Früher, in der alten Bundesrepublik, gab es den Spießer. Der Spießer wohnte in der Kleinstadt, trug Adiletten und fuhr einen Opel. Meistens guckte er aus dem Fenster und kontrollierte die Straße: Wenn ein Auto falsch parkte, notierte er sich eifrig Modell, Farbe und Nummernschild. Manchmal fuhren Kinder fröhlich auf ihren Fahrrädern die Straße herunter, Plastikfahnen flatterten an ihren Gepäckträgern. Wenn sie den Spießer sahen, lachten sie ihn herzlich aus und brausten davon.

Heute, in der nervösen neuen Bundesrepublik, gibt es den Spießer immer noch. Er trägt sogar die gleichen Badeschlappen wie damals, nur nennt er sie jetzt ironisch "Brudiletten". Denn der Spießer von heute wohnt in der Großstadt. Er fährt auch nicht mehr Opel, sondern Fahrrad. Und wehe, er erwischt einen Falschparker, der seinen Radweg blockiert! Der neue Spießer macht sofort ein Foto, lädt es bei Twitter hoch und schreibt dazu: "Schon zum 3. Mal diese Woche parkt das DHL-Auto auf dem Radweg und ich muss ausweichen! @polizeiberlin warum tun Sie nichts??"

In jeder Twitter-Timeline, in jedem Facebook-Feed begegnet einem dieser Radfahr-Robespierre inzwischen. Woher nimmt er seinen selbstgerechten Zorn? Muss nicht jeder, der begeistert einem Hobby nachgeht, ob Golfer, Angler oder Radler, sich den Gegebenheiten anpassen, die er vorfindet? Auch wenn das manchmal ärgerlich sein mag?

Das Problem: Leider ist Radfahren kein Hobby mehr. Radfahren ist jetzt die Zukunft. Spätestens seit die Autoindustrie über ihre Diesellügen gestolpert ist, neigt sich das lange Jahrhundert des Verbrenner-Pkw dem Ende zu. Je tiefer aber das Auto in die Krise rutscht, desto mehr wird Radfahren, einst das freie Spiel abenteuerlustiger Kinder, zur überernst genommenen Sache der Erwachsenen, zu Ideologie. In turbulenten Zeiten braucht jeder etwas, woran er sich festhält. Für viele ist das der Fahrradlenker.

Ungezählt die Manifeste und Grundsatzprogramme, die das Rad zum Verkehrsmittel der Zukunft erklären. Fahrradfreundlich sollen die Städte werden, fahrradfreundlich die Verkehrsparagrafen (ZEITmagazin Nr. 27/18). Die Argumente scheinen auf der Hand zu liegen: Das Fahrrad braucht keine fossilen Brennstoffe, es hält die Luft sauber und schadet nicht dem Klima. Außerdem spart es Platz, und der Radfahrer hält sich fit. Aber kann die Zukunft nicht genauso das E-Auto sein, der E-Roller, die Drohne, das Zufußgehen, das Zuhausebleiben, eine Mischung aus alledem oder ganz was anderes? Man traut sich gar nicht mehr nachzufragen, angesichts all der Velo-Hymnen. Doch Alternativen gäbe es; und wenig spricht dafür, dass ausgerechnet zwei Räder und zwei Pedale das ideale Design für die Massenmobilität der Zukunft bilden. Warum also ausgerechnet das Rad?

Fahr Rad! heißt eine aktuelle Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, wo man sich ganz aktionistisch der Veloisierung unserer Städte verschrieben hat. Aber auch hier kennt man auf diese Frage keine rechte Antwort. "Ein Rad hat mit seiner Geschwindigkeit und Sitzhöhe das richtige Maß, um den Stadtraum bewusster zu erleben", heißt es im Katalog. Das jedenfalls ist schlicht falsch, wie jeder weiß, der heute Morgen scharf bremsen oder zur Seite springen musste, weil wieder ein Radler ganz bewusstlos aus einer Parklücke in den Stadtraum schoss.

Die Radfahr-Evangelisten wissen insgeheim selbst, dass die Überlegenheit ihres Verkehrsmittelchens nicht ganz so offensichtlich gilt, wie sie behaupten. Als weitergehende Rechtfertigung haben sie sich darum eine Privatmythologie zusammenfantastiert. Regelmäßig treffen sich Radfahrer zu Kolonnenfahrten durch die Innenstadt, genannt "Critical Mass" – eine Bewegung, die in den Neunzigerjahren in San Francisco ins Leben gerufen wurde. Das Ziel: den Verkehr so zu blockieren, dass nur noch Fahrradfahrer passieren können. "Reclaim the streets" ist das Motto dieser Aktionen: Wir holen uns die Straßen zurück! Und auch die Frankfurter Ausstellung trägt den Untertitel "Die Rückeroberung der Stadt". "Reclaim" und "Rückeroberung" klingen, als gehöre im natürlichen Urzustand der Welt aller Raum den Fahrrädern. Radler stilisieren sich zu den vertriebenen Ureinwohnern der Straße, unter Autos leiden sie wie Indios und Aborigines unter den Eroberern.

Keine Metropole auf der Welt aber wurde je gebaut für Fahrradfahrer. Die Verantwortlichen der Stadt Prag wissen das noch: Sie haben kürzlich beschlossen, das Radfahren in den Fußgängerzonen der Altstadt zu untersagen. Das Zentrum der Stadt sei "aus historischer Sicht nicht für Fahrräder geeignet", und man müsse zuerst die Sicherheit der Fußgänger garantieren. Ein seltenes Glück, wenn Pragmatiker der Stadtplanung wieder abrücken von der neuen Zweiradfixierung und an den Fußgänger denken – immerhin werden in vielen Großstädten mehr als 40 Prozent der Wege zu Fuß zurückgelegt, wie der "Fachverband für Fußverkehr" schätzt.

Auf zwei Rädern ist kein Platz für Solidarität

Und wer liebt eigentlich noch den ÖPNV? Fast niemand in Deutschland muss mit dem Rad fahren, wenn er nicht will; es gibt noch einen funktionierenden, gut ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr. Man würde sich wünschen, dass umwelt- und gesellschaftsbewusste Deutsche sich für neue Bushaltestellen genauso begeistern wie für die "sanften Kurven der Radbrücke Cykelslangen", von denen die Ausstellung schwärmt. Denn anders als das Fahrrad ist der öffentliche Nahverkehr tatsächlich ein solidarisches Gemeinschaftsprojekt.

Fast niemand muss Rad fahren. Und das Schicksal derer, die es müssen, sollte uns eine Warnung sein. Die bunten Niedriglohnknechte der Food-Lieferdienste transportieren ihre Tornister mit den Pizzen und dem Inside-out-Sushi nicht in bösen Autos, sondern auf angeblich menschenfreundlichen Fahrrädern. Die müssen sie oft selbst stellen, für die Reparaturen meist allein aufkommen. Wenigstens, tröstet sich der Fahrer, halte ich mich beim Radeln fit. Für die Altersvorsorge bleibt nämlich nichts übrig beim Job für den Online-Lieferdienst.

Währenddessen deponieren andere Plattform-Kapitalisten Tausende Leihfahrräder auf den Straßen europäischer Städte, ohne Genehmigung oder Bedarfsprüfung, zum Ärger von Behörden und Anwohnern. In München, London und Zürich sei "man schon genervt von den Billigrädern", heißt es im Bayerischen Rundfunk, "sie müllen die Straßen zu. Sie stehen dort, wo eigentlich Platz sein müsste für Fußgänger. Die Räder versperren Zufahrten oder liegen verbeult und kaputt haufenweise in Flüssen oder Gebüschen." Die meist in China ansässigen Firmen, heißt es, sind scharf auf die Kundendaten, die sie über die Leihrad-App abschöpfen.

Das ist das echte Stadtbild mit Fahrrad: Hier vorn strampelt sich ein Lieferfahrer ohne Betriebsrat ab, da hinten fliegt wieder ein gelbes Leihrad in den Kanal. Der Pkw oder das Moped wäre für eine solche Blitzübernahme der Innenstädte ungeeignet gewesen – ein Rad hingegen braucht kein Kennzeichen, keine Versicherung, keine Registrierung. Nur das Rad ist flexibel, komplett dereguliert und wird betrieben allein mit der Kraft eines einzelnen Menschen, als Muskel-Ich-AG – es ist das wirkliche Fahrzeug des entgrenzten Neoliberalismus. Der Fahrradfahrer ist nicht weniger Einzelkämpfer als der Autofahrer; auch er tut sich mit keinem zusammen, mit niemandem spricht er sich ab, er schneidet die Kurven und verflucht immer die anderen. Auf einem Fahrrad kann man nicht flanieren. Man kann nicht einmal anhalten, ohne umzufallen. Im Auto lässt sich wenigstens noch einer mitnehmen, mit dem man sich unterhalten kann.

Apropos Auto: Nachdem schon aus der gemütlichen Familienkutsche der brutale SUV geworden ist, der den Eingang zur Kita blockiert, rüsten nun auch die Fahrrad-Eltern auf. Was anderen der Volvo XC90 mit Tageszulassung, das ist ihnen das Lastenfahrrad, ein sperriges Bike mit wertiger Holzladekiste vor dem Lenker. In den notorisch wohlstandsverwahrlosten Stadtteilen des Landes, in Eppendorf, Haidhausen und im Agnesviertel, pflügen immer mehr Eltern mit solchen Zweirad-Kleinlastern die Passanten vom Bürgersteig, sie haben es eilig, denn sie fahren ihre Kinder in die Homöopathie-Notaufnahme. Bakfiets heißt so ein Lastenrad in den Niederlanden, wo es besonders beliebt ist. 2000 Euro und mehr kostet es, und da sind die Zeltaufbauten sowie die Halterung für den Maxi-Cosi noch nicht eingerechnet. Kein Wunder, dass das Bakfiets in Städten wie Rotterdam bereits zum verhassten Symbol der Gentrifizierung geworden ist.

Der Radfahrer kann sich eben nicht freistrampeln von den sozioökonomischen Machtverhältnissen, in denen er fährt. Er schimpft auf den Paketdienstfahrer, der ihm den Fahrradstreifen zuparkt, obwohl er weiß um die unerreichbaren Ziel- und Zeitvorgaben der prekär beschäftigten Zusteller, denen es um jede Sekunde geht und um jeden Euro. Dem Radfahrer hingegen geht es um "Lebensqualität pur", um Fitness und um das Umweltbewusstsein der Glücklichen, die sich eines leisten können. Und insgeheim geht es ihm, wie allen in der Konkurrenzgesellschaft, darum, möglichst schnell anzukommen, vor allen anderen. Auf zwei Rädern ist kein Platz für Solidarität. Auch nicht gegenüber jenen Radfahrern, die tatsächlich schuldlos in Verkehrsunfälle verwickelt werden. Für sie wirkt es wie Hohn, dass jeder noch so rücksichtslose Radler sich ebenfalls als Opfer der Autofahrer und ihrer Verkehrslobby inszenieren darf. Irgendein Pkw wird sich schon finden, dem er mit der Faust aufs Dach schlagen kann, weil er sich geschnitten, bedrängt, marginalisiert fühlt. Das ist dem meist weißen Radfahrermann besonders wichtig, denn ihm fehlen andere Marginalisierungserfahrungen, die er öffentlichkeitswirksam beklagen kann. Nur auf dem Rad vermag er seine Moralistenpflicht gleich doppelt zu erfüllen: als Klimakämpfer und als ohnmächtiger Partisan im Straßenkampf.

Seit einiger Zeit ist viel die Rede von einer selbstgerechten kulturellen Elite, die ihre linken Ideale zugunsten eines moralisierenden und identitätspolitischen Kurses verraten habe. Seltsamerweise ist bisher das eindringlichste Beispiel für diesen Typus des neoliberalen Linken der Flüchtlingsfreund, der am Bahnhof für Refugees klatscht. Das ist natürlich Unsinn. Neoliberale Linke, die stets den Zeigefinger oben halten und die Arbeiterklasse möglichst weit unten, stehen nicht an Bahnhöfen und applaudieren. Sie umfahren auf gut ausgeschilderten Radwegen jedes Bahnhofsviertel weiträumig. Sie sind Radfahrer. Denn Radfahren ist Identitätspolitik für all die Kleinfamilien gründenden biodeutschen Lehrerkinder, denen es an nichts fehlt. Erst wenn man so jemanden mit selbstgerechter Miene sich auf dem Rad durch den Berufsverkehr drängeln sieht, hat man dem linken Neoliberalismus ins Gesicht geschaut: Alle gegen alle, aber wenigstens bleibe ich dabei gesund und habe ein richtig, richtig gutes Gewissen.

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