete auch nicht das Ende Europas, Europas Fehlschläge wurden vielmehr zu Bausteinen seines Erfolgs. Liegen die Dinge heute anders? Kündet der Lärm, den wir heute hören, von einem erneut konstruktiv scheiternden Europa – oder kündet er von einem Europa, das auseinanderbricht?

Das Europa, das wir heute kennen, setzt sich aus drei verschiedenen "Europas" zusammen: dem Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dem Europa der Menschenrechte nach 1968 und schließlich dem geeinten Europa, das nach dem Ende des Kalten Kriegs entstanden ist. Diese drei Europas werden heute allesamt infrage gestellt.

Betrachten wir zuerst das Nachkriegseuropa, das die Grundlage des europäischen Projekts bildete. Es war ein Europa, in dem die Schrecken und Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs noch lebendig waren, ein Europa, das in der ständigen Angst lebte, der nächste Krieg – ein atomarer Krieg – werde der letzte sein. Dieses Nachkriegseuropa scheitert heute, weil für die jüngeren Generationen der Zweite Weltkrieg sehr weit entfernt ist. Auf eine Weise hatte Francis Fukuyama mit seiner These vom "Ende der Geschichte" sehr recht: Die jüngeren Generationen haben vielleicht die Lektionen der Geschichte gelernt, aber sie denken nicht historisch. Im Zeitalter des Internets hat der Staat zudem viel von seinem Monopol der politischen und zivilgesellschaftlichen Erziehung verloren. Obwohl die jüngere Generation intensiver kommuniziert als jede andere Generation vor ihr, kommuniziert sie vorwiegend mit ihren Altersgenossen, ein Paradox der Revolution in den Kommunikationstechnologien. Permanenter "Chat" ist nicht hilfreich, wenn es darum geht, die Erfahrungen früherer Generationen weiterzugeben.

Zwei weitere Faktoren untergraben heute in Europa die zementierende Kraft der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg: Erstens ist die Generation der Überlebenden nicht mehr da, und zweitens ist für die meisten Flüchtlinge und Migranten, die von außerhalb Europas in unsere Gesellschaften kommen, der Zweite Weltkrieg nicht ihr "Krieg". Für syrische Flüchtlinge bedeutet "Krieg" die Zerstörung Aleppos und nicht die Zerstörung Warschaus oder Dresdens.

Und das Nachkriegseuropa scheitert auch deshalb, weil die meisten Europäer den Frieden nach wie vor als selbstverständlich betrachten, obwohl sie deutlich sehen, dass sich die Welt allmählich in einen gefährlichen Ort verwandelt und man nicht mehr darauf bauen kann, dass die Vereinigten Staaten von Amerika Europa verteidigen. Brüssel beharrt weiter darauf, dass allein Soft Power und wirtschaftliche Stärke zählten, während militärische Macht der Vergangenheit angehöre, aber das klingt zunehmend falsch. So gesehen, hat uns das von der Nachkriegszeit geprägte Denken verwundbar gemacht und war nicht unbedingt zu unserem Vorteil. Für Deutschland scheint es besonders schmerzlich zu sein, diese neue Wirklichkeit anzuerkennen. Kurzum: Das heutige Nachkriegseuropa steht nicht mehr für eine friedliche Macht, es steht für ein Europa, das außerstande ist, sich selbst zu verteidigen.

Ein weiteres Europa scheitert: das Europa als Projekt der Nach-1968-Zeit, das Europa der Menschen- und vor allem der Minderheitenrechte. Die große Bedeutung von 1968 für das europäische Bewusstsein besteht darin, dass wir in jener langen Achtundsechziger-Zeit zu der Überzeugung gelangt sind, der Staat sei eine Instanz, die uns beschützt, aber gleichzeitig auch bedroht. Die enorme Leistung der Achtundsechziger war es, dass sie die Europäer dazu brachten, den Staat mit den Augen der besonders verletzlichen und verfolgten Gruppen unserer Gesellschaften zu betrachten. Dieser revolutionäre Umschwung in der Wahrnehmung der Welt und der Rolle Europas in dieser Welt war zum großen Teil das Ergebnis der Dekolonisierung, aber auch des globalen Aufstiegs der demokratischen Vision. Wenn das Nach-1968-Europa mit einem Begriff definiert werden müsste, dann wäre er Inklusion.

Dieses Nach-1968-Europa steht heute gleichfalls infrage. Der dramatische demografische und soziale Wandel, der unsere Gesellschaften in den vergangenen Jahrzehnten umgestaltet hat, brachte bedrohte Mehrheiten hervor – jene, die alles haben und deshalb alles fürchten –, die zu einer treibenden Kraft der europäischen Politik geworden sind. Bedrohte Mehrheiten bekunden heute eine genuine Angst, zu den Verlierern der Globalisierung und insbesondere zu den Verlierern verstärkter Bevölkerungsbewegungen zu werden. Das bestimmende Merkmal der Politik bedrohter Mehrheiten ist deren Bild einer Zukunft, in der sie eine Minderheit im eigenen Land sind und ihre Kultur und Lebensweise gefährdet sind. Es wäre ein schwerer politischer Fehler der Liberalen, diese Ängste zu ignorieren oder lächerlich zu machen. In der demokratischen Politik sind Wahrnehmungen die einzige Realität, die zählt.

Viele politische Bewegungen, die heute an Popularität gewinnen, rücken die Rechte der Mehrheiten und besonders deren kulturelle Rechte in den Vordergrund. Mehrheiten betonen, sie hätten das Recht, zu entscheiden, wer zu ihrer politischen Gemeinschaft gehört, und das Recht, ihre eigene Kultur zu schützen. Diesbezüglich war die Einwanderungskrise ein Wendepunkt für die europäische Öffentlichkeit in ihrer Sicht auf die Globalisierung. Die Einwanderungskrise markierte sowohl das Ende des Nach-1968-Europas als auch das Scheitern einer bestimmten Idee des Nach-1989-Europas, denn heute erleben wir den Zusammenbruch eines ehemals einigenden Konsenses. Es ist symptomatisch, dass laut Umfragen die jüngere Generation überall in Europa sexuellen Minderheiten sehr viel mehr Rechte einräumt, während sie bezüglich der Migranten und in der Wahrnehmung nichteuropäischer Migranten als einer Bedrohung mit der älteren Generation einer Meinung ist.

Die Flüchtlingskrise war Europas 11. September. Wie der 11. September 2001 die Amerikaner dazu brachte, die Welt, die Amerika geformt hat, mit anderen Augen zu sehen, so zwingt die Flüchtlingskrise die Europäer, einige grundlegende Prämissen ihrer bisherigen Haltung gegenüber der Globalisierung zu überdenken.