Vielleicht fühlt es sich so an, das Leben als Schlumpf. Als innenarchitektonisch überdurchschnittlich interessiertes Kind hatte ich mich das früher oft gefragt: Wie quetschen die blauen Knollennasen eigentlich Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Bad in diese kleinen Pilzhäuschen, die im Verhältnis zur Größe ihrer Bewohner flächenmäßig doch nur so groß sein konnten wie mein Kinderzimmer? Jetzt lebe ich seit zwei Tagen in ähnlichen Größenverhältnissen und habe vielleicht das Geheimnis entdeckt, warum die Schlümpfe (bis auf diesen einen Wutschlumpf) so allzeit gelassene Kerlchen sind: Platz ist eine Frage der Einstellung.

Einen kleinen Unterschied gibt es zur Schlumpfwohnweise: Mein Häuschen ist nicht organisch-knubbelig wie ein Pilz, sondern kastig wie eine Schuhschachtel. Zweieinhalb Meter breit, gute sieben Meter lang und vier Meter hoch ist das Haus, in das ich mich neugierhalber eingemietet habe: ein sogenanntes Tiny House. Neben einem anderen Minihaus steht es in Mehlmeisel, einer kleinen Gemeinde im Fichtelgebirge. Zwei 23-Jährige wollen hier ein Kleinstdorf aufbauen, die erste Tiny-House-Siedlung in Europa, sagen sie. Die ersten beiden Minihäuschen, die schon auf dem künftigen Siedlungsgelände stehen, einem ehemaligen Campingplatz am Waldrand, bieten sie tage- und wochenweise zur Vermietung an, wie Hotelzimmer. Für alle, die das Leben auf kleinstem Raum einige Tage und Nächte ausprobieren wollen.

Tetris!, denke ich, als ich mein Häuschen über eine winzige Veranda betrete. Clevere Puzzlearbeit, wie Wohnraum, Essplatz, Küchenzeile und Duschbad auf eine Fläche gekniffelt wurden, die in normalen Wohnungen gerade mal ein Zimmer beherbergt. Geschrumpft ist hier aber nichts, der Kühlschrank hat Normalgröße, es gibt zwei Herdplatten, ein Dreiersofa. Es findet sich sogar noch Platz für eine erhöhte extra Lunger-Ecke, in die man über das treppenförmige Trennregal zwischen Wohnzimmer und Küche klettern kann. Die Einrichtung wirkt wie ein begehbarer Instagram-Post. An der Wand Weltenbummler-Folklore: eine pastellbunte Weltkarte, darunter in Blogger-Schnörkelschrift das verkürzte Tolkien-Zitat "Not all who wander are lost", auf dem Tisch eine Orchidee, Ikea-Geschirr. Zum Schlafen steigt man über eine schmale Ecktreppe nach oben in eine niedrige Schlafkoje. Hier zu liegen fühlt sich ein bisschen an wie unter Deck, doch durch die beiden Fenster schaut man durch Fichtenzweige auf sanfte Wiesen, ein leicht surrealer Kontrast.

In den USA sind Tiny Houses schon so sehr als zeitgemäße Wohnform etabliert, dass ihre Definition im vergangenen Jahr ins Baugesetz aufgenommen wurde. Ein echtes Tiny House hat demnach höchstens eine Grundfläche von umgerechnet 37 Quadratmetern. Viele sind auf eine Radachse oder einen Trailer gebaut, um sie wie einen Anhänger transportieren zu können. In den vergangenen Jahren fand dieses minimalistische Wohnkonzept auch in Deutschland immer mehr Fans, momentan gibt es mindestens 15 Firmen, die bezugsfertige Minihäuser ab etwa 30.000 Euro anbieten.

Stefanie Beck und Philipp Sanders, die beiden Besitzer des Tiny-House-Grundstücks im Fichtelgebirge, wollten eigentlich nur so ein Haus für sich selbst und nicht gleich ein ganzes Dorf drumherum gründen. Aber sie fanden kein erschwingliches Grundstück, das die passende Größe für ein einzelnes Minihaus hatte und obendrein als Baugrund ausgewiesen war. Sie kannten das Wohnkonzept, seit sie während eines Jahres Work and Travel in den USA die Doku-Serie Tiny House Hunters entdeckt hatten, ein Reality-Format, das Menschen beim Umzug in ihr Minihaus begleitet. Also machten sie eine Rundreise durch das Land, sahen sich verschiedene Tiny-House-Modelle an und sprachen mit deren Bewohnern, um zu sehen, was im Kleinen möglich ist. Und ob sie auch so leben wollen.

Was im Kleinen möglich ist – diese Formulierung wird in meinen Tiny-House-Tagen so etwas wie mein persönliches Mantra. Sicher, ich habe schon in rumpeligen Hotelzimmern geschlafen, die deutlich kleiner waren. Unvergessen, wie ich in einem Berliner Hotel nahe dem Hermannplatz einmal vergeblich die zu meinem Zimmer gehörende Dusche suchte, bis mir das Zimmermädchen brüsk beschied: "Bad ist im Schrank" (und so war es dann auch). Das hier aber ist anders. So klein ein Hotelzimmer auch sein mag, die zeitliche Begrenzung, die immer mitgedachte Duldsamkeitsformel "Für die zwei Nächte wird es gehen", macht einen genügsam, zumindest für ein paar Tage. Im Tiny House schwingt im Gegenteil immer mit: So könnte es für immer sein!

Die Idee hinter dem Winzigwohnraum ruft gleich mehrere Sehnsüchte städtemüder Erschöpfungsmenschen auf, die gerade als Buzzwörter durch das Lifestyle-Vokabular schwirren: Minimalismus. Achtsames Leben. Nachhaltigkeit. Und angesichts steigender Mieten und Grundstückspreise die vielleicht größte Verlockung: Plötzlich gibt es da eine Möglichkeit, sich ohne großes Budget den bisher unerreichbar geglaubten Traum erfüllen zu können, ein eigenes Haus zu besitzen. Und sei es auch nur so groß wie ein großzügiges Kinderzimmer.