Echte Frauen haben Kurven! Vollschlank, kaum bekleidet und sehr selbstbewusst posieren Plus-Size-Models mittlerweile in zahlreichen Modemagazinen. Es tut sich etwas in einer Branche, die bisher eher den Mager-Wahn unter jungen Frauen befeuerte. Auch Mode jenseits der Konfektionsgröße 42 wird heute stark beworben. Und berühmte Plus-Size-Models kämpfen sehr schlagfertig gegen die Stigmatisierung von Übergewichtigen. "Lasst es nicht zu, dass euch jemand das Gefühl gibt, ihr solltet anders aussehen", schreibt etwa das Model Tess Holliday auf Instagram. "Ihr seid es wert, in eurem jetzigen Körper geliebt zu werden."

Dieser Trend könnte unerwartete – und ungesunde – Folgen haben, glaubt die Soziologin Raya Muttarak von der britischen University of East Anglia: Die "Body-Positivity"-Bewegung könne dazu führen, dass Übergewichtige ihre Pfunde für normal halten und deshalb weniger bereit seien, abzunehmen. So erklärt die Forscherin das Ergebnis einer groß angelegten Untersuchung zur Wahrnehmung von Übergewicht.

Für die Studie waren über einen Zeitraum von 18 Jahren insgesamt 23.500 übergewichtige und adipöse Menschen in England gefragt worden, wie sie ihr Gewicht einschätzten – als zu hoch, zu niedrig oder gerade richtig? Alle Befragten hatten einen Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 25 – ab diesem Wert gelten Menschen nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation als übergewichtig, ab einem BMI von 30 als adipös. Anschließend wurde die Selbsteinschätzung jeweils mit den tatsächlichen Körpermaßen verglichen. Das Ergebnis, kürzlich veröffentlicht im Magazin Obesity: Der Anteil derjenigen, die ihr Körpergewicht unterschätzen, ist angestiegen. Und wer sich für schlanker hielt, als er war, versuchte seltener, abzunehmen.

Im Jahr 1997 hatten noch 24,5 Prozent der Frauen ihr Übergewicht als geringer eingeschätzt, als es tatsächlich war, im Jahr 2015 waren es 30,6 Prozent. Bei den Männern wuchs der Anteil im selben Zeitraum von 48,4 auf 57,9 Prozent. Besonders groß war der Anstieg bei adipösen Männern: Der Anteil der Unterschätzer verdoppelte sich in dieser Gruppe von 6,6 auf 12 Prozent. Zugleich zeigte sich, dass die Männer und Frauen, die ihr Übergewicht unterschätzt hatten, sich deutlich seltener als die anderen bemühten, ihr Gewicht zu verringern.

Warum aber halten Übergewichtige ihre Rundungen zunehmend für normal? Die Studienautorin Raya Muttarak sieht die Ursache in einer allgemeinen Normalisierung von Übergewicht und Adipositas in der Gesellschaft. Je mehr Übergewichtige es gebe, desto präsenter würden sie im öffentlichen Erscheinungsbild, und als desto normaler würden überschüssige Kilos von vielen Menschen wahrgenommen. Und zu diesem Trend könnten eben auch prominente Werbekampagnen für Plus-Size-Mode beigetragen haben, meint Muttarak: "Während diese Entwicklung hin zu einer positiven Wahrnehmung des eigenen Körpers dabei hilft, Übergewicht seltener zu stigmatisieren, könnte das möglicherweise die Erkenntnis vieler Menschen untergraben, selbst übergewichtig zu sein." Wohlgemerkt: Untersucht hat sie diesen Zusammenhang in ihrer Studie nicht.

Die Soziologin ist jedoch nicht die Erste, die derartige Schlüsse zieht. In einer Übersichtsarbeit präsentierte der Psychologe Eric Robinson von der University of Liverpool im vergangenen Jahr eine Theorie der visuellen Normalisierung bei Übergewicht. Ihr zufolge hängt die Einschätzung des eigenen Gewichts davon ab, was die Befragten als "normal" ansehen. Wenn ihnen nahestehende Menschen ähnlich dick sind wie sie selbst, neigen Übergewichtige tendenziell dazu, die eigene Körperfülle zu unterschätzen.

Tatsächlich ist Übergewicht – statistisch gesehen – sowohl in England als auch in Deutschland normal. Beinahe zwei Drittel der deutschen Bevölkerung sind übergewichtig – und ein Viertel sogar adipös. Ähnlich sieht es in Großbritannien aus. Das hat Folgen für die Gesundheit: Das Risiko von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bestimmten Krebsarten erhöht sich mit zunehmendem Gewicht. Zudem verschlechtert sich der Zustand von Blutgefäßen, Organen und Gelenken im Laufe der Zeit stärker als bei Normalgewichtigen. Hinzu kommen psychische Probleme, die vielen Betroffenen zu schaffen machen.

Ab welchem Ausmaß Übergewicht schadet, lässt sich allerdings kaum festlegen. Lange hielt sich die These eines "gesunden Übergewichtes": Auch überschüssige Pfunde galten als unbedenklich, solange die Betroffenen im Laufe ihres Lebens nicht an Diabetes oder Bluthochdruck erkrankten. Eine Studie aus diesem Jahr, erschienen im Fachmagazin Lancet Diabetes & Endocrinology, spricht allerdings dagegen. Ihr zufolge hatten auch stark Übergewichtige, die lange gesund geblieben waren, später ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aus medizinischer Sicht scheint die Faktenlage nur einen Schluss zuzulassen: Übergewicht schadet der Gesundheit. Sind Kampagnen mit Plus-Size-Models also geradezu gesundheitsschädlich? Und sollte man Übergewichtige lieber spüren lassen, dass sie zu dick sind?

Die Psychologin Tiffany Stewart von der Louisiana State University widerspricht: "Unseren eigenen Körper zu hassen motiviert nicht dazu, gesünder zu leben", schreibt sie in einem Kommentar, der zusammen mit der Studie in Obesity erschienen ist. Sie hält die Annahme für falsch, dass Übergewichtige seltener versuchen, abzunehmen, wenn sie sich wohler fühlen. "Wenn jemand regelmäßig an seinen 'Zustand' erinnert wird, haben das Stigma und der damit einhergehende Stress einen gegenteiligen Effekt." Soll heißen: Der Stress wegen des Dickseins macht Dicke nicht dünner, sondern dicker.

Dafür gibt es tatsächlich wissenschaftliche Belege. Langzeitstudien in den USA und in Großbritannien haben gezeigt, dass Erwachsene im Laufe ihres Lebens eher zunehmen, wenn sie sich als übergewichtig ansehen. Als Ursache nannten die Studienautoren gestörtes Essverhalten, das durch Stress ausgelöst wurde. Simpel gesagt: Der Frust über das eigene Gewicht wird häufig weggefuttert.

Auch die Psychologin Claudia Luck-Sikorski von der Universität Leipzig, die zur Stigmatisierung bei Adipositas forscht, kennt die Diskussion darüber, was als "normal" gelten soll. Zum Beispiel bei Stühlen: "Sollte man diese bewusst schmal halten, um stark Übergewichtige stets daran zu erinnern, dass sie zu viel wiegen? Meiner Ansicht nach sind solche Maßnahmen, die auf ein schlechtes Gewissen zielen, eher der falsche Weg." Man habe in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder auf Übergewichtige gezeigt und sie aufgefordert, abzunehmen. "Es hilft nichts, wenn sie ständig mit ihrem Problem konfrontiert werden."

Und selbst wenn jemand versucht, abzunehmen, heißt das natürlich noch lange nicht, dass er tatsächlich Gewicht verliert. Häufig ist gar das Gegenteil der Fall: "Das Adipositasrisiko steigt mit jedem erfolglosen Abnehmversuch", sagt Luck-Sikorski. Weniger Plus-Size-Models gleich mehr Motivation zum Abnehmen gleich weniger Dicke? So einfach ist es nicht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio