Und wer liebt eigentlich noch den ÖPNV? Fast niemand in Deutschland muss mit dem Rad fahren, wenn er nicht will; es gibt noch einen funktionierenden, gut ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr. Man würde sich wünschen, dass umwelt- und gesellschaftsbewusste Deutsche sich für neue Bushaltestellen genauso begeistern wie für die "sanften Kurven der Radbrücke Cykelslangen", von denen die Ausstellung schwärmt. Denn anders als das Fahrrad ist der öffentliche Nahverkehr tatsächlich ein solidarisches Gemeinschaftsprojekt.

Fast niemand muss Rad fahren. Und das Schicksal derer, die es müssen, sollte uns eine Warnung sein. Die bunten Niedriglohnknechte der Food-Lieferdienste transportieren ihre Tornister mit den Pizzen und dem Inside-out-Sushi nicht in bösen Autos, sondern auf angeblich menschenfreundlichen Fahrrädern. Die müssen sie oft selbst stellen, für die Reparaturen meist allein aufkommen. Wenigstens, tröstet sich der Fahrer, halte ich mich beim Radeln fit. Für die Altersvorsorge bleibt nämlich nichts übrig beim Job für den Online-Lieferdienst.

Währenddessen deponieren andere Plattform-Kapitalisten Tausende Leihfahrräder auf den Straßen europäischer Städte, ohne Genehmigung oder Bedarfsprüfung, zum Ärger von Behörden und Anwohnern. In München, London und Zürich sei "man schon genervt von den Billigrädern", heißt es im Bayerischen Rundfunk, "sie müllen die Straßen zu. Sie stehen dort, wo eigentlich Platz sein müsste für Fußgänger. Die Räder versperren Zufahrten oder liegen verbeult und kaputt haufenweise in Flüssen oder Gebüschen." Die meist in China ansässigen Firmen, heißt es, sind scharf auf die Kundendaten, die sie über die Leihrad-App abschöpfen.

Das ist das echte Stadtbild mit Fahrrad: Hier vorn strampelt sich ein Lieferfahrer ohne Betriebsrat ab, da hinten fliegt wieder ein gelbes Leihrad in den Kanal. Der Pkw oder das Moped wäre für eine solche Blitzübernahme der Innenstädte ungeeignet gewesen – ein Rad hingegen braucht kein Kennzeichen, keine Versicherung, keine Registrierung. Nur das Rad ist flexibel, komplett dereguliert und wird betrieben allein mit der Kraft eines einzelnen Menschen, als Muskel-Ich-AG – es ist das wirkliche Fahrzeug des entgrenzten Neoliberalismus. Der Fahrradfahrer ist nicht weniger Einzelkämpfer als der Autofahrer; auch er tut sich mit keinem zusammen, mit niemandem spricht er sich ab, er schneidet die Kurven und verflucht immer die anderen. Auf einem Fahrrad kann man nicht flanieren. Man kann nicht einmal anhalten, ohne umzufallen. Im Auto lässt sich wenigstens noch einer mitnehmen, mit dem man sich unterhalten kann.

Apropos Auto: Nachdem schon aus der gemütlichen Familienkutsche der brutale SUV geworden ist, der den Eingang zur Kita blockiert, rüsten nun auch die Fahrrad-Eltern auf. Was anderen der Volvo XC90 mit Tageszulassung, das ist ihnen das Lastenfahrrad, ein sperriges Bike mit wertiger Holzladekiste vor dem Lenker. In den notorisch wohlstandsverwahrlosten Stadtteilen des Landes, in Eppendorf, Haidhausen und im Agnesviertel, pflügen immer mehr Eltern mit solchen Zweirad-Kleinlastern die Passanten vom Bürgersteig, sie haben es eilig, denn sie fahren ihre Kinder in die Homöopathie-Notaufnahme. Bakfiets heißt so ein Lastenrad in den Niederlanden, wo es besonders beliebt ist. 2000 Euro und mehr kostet es, und da sind die Zeltaufbauten sowie die Halterung für den Maxi-Cosi noch nicht eingerechnet. Kein Wunder, dass das Bakfiets in Städten wie Rotterdam bereits zum verhassten Symbol der Gentrifizierung geworden ist.

Der Radfahrer kann sich eben nicht freistrampeln von den sozioökonomischen Machtverhältnissen, in denen er fährt. Er schimpft auf den Paketdienstfahrer, der ihm den Fahrradstreifen zuparkt, obwohl er weiß um die unerreichbaren Ziel- und Zeitvorgaben der prekär beschäftigten Zusteller, denen es um jede Sekunde geht und um jeden Euro. Dem Radfahrer hingegen geht es um "Lebensqualität pur", um Fitness und um das Umweltbewusstsein der Glücklichen, die sich eines leisten können. Und insgeheim geht es ihm, wie allen in der Konkurrenzgesellschaft, darum, möglichst schnell anzukommen, vor allen anderen. Auf zwei Rädern ist kein Platz für Solidarität. Auch nicht gegenüber jenen Radfahrern, die tatsächlich schuldlos in Verkehrsunfälle verwickelt werden. Für sie wirkt es wie Hohn, dass jeder noch so rücksichtslose Radler sich ebenfalls als Opfer der Autofahrer und ihrer Verkehrslobby inszenieren darf. Irgendein Pkw wird sich schon finden, dem er mit der Faust aufs Dach schlagen kann, weil er sich geschnitten, bedrängt, marginalisiert fühlt. Das ist dem meist weißen Radfahrermann besonders wichtig, denn ihm fehlen andere Marginalisierungserfahrungen, die er öffentlichkeitswirksam beklagen kann. Nur auf dem Rad vermag er seine Moralistenpflicht gleich doppelt zu erfüllen: als Klimakämpfer und als ohnmächtiger Partisan im Straßenkampf.

Seit einiger Zeit ist viel die Rede von einer selbstgerechten kulturellen Elite, die ihre linken Ideale zugunsten eines moralisierenden und identitätspolitischen Kurses verraten habe. Seltsamerweise ist bisher das eindringlichste Beispiel für diesen Typus des neoliberalen Linken der Flüchtlingsfreund, der am Bahnhof für Refugees klatscht. Das ist natürlich Unsinn. Neoliberale Linke, die stets den Zeigefinger oben halten und die Arbeiterklasse möglichst weit unten, stehen nicht an Bahnhöfen und applaudieren. Sie umfahren auf gut ausgeschilderten Radwegen jedes Bahnhofsviertel weiträumig. Sie sind Radfahrer. Denn Radfahren ist Identitätspolitik für all die Kleinfamilien gründenden biodeutschen Lehrerkinder, denen es an nichts fehlt. Erst wenn man so jemanden mit selbstgerechter Miene sich auf dem Rad durch den Berufsverkehr drängeln sieht, hat man dem linken Neoliberalismus ins Gesicht geschaut: Alle gegen alle, aber wenigstens bleibe ich dabei gesund und habe ein richtig, richtig gutes Gewissen.

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