Die St.-Clemens-Kirche ist so etwas wie die Herzkammer der charismatischen Bewegung in der katholischen Kirche Berlins. Unweit der Ruine des Anhalter Bahnhofs betreibt ein Verein ein Exerzitienzentrum: zweimal am Tag heilige Messen, sechs Stunden Beichtmöglichkeit. Die katholische Mystik ist hier mit Händen zu greifen. Wenn der Priester für die eucharistische Anbetung die Hostie aus dem Tabernakel nimmt und in die goldene Monstranz legt, knien die Gläubigen und beten voller Inbrunst.

Dass es diese Kirche überhaupt noch gibt und dass es sie so gibt, grenzt, so sagt der Vereinsgründer Jan-Philipp Görtz, an ein göttliches Wunder. Görtz hat in Harvard studiert, Spitzenjobs bei der Uno und bei der Lufthansa bekleidet. Ein Power-Typ, eher die Einzelkämpfersorte, der sich weder in der "zynischen Erfolgswelt als Gottessucher beheimatet fühlte" noch in einer katholischen "Versorgungskirche", die sich in rein formalen Kulthandlungen zu erschöpfen droht.

Der 48-jährige Unternehmensberater folgte dem Ruf von Renate Wiegner von der Gruppe der Charismatischen Erneuerung, einen Verein zu gründen, um ebenjenem Wunder auf die Sprünge zu helfen. 2007 hatte die Erzdiözese Berlin die dreischiffige Basilika, 1910 von Clemens August Kardinal Graf von Galen gebaut, verkauft; das chronisch klamme Erzbistum brauchte dringend Geld, um die Bischofskirche St. Hedwig zu sanieren.

Der Käufer, ein Berliner muslimischen Glaubens, entwidmete die Kirche nicht und machte auch keine Moschee daraus, sondern überließ das Areal mit der Kirche und einem Hotel dem Förderverein zur Miete. Eine Kongregation indischer Vinzentinerpater zog ein und betreibt in St. Clemens nun die Seelsorge. Der kontemplative Orden hat sich der Verkündigung göttlicher Barmherzigkeit und Reevangelisation geweiht. St. Clemens, das ist ein bisschen Taizé, ein bisschen indischer Aschrahm und sehr viel Petersdom. Aber auch vom powernden Happening evangelikaler Pfingstkirchen schwingt etwas mit, wäre da nicht auch diese ganz eigene katholische Stille.

Besonders feierlich wird es in der Nachtvigil, die an jedem ersten Samstag im Monat um 19 Uhr beginnt. Der Lobpreis zu später Stunde zieht besonders viele junge Glaubenssucher an. Sie wollen die Eurcharistie mit der Mundkommunion empfangen.

Bei der heiligen Messe zum Gedenken der beiden Kirchenpatrone Petrus und Paulus küssen die Eintretenden den Boden des Gotteshauses nach dem Niederknien und dem Bekreuzigen. Wenn sie das Halleluja oder Kyrieeleison beten, formen sich ihre Hände zu Schalen, in die sich der Heilige Geist ergießt.

"Solche Gottesdienste, in denen du deine Sünden loswirst, verändern dich", sagt Jan-Philipp Görtz. "Ich war ein Weihnachtschrist, hier in dieser Gemeinde mit über 100 Mitgliedern wurde ich zum Osterchristen. Ich bete zu Gott, dass er mich zum Pfingstchristen macht." In der heiligen Messe des Peter und Paul fragt Pater Augustine die Gemeinde: "Wer von euch möchte ein Heiliger werden?" Zwei Drittel der Gläubigen heben die Hand, manche forsch, andere zaghaft. – "Sagt euch los von euren Sünden. Aber ein Heiliger zu werden ist nicht so einfach."

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