"Kommen Sie aus der Gegend hier?"

"Nein, nein. Aus dem Ruhrgebiet."

"Ich auch."

"Woher denn?"

"Bottrop."

"Ich auch! Wobei, nicht direkt. Aus Kirchhellen."

"Ich auch!"

Gespräch mit der Professorin auf der Fahrt vom Flughafen zur Fachhochschule Saarbrücken

Es stellt sich heraus: Wir haben dieselbe Grundschule besucht, mit sechs Jahren Abstand. "Da bin ich platt", sagt die Statistik-Professorin. "Wie unwahrscheinlich ist denn das?" Eigentlich sollte sie es wissen. Sie ist schließlich die Expertin für Wahrscheinlichkeiten. Und deshalb bin ich hier. Susan Pulham kennt sich nämlich nicht nur sehr gut aus in der Welt der Wahrscheinlichkeit – sie ist auch eine äußerst erfahrene Reiseführerin.

Im Studium, mit 20 Jahren, hat sie zusammen mit einer Freundin ein Unternehmen für Statistik-Nachhilfe gegründet. Heute, als Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, unterrichtet sie unter anderem die Grundlagen für Zweitsemester. Nebenher brachte sie Siebtklässlern die ersten Schritte bei, diskutierte mit Lehrern, wie man am besten Statistik unterrichtet. Und begann selbst noch einmal zu studieren: Psychologie. Pulham wollte wissen, was Menschen zum Mathelernen motiviert. Nun versucht sie, die Kinder in der Kita ihrer sechsjährigen Tochter für Mathematik zu begeistern. Mit einem Projekt namens "Die Zahlendetektive".

Man könnte sagen: Susan Pulham versucht, fast jedem Statistik beizubringen.

Das scheint auch nötig zu sein. Seit Jahren beklagen bekannte Statistiker eine Art Analphabetismus im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten. Allen voran Gerd Gigerenzer, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, er fordert: "Kinder sollten nicht nur die Mathematik der Sicherheit, sondern auch die der Unsicherheit lernen." Der Tenor ist stets, das Unverständnis dafür sei weitverbreitet. Eine Erhebung darüber, wie schlecht die Deutschen wirklich sind, gibt es nicht. Paradox ist das schon: Statistiker beklagen etwas, das statistisch nicht belegt ist.

Aber auch Susan Pulham hat in der Praxis wieder und wieder die gleiche Erfahrung gemacht: "Für Zahlen und Mengen haben schon kleine Kinder ein gutes Gefühl. Aber für Wahrscheinlichkeiten fehlt uns einfach eine gute Intuition." Was es noch schwieriger macht: Wir glauben, wir hätten sie. Und dieser Glaube ist ziemlich stark. "Selbst wenn man es besser weiß, fühlt sich das richtige Ergebnis oft nicht richtig an", sagt Pulham. "Sogar mir geht das so."

Das liegt am Wesen der Statistik. Sie rechnet nicht mit Sicherheiten, sie ist die Mathematik der Möglichkeit. Zusammen mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung bildet sie die Stochastik – Griechisch für "Kunst des Ratens". Um wildes Drauflosraten geht es natürlich nicht, sondern um das kluge Schätzen, darum, möglichst zuverlässig vom Kleinen aufs Große, von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Kein Raten ohne Regeln!

Klingt schon kompliziert? Mut macht eine Beobachtung der Professorin: Gerade wer sich in der Schule mit der Mathematik schwergetan habe, starte in Statistik oft noch einmal neu durch. "Da braucht man das meiste aus den Mathestunden erst mal nicht", sagt Pulham. "Sondern vor allem Neugier."

Also los, auf in die Welt der Wahrscheinlichkeit! Auf zu einer Expedition zu den fünf wichtigsten Lernzielen für den Alltag:

1. "Häufig" ist nicht dasselbe wie "wahrscheinlich"

18. August 1913, Casino Monte Carlo: Gerade ist die Roulettekugel zum 16. Mal hintereinander auf Schwarz gelandet. Sollte man nun auf Schwarz oder auf Rot setzen?

Erster Gedanke: Jetzt muss doch endlich Rot fallen! Beide Farben sind doch gleich wahrscheinlich! Zweiter Gedanke: Aber sind sie nicht in jeder Runde gleich wahrscheinlich?

Bis zu diesem zweiten Gedanken gelangten die meisten Spieler damals nicht. Es soll zu chaotischen Zuständen gekommen sein, weil immer mehr Spieler auf Rot setzen wollten. Mancher hatte sein ganzes Hab und Gut verspielt, als Rot endlich fiel – in der 27. Runde.