Kurz vor dem Abgang dreht er sich noch einmal um und winkt in den Saal, für den er nach Hamburg gekommen war und der nun der Grund dafür ist, dass er wieder geht. Die Zuschauer jubeln und winken zurück, es ist ein herzlicher Abschied nach seinem letzten Konzert als Chefdirigent in der vergangenen Woche. Fünfmal applaudiert ihn das Publikum wieder herein, dann verschwindet er und kommt nicht wieder.

Das war’s dann also, nach sieben Jahren mit Thomas Hengelbrock in Hamburg. Mit dem Mann, der das NDR Elbphilharmonie Orchester aus der kuscheligen Laeiszhalle auf die internationale Bühne geführt hat. Und niemand scheint so recht zu verstehen, warum es damit jetzt schon vorbei sein soll, jetzt, wo es doch gerade erst losgeht.

Dabei liegt genau darin der Grund: Er war es, der das Orchester auf die internationale Bühne heben sollte. Das war der Job, für den er geholt wurde. Der Job ist getan. Auf der Bühne selbst sollen jetzt andere stehen. Hengelbrock war derjenige, der die Musiker mit den Anforderungen und Strukturen des neuen Saals vertraut machen sollte. Und er ist es jetzt, der als Erster an ihnen scheiterte.

Dabei schien alles so gut zusammenzupassen:

– Hengelbrock, ein Dirigent, der in der Mainstream-Klassik nicht zu Hause ist und die Zeit in Hamburg nutzte, um sich vieles anzueignen, er lernte allein sechs Mahler-Sinfonien; der aber genau den Enthusiasmus mitbrachte, der dem Ensemble und eigentlich der ganzen Stadt musikalisch fehlte.

– Das Orchester, ein ehrgeiziger Apparat, der jahrelang in Ruhe gelassen worden war und seit der Elbphilharmonie-Eröffnung unter riesigem öffentlichem Druck steht, weil man nun auf einmal hört, dass es doch keine solche Klangmaschine ist, wie man sie sich vielleicht gewünscht hatte.

– Und das Hamburger Publikum, das ja nicht nur gebildet und vermögend ist, sondern sich auch begeistern kann für einen Dirigenten, der ein wenig charmanter ist als die meisten anderen und ziemlich gut reden kann. Zusammen hätte man jetzt die Elbphilharmonie erobern und aneinander wachsen können.

Aber es kam anders. Ein halbes Jahr nach der Eröffnung verkündete Hengelbrock seinen Weggang, wenig später warf er sogar ganz hin, spielte nur noch die Saison zu Ende und geht im Zorn. Warum?

Seinen Ehrgeiz jedenfalls hat er in all den Diskussionen um seine Person nicht verloren. Das letzte Werk, das er vergangene Woche als Chef in seinem Haus aufführte, war Dvořáks Achte Sinfonie.

Einen ganzen Tag lang arbeitet er an der Akzentuierung des Flötensolos und am Stakkato der Geigen, als ginge es nicht um einen guten Abtritt, sondern um alles. Am Ende behält er die Celli noch zu einer Gruppenprobe da, die ersten Takte des ersten Satzes passen ihm noch nicht. Danach setzt er sich ins Dirigentenzimmer, ein Raum mit weißen Sofas und spektakulärem Blick über die Dächer der Neustadt, und schwärmt: Mit dem Orchester, das er vor sieben Jahren übernommen habe, habe dieses kaum mehr etwas zu tun. Aber er wolle wieder mehr Oper machen, er habe einen Hang zum Theatralischen, er freue sich auf die Arbeit mit anderen Künstlern, sechswöchige Probephasen mit voller Konzentration auf ein Projekt, nicht wie hier eine Probe für acht Konzerte. Er habe Angebote vom Concertgebouw-Orchester Amsterdam, für Projekte in Paris, bei den Salzburger Festspielen. Außerdem habe er seine eigene Truppe, das Balthasar-Neumann-Ensemble – das Leben sei nicht unendlich.

Er hört mit dem Schwärmen gar nicht mehr auf. Der Saal: toll, aber er wolle ihm nicht sein ganzes Leben unterordnen. Das Orchester: in vorzüglichem Zustand, in ein paar Jahren werde es ein sehr, sehr gutes Orchester sein. Und außerdem: Er sei in seiner Hamburger Zeit nochmals Vater geworden, wenn er weitermachen würde, müsste die Familie hierher ziehen, er wolle aber lieber nach Paris. Er hatte einen Dreijahresvertrag, verlängerte erst auf fünf, dann auf sieben Jahre – und beschloss dann zusammen mit der Familie, das sei die letzte Verlängerung gewesen.

Es ist eine schöne Geschichte, die er erzählt. Er kommt darin sympathisch rüber und glaubwürdig. Sie ist auch nicht falsch. Nur blendet sie einen entscheidenden Punkt aus: Nicht nur er wollte nicht weitermachen. Auch die Musiker und der NDR wollten nicht mit ihm weitermachen.