Ja, puh. Der ADAC hat schon wieder vor "Reisefrust" gewarnt. Schlimme "Stauprognosen" sind errechnet worden, die nächsten Wochenenden im "Staukalender" wutrot eingefärbt. Es soll Baustellen geben, Brückenarbeiten und "Fahrbahnverengungen" auf den Autobahnen 7, 8, 9 und so weiter ... Damit haben wir Deutschen es quasi amtlich: Auch diesen Sommer wird die Fahrt in den Urlaub einem Leidensweg gleichen, hat das Schicksal – zumindest für die Autofahrer unter uns – vor die "schönsten Wochen des Jahres" den schrecklichsten Tag überhaupt gestellt. Den Tag, an dem wir uns im Schritttempo ans Meer oder in die Berge quälen. Den Tag, an dem wir uns in unseren Autos die Hintern breit sitzen. Den Tag, der den Spritpreis steigen und die Laune sinken lässt. Den Tag, der einen Anfang markieren soll und doch kein Ende findet.

Als jemand, der in seinem Leben viel mit dem Rad und nahezu alles mit der Bahn erledigen kann, als urbaner Mobilitätsschlaumeier also, könnte ich jetzt hämen: Ausgerechnet das Volk der Autobauer und Autofahrer, der Diesler und Drängler fängt an zu quengeln, wenn es endlich mal durchgehend dieseln und drängeln darf! Haha, hehe, höhö!

Aber es kommt anders. Es ist Anfang Juli. Südlich des Alpenhauptkamms ist eine Ferienwohnung reserviert. Und in mir steigt eine verblüffende Vorfreude auf: Endlich wieder 1.000 Kilometer! Denn für mich gibt’s inzwischen kaum einen schöneren Tag als jenen, an dem wir Deutschen uns millionenfach für eine kurze Ewigkeit auf der Autobahn einfädeln. Weil er etwas Meditatives, angenehm Alternativloses und wunderbar Anachronistisches hat.

Schon mit dem Packen fängt es an. Da steht man am Vorabend der Abreise im Licht einer Laterne, wie schon der Vater im Licht einer Laterne stand, und beugt sich über einen offenen Kofferraum, wie der Vater es einst tat. Es war ja immer die Ingenieurskunst des kleinen Mannes, so viele Koffer und Taschen wie möglich ins Auto zu schachteln. Falls sich daran über Generationen hinweg etwas geändert hat, dann nur, dass das Verfahren heute noch komplizierter erscheint als früher: Verglichen mit den unendlich großen Speicherplätzen unserer Handys und Computer wirkt ein Kofferraum ziemlich klein, ist Platz plötzlich eine begrenzte Ressource, die allerdings Badezeug, Wanderschuhe, Tauchflossen, Würfelbecher, Laptops und Ladegeräte fassen soll – für jedes Familien-Ego etwas und alle Optionen offenhaltend, weil man einen Urlaub im Jahr 2018 nicht mehr mit Nichtstun verbringt und auch nicht mit immer demselben Gleichtun.

Also auch noch die Käsereibe mit rein.

Am nächsten Morgen dann, noch im Dunkeln, die Abfahrt. Eingekapselt in Autoblech, enger beisammen als sonst, Mutter und Vater, Tochter und Sohn, dem "Wann-sind-wir-da?"-Alter entwachsen. Niemand hat Termine, niemand muss Vokabeln lernen, niemand verschwindet auf sein Zimmer, niemand schließt eine Tür, niemand telefoniert. Noch müde und schweigend, eher fühlend als denkend, kommt die Familie auf ein paar gepolsterten Quadratmetern zur Ruhe – und wird sich ihrer selbst bewusst. Auf der Rückbank, zwischen den Kindern, steht ein Korb voller Laugengebäck, Obst und mit viel, viel Süßem. Was an anderen Tagen vielleicht "Snack" heißt, ist an diesem Morgen wieder "Proviant". Was sonst verpönt oder verboten ist, wird den Rückbankreisenden zwingend erlaubt: schnuckern, ohne zu fragen. Und vorn, am Lenkrad, wird das ohnehin aussichtslose Rennen gegen die Ankunftszeit, die das Navi angibt, alsbald bereitwillig verloren gegeben.

Kein Schaffenmüssen, kein Lassensollen. Was für ein ungewöhnlicher Tag!

Schon beim Losfahren, in den vertrauten Straßen der eigenen Stadt, wirkt alles wie durch einen Zauber zweckentbunden, die Schule leer, der Ort still, alles in den nächsten Wochen Angelegenheit anderer. So geht es raus aus Hamburg, der Morgendämmerung entgegen in Richtung Hannover, dann Göttingen, dann Kassel. Draußen zunächst viel Himmel, dem sich immer mehr Landschaft beimischt, Äcker, Wälder, manchmal bloß verwischtes Straßenrandgrün, drinnen Verkehrsfunknamen und Radionachrichten, einzelne Meldungen, die im Laufe der kommenden Stunden aufsteigen, im Zenit stehen und wieder versinken werden wie die Sonne. 100, 200, 300 Kilometer. Und die Familie eine Schicksalsgemeinschaft in einvernehmlicher Trance.

Was genau daran so großartig sein soll?

Gut möglich, dass mein Schwärmen regressiv ist. Freut sich da ein Mann, noch mal Mann zu sein? Seine Familie, wenn schon nicht auf dem großen Treck gen Westen, wenigstens in den Urlaub bringen zu dürfen? Wahrscheinlich ist da was dran. Bloß will meine Frau auch immer fahren, also wechseln wir uns ab (nachdem ich losgefahren bin).

Ganz sicher hat meine Freude mit Nostalgie zu tun. Mit starken Kindheitserinnerungen an lange Autofahrten, gegen die im Lauf der Zeit sogar die Urlaubseindrücke selbst verblassten. Da ist bis heute unter den Füßen die Reisetasche, die nicht mehr in den Kofferraum passte. Da ist das Anschielen der Kunstlederpolster, bis die schwarzen Punkte darin schwebten. Die Furcht vor den strengen Blicken der Grenzer. Die Mittelalterlichkeit von Mautstationen. Das Wunder, dass sich stundenlang nichts tat und doch augenblicklich alles ändern konnte: Nach Buchen, Eichen und Kiefern erstmals eine Zypresse! Die gelben Scheinwerfer französischer Autos! Die grünen Fensterläden Italiens!

Aber es ist nicht nur der Rückblick, der den Ferienfahrttag so einzigartig erscheinen lässt – auch eine Art vorweggenommene Nostalgie, eine kleine Schwärmerei angesichts eines sich abzeichnenden technischen Wandels, der das Fliegen und Bahnfahren längst erfasst hat. Seit Flugzeuge ein Bordprogramm anbieten und Züge WLAN haben, gleicht das, was wir unterwegs tun, zunehmend dem, was wir auch im Büro oder zu Hause machen: Wir lesen Mails oder schreiben Mails, wir arbeiten oder werfen uns vor, nicht zu arbeiten, wir versuchen zu lesen – gucken dann aber einen Film, weil um uns herum überall Monitore flimmern. Jedes Tun ist zugleich ein Lassen, überall sind Konjunktive, schließlich müsste, sollte, könnte man ja auch ... Im Auto hingegen gilt noch der Indikativ, auf Kilometer 400, 500, 600 lässt sich keine verpasste Chance betrauern, kein Unterlassen beklagen. Es gibt keine Alternative an diesem alternativlosen Tag, es gibt nur ein Geradeaus, fast bis zur Hypnose durch das optische Flapp-Flapp-Flapp der Straßenmarkierung.