Zwei Fragen bleiben nach diesen beiden Wochen des mittleren Irrsinns zwischen CDU und CSU, zwischen Merkel und Seehofer: 1. Warum um Himmels willen ist es so weit gekommen? Und 2. War’s das, oder kommt das bald wieder?

Die gängigste und schönste Antwort darauf lautet: Der Konflikt wurde vom Zaun gebrochen wegen realer Defizite in der Grenzpolitik – und natürlich wegen der bevorstehenden bayerischen Landtagswahl im Oktober. Dann ist die Sache aufgrund persönlicher Animositäten zwischen der Kanzlerin und Horst Seehofer etwas aus dem Ruder gelaufen, aber jetzt haben sich alle wieder eingekriegt, das Ganze ist ausgestanden.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die nettere.

Die Bayernwahl war der Anlass, nicht der Grund. Der Kompromiss ist kein Kompromiss. Das Ende ist ein Anfang und der Sieg kein Sieg.

Vielleicht versteht man diesen ganzen mittleren Irrsinn, der sich da in den vergangenen Tagen abgespielt hat, am besten, wenn man sich die CSU herauspickt, die sich so gern als Siegerin sieht, und dorthin schaut, wo sie selbst sich ungern aufhält: im Kleinen, im Unauffälligen. Im Detail.

Denn es sind die kleinen Unsicherheiten, auf die es hier ankommt, auf ein Zögern zum Beispiel, auf einen Punkt in einem Satz, der da grammatikalisch gar nicht hingehört. Am 14. Juni erklärte Ministerpräsident Markus Söder im bayerischen Fernsehen: "In Europa und der Welt ist die Zeit des geordneten Multilateralismus. Die wird etwas abgelöst von Einzelländern, die auch Entscheidungen treffen."

Fast hätte er gesagt, die Zeit des Multilateralismus sei vorbei, dann machte er doch lieber schnell noch einen Punkt, setzte neu an, sagte "abgelöst", und das auch nur "etwas".

Das war knapp. Um ein Haar hätte sich der bayerische Ministerpräsident vom bundesrepublikanischen Konsens verabschiedet, der das Wohl dieses Landes eben genau im Multilateralismus und in der EU sieht. Und nur dort.

Was hat Söder an diese Klippe geführt?

Die CSU ist es gewohnt vorzupreschen – und gestoppt zu werden. Von einem starken Bundeskanzler oder einer Bundeskanzlerin, von einem starken Koalitionspartner im Bund oder spätestens von der EU.

All das ist diesmal ausgeblieben. Die Kanzlerin erscheint am allseits erwarteten Ende ihrer Ära schwach. Die SPD, das weiß die CSU – Schwäche kann diese Partei riechen wie keine andere –, die SPD ist viel zu verängstigt, um der CSU noch etwas entgegenzusetzen.

Schließlich die EU. Sie war immer die unumstrittene Instanz des Multilateralismus und zugleich eine Bremse für nationale oder regionale Exzesse. Doch genau das ist sie derzeit nicht mehr. Die CSU orientiert sich jetzt lieber an anderen: Alle Länder um Bayern herum verfolgen dieser Tage eine nationale, oftmals antiliberale Politik – Ungarn, Österreich, Tschechien, Slowakei und seit Kurzem auch Italien.

Die CSU ist also entgrenzt, das ist sie nicht gewohnt, und das konnte man erleben, sie ging zu weit, und selbst in ihrem Sieg, gerade in ihrem Sieg stellten sich die quälendsten Zweifel ein.

Die Kommentare auf Seehofers Abgang wurden schon gesendet, und die Gesamtbilanz seiner politischen Biografie war überschattet von einem irrsinnig anmutenden Endkampf. Er hatte sich verstrickt in eine existenzielle politische Auseinandersetzung, er war am Ende, sein Nachlass wurde bereits geregelt. 24 Stunden später aber stand Horst Seehofer vor dem Konrad-Adenauer-Haus im nächtlichen Berlin und präsentierte ein bis zuletzt für unmöglich gehaltenes Verhandlungsergebnis. Ein Erfolg auf ganzer Linie, so verkaufte er es jedenfalls. Transitzentren. Zurückweisungen. Und vor allem: Er hatte sich gegen die Kanzlerin durchgesetzt, die mit europäischem Pathos versprochen hatte, Arrangements "zulasten Dritter" zu verhindern. Eher wollte sie ihren Innenminister entlassen.

Nun stand er vor der CDU-Parteizentrale und hatte gesiegt.

Es muss ein großer Moment im politischen Leben des Horst Seehofer gewesen sein.

Wenn da nicht die düstere Stimmung wäre, die auf der Szenerie lastete, die ganz und gar unfrohe Atmosphäre, in der Seehofer das Ergebnis verkündete. Als hätte er da schon geahnt, wie groß die Hypothek sein würde, die sich in seinem Erfolg verbarg, für ihn persönlich, aber auch für seine Partei. Die CSU erlebt eine Zeitenwende, in der das Drei-Punkte-Papier, das Seehofer der Kanzlerin abgetrotzt hat, eine unbedeutende Fußnote sein wird.

Denn die CSU ist nun an einem Punkt angekommen, da ihre ewig erfolgreiche Doppelstrategie zum unerträglichen Grundwiderspruch zu werden droht: Einerseits war sie unumstrittene bayerische Hegemonialpartei, andererseits hatte sie bundespolitische Bedeutung wie kein anderer Landesverband irgendeiner Partei. Die Macht im Bund stärkte die in Bayern, die in Bayern jene im Bund.

Jahrzehntelang war das so, doch jetzt ist etwas passiert, etwas Schlimmes: Die Kluft zwischen einer liberalen CDU und einer rechtsnationalen AfD hat einen Sog erzeugt, der die CSU magisch anzieht. Er zieht sie so weit ins Populistische, dass der Anstrich der Macherpartei gefährdet wird. "Asyltourismus", "Anti-Abschiebe-Industrie", "Überfremdung" – solcherlei von der AfD entliehenes Vokabular im Munde von Christsozialen weckt eine Wut, die größer ist, als es alle politischen Maßnahmen sein könnten.

Die Partei, die Lösungen schafft, wird zu einer Partei, die Lösungen verschweigt und kleinredet. Aus rechtschaffenen Konservativen werden konservative Revolutionäre, wie Alexander Dobrindt es formulierte. Oder war auch das nur Rhetorik?