Die Küche im Roots ist ein Politikum. Bislang war ihr Status strittig; nun darf man sie offiziell nordmazedonisch nennen. Zwar kreiste der nach 27 Jahren beigelegte Streit zwischen Griechenland und Mazedonien nicht exakt um das Restaurant am Bahnhof von Blankenese. Um Wurzeln ging es aber schon, bis zurück zu Alexander dem Großen. Und um die Frage, ob der frühere jugoslawische Teilstaat so ähnlich heißen darf wie die angrenzende griechische Provinz Makedonien. Fortan heißt er Republik Nordmazedonien. Und er ist kulinarisch vertreten in unserer Stadt.

Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Das Roots ist keiner jener übrig gebliebenen Jugoslawen, die jetzt als Kroaten weitermachen. Es wurde erst vor einem halben Jahr eröffnet und grenzt sich schon optisch vom Balkanstuben-Ambiente ab. Ein großes, kühl möbliertes Lokal mit Zigarrenlounge und angeschlossenem Burger-Grill – wohl in der weisen Voraussicht, dass die mazedonische Küche noch nicht in aller Munde ist. Auf der Terrasse, neben den Tischen, stehen Töpfe mit Tomaten, Chilis und Basilikum. Eine Schiefertafel bewirbt italienisch angehauchte Tagesgerichte. Doch das Hauptangebot ist stramm mazedonisch.

Zu bedauern sind Vegetarier, die dem Rüben-Logo gefolgt sind. Nordmazedonien ist ein Bergland ohne Zugang zur Adria. Entsprechend bildet Fleisch den Dreh- und Angelpunkt dieser Küche. Man merkt es auch, wenn der Kellner später die Platten aufträgt: "Hier haben wir einen schönen Lammbraten und dort, ähm, Fisch."

© Charlotte Schreiber für DIE ZEIT

Der Gast hat sich für die "Mazedonische Speisereise" entschieden, ein heroisches Unternehmen: Für den Preis von zwei Hauptgerichten macht das Haus einen mit der Kochkultur eines Staats vertraut, den die meisten Deutschen kaum auf der Europakarte fänden.

Die Anreise, das muss man sagen, hält einen Kulturschock bereit. Fast alle Speisen auf dem Vorspeisenteller scheinen frittiert worden zu sein: vom Schafskäse im Speckmantel über die gewürzten Riesenkroketten bis hin zum Gouda in Dreiecksform, der wie die Chicken Wings sehr westmazedonisch wirkt. Am besten gefallen noch die beiden Paprikasaucen in Rot und Grün und der Gurken-Joghurt-Dip, den man gewiss nicht Tsatsiki nennen kann, ohne diplomatische Verwicklungen heraufzubeschwören. War das nun schon real food made with love, wie die Werbung verspricht? Diese Liebe liegt schwer im Magen.

Der Kellner nimmt den halb vollen Teller fröhlich mit zurück: "Ja, ist fettig, aber muss sein!" Vielleicht auch darum, weil er weiß, dass es jetzt viel besser wird. Die Liebe der Köche scheint mehr den Hauptspeisen zu gelten, die nun als Naschportionen kommen. Sie unterscheiden sich spürbar von der kroatischen Küche der meisten Balkanlokale: mehr Kartoffeln als Reis, mehr Pilze als Paprika, und es wird mehr geschmort als gegrillt. Der Lammbraten ist wirklich sehr herzhaft und saftig, genauso das Bauernfleisch – Schwein und Huhn mit Champignons. Man schmeckt eine schnörkellose Erdigkeit, die zum Namen Roots gut passt. Auch der unbestimmte Fisch gefällt mit seinem Sud aus Weißwein, Zwiebeln und Tomaten.

Der Kellner erweist sich als liebenswürdiger Reiseleiter. Mal empfiehlt er Pausen zwischen den Gängen ("Zeit haben wir"). Mal treibt er sich selbst an: "Alter Mann, rede nicht. Gib Essen her." Als er hört, dass der Gast mal in Skopje war, greift er sich sogar ans Herz: "Ah, da komme ich her. Die Hauptstadt. So schön wie Paris."

Das Dessert setzt den Speisereisenden sanft wieder im Westen ab. Es heißt Topo Ladno, ist aber ein urfranzösisches Schokoküchlein mit flüssigem Kern. Man möchte nicht darauf wetten, dass die mazedonische Küche so bald Europa erobert. Doch was Blankenese betrifft, scheint die Westanbindung zu funktionieren. Am späteren Abend kommt ein Mann vorbei und winkt dem Kellner zu. "Grüßen Sie Ihre Heimat!", ruft er. "Ist schön in Kroatien."