An einem Freitag im Juni treffen sich 30 Menschen, die gegen organisierten Mord kämpfen, in einem Tagungsraum in Köln. Es sind Schüler, Studierende und Rentner, sie sind etwas blass, wie Menschen, die viel Zeit in Räumen und wenig Zeit an der Sonne verbringen. Sie umarmen sich, innig und doch gleichgültig, wie müde Krieger. Einer von ihnen betritt jetzt den Raum, Köpfe drehen sich, für einen Moment kennt dieser Raum nur eine Richtung. Ein Mann, mittelgroß, 58 Jahre alt, grau meliertes Haar, schüttelt ein paar Hände, dann nimmt er in der zweiten Reihe Platz. Wenn diese Menschen in diesem Tagungsraum in Köln so etwas wie einen Star haben, dann ist es dieser Mann.

"Der Arzt soll und darf nichts anderes tun, als Leben erhalten."
Leibarzt von Goethe

Paul Cullen, das ist ihm wichtig, ist kein Gegner von irgendetwas. Er setze sich für etwas ein, sagt er. Cullen ist Vorsitzender der Ärzte für das Leben, kurz ÄfdL, in Deutschland gehören der Gruppe rund 200 Mediziner an. Sie schreiben auf ihrer Homepage: "Wir sehen es als unsere Aufgabe, die Kultur des Lebens in der medizinischen Praxis und Forschung weiter zu tragen und medizinische Übergriffe auf das Menschenleben abzuwehren." Sie zitieren den Leibarzt von Goethe: "Der Arzt soll und darf nichts anderes tun, als Leben erhalten."

Diese circa 200 Ärzte in Deutschland verstehen Abtreibungen als Mord. Und nicht nur das. Einfrieren von Embryonen, die eventuell später vernichtet werden, ist Mord. Die Pille danach ist Mord.

Auf der Leinwand im Kölner Tagungsraum springt das Bild eines Neugeborenen mit Strichcode auf der Stirn hin und her, vor Paul Cullen wird der Beamer für den Eröffnungsvortrag ausgerichtet. Drei Tage lang wollen verschiedene Vertreter der Lebensrechtsbewegung ihre Thesen zum Thema Bioethik und Nachwuchs darstellen. Ein Jurist, ein Philosophieprofessor und drei Mediziner werden sprechen, einer davon ist Cullen, ein Mann mit irischen Vorfahren. Die Christdemokraten für das Leben und die Jugend für das Leben veranstalten dieses Forum zum achten Mal. Die Konrad Adenauer Stiftung finanziert die Tagung mit.

Paul Cullen sagt, seinen Kampf für das Recht auf Leben führe er als Arzt. Als solcher habe er eine besondere Verantwortung.

Was er damit meint, wird klar durch die Schlagworte, die der erste Redner der Tagung an die Wand projiziert, "Rassenhygiene" steht da und "Euthanasie". Cullen schreibt etwas in sein Notizbuch. Später sagt er, dass pränatale Diagnostik mit den gezielten Tötungen "unwerten Lebens" im Nationalsozialismus gleichzusetzen sei, "vom gedanklichen Ansatz her". Er sagt, wenn der Staat töten wolle, solle er dafür bitte auch Henker ausbilden. Dafür könne man nicht die Ärzte instrumentalisieren. Er ruft in den Vortrag des Kollegen, Abtreibungen seien straffrei, aber rechtswidrig! Er ruft es gleich zweimal.

Straffrei, aber rechtswidrig!

Wenn man an diesem Tag Paul Cullen und den anderen Rednern zuhört, dann hört man von einem Deutschland, in dem jährlich mehr als 100.000 Kinder ums Leben kommen, exakt 101.209 Abtreibungen gab es im Jahr 2017. Man hört von einem Deutschland, in dem behinderte Kinder gezielt ermordet werden. In dem Menschen Material sind und Ärzte Techniker, die dieses Material optimieren. Für Cullen ist es ein Deutschland, das heute mehr denn je bekämpft werden muss, auch weil sich gerade eine Tür geöffnet hat.

Jahrzehntelang haben Frauen für die Abschaffung des Abtreibungsverbots in Deutschland gestritten. Heute gilt, nach vielen Reformen und Urteilen des Verfassungsgerichts, eine komplizierte Regelung, die Lebensschutz des Kindes und Selbstbestimmungsrecht der Schwangeren in Einklang zu bringen versucht. Danach ist ein Abbruch rechtswidrig, wird aber nicht bestraft, wenn eine Frau in den ersten zwölf Wochen abtreibt und zuvor eine Konfliktberatung besucht hat. Wenn das Leben der Frau bedroht ist oder sie infolge einer Vergewaltigung schwanger wurde, ist ein Abbruch nicht rechtswidrig.

Die SPD will den Paragrafen 219 a abschaffen. Die Union sieht keinen Handlungsbedarf.

Nach Paragraf 219 a ist Werbung für Abtreibungen strafbar, selbst die Information über das Vornehmen von Schwangerschaftsabbrüchen als Praxisleistung zum Beispiel auf der Website eines Arztes. Seit eine Ärztin aus Gießen im vergangenen Jahr wegen Verstoß gegen das Werbeverbot in Paragraf 219 a  zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, hat der Streit die Politik erreicht. Die Bundesregierung ist sich uneins: Die SPD will den Paragrafen 219 a reformieren, am besten sogar abschaffen. Die Union sieht keinen Handlungsbedarf. Am 27. Juni fand im Bundestag eine Expertenanhörung zu dem Werbeverbot statt. Eine Entscheidung ist nicht in Sicht.

Und Lebensrechtler wie Paul Cullen wittern ihre Chance. Denn in Wahrheit, glaubt Paul Cullen, gehe es nicht um den Paragrafen 219 a, sondern darum, Abtreibungen vollends zu legalisieren.