Hanna Jacobs, 30, ist evangelische Theologin zwischen Vikariat und Pfarramt. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Nahezu jeder kennt jemanden, der schon einmal eine Psychotherapie gemacht hat oder medikamentös behandelt wird. Die meisten wissen auch, zumindest vom Hörensagen, um einen Menschen, dessen psychische Erkrankung in einem Suizid endete. Jeder kennt jemanden, aber geredet wird wenig darüber. Während eine rote Schleife Solidarität mit HIV-Infizierten demonstriert und Prominente sich vor einigen Jahren öffentlichkeitswirksam Eiswasser über den Kopf kippten, um auf eine seltene Muskelerkrankung aufmerksam zu machen, haben es psychische Krankheiten noch nicht aus dem Halbschatten des Tabus herausgeschafft. Das werden sie auch nicht, wenn ein Bundesland wie Bayern erwägt, polizeilich zu registrieren, wer psychisch erkrankt ist. Genau so schafft man ein Klima aus Angst und Scham, in dem sich nicht behandeln lässt, wer Hilfe braucht.

Das Leiden an der Seele ist auf den ersten Blick unsichtbar und vielleicht gerade darum ungeheuer. Und so fährt man zur Kur "wegen der Allergien", weil die Nachbarinnen und Kollegen nichts von der bipolaren Störung erfahren sollen. Der Sohn "macht ein Urlaubssemester", weil er es aufgrund einer Angststörung nicht mehr in die Uni schafft. Die Kirche könnte ein geschützter Raum sein, wo das eben kein Tabu ist, sondern mitgefühlt und gemeinsam ausgehalten wird. Sie ist es leider nicht.

Das scheint zunächst paradox, denn die Kirche stellt wertvolle Ressourcen wie die Telefonseelsorge oder kirchliche Beratungsangebote kostenlos zur Verfügung. Den Mühseligen und Beladenen beizustehen ist Christenpflicht, doch scheinbar kann das nur, wer selbst stets ausgeglichen ist. Jedem Gespräch über Depressionen, das ich mit Kommilitonen oder Kolleginnen geführt habe, folgte der Satz: "Aber bitte sag niemandem, dass ich schon mal eine Therapie gemacht habe!" Kaum eine Pfarrerin oder Presbyteriumsvorsitzende, die offen mit einer psychischen Erkrankung umgeht. Von Landeskirchenräten und Bischöfen ganz zu schweigen.

Und ich kann es verstehen – die Sorge, für schwach, also ungeeignet befunden zu werden, ist groß. Zumindest über Burnout redet man inzwischen zum Glück. Denn wer Burnout hat, hat zu viel gearbeitet, und viel arbeiten, ordentlich was schaffen, das ist gesellschaftlich anerkannt. Doch Kirche ist nicht nur für die Anerkannten da oder die, die bis zum Umfallen arbeiten. Es muss auch mit psychischen Beeinträchtigungen möglich sein, im Rahmen seiner Kräfte Kirche mitzugestalten. Es ist längst Zeit, zu überlegen, wie psychische Gesundheit aktiv gefördert werden kann. Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, hat übrigens letztes Jahr das erste Mal öffentlich darüber gesprochen, dass er an depressiven Episoden leidet. Jetzt ist eine gute Zeit.