Ich bewundere Innovationen. Insbesondere solche der Wellnessbranche, die immer wieder Banales und Altbekanntes mit großer Wortgewalt zur neuartigen Entspannungstechnik erklärt, um gestresste Zeitgenossen vor dem mentalen Kollaps zu bewahren.

Falls Sie noch nicht vom jüngsten Trend gehört haben, werden Sie das sicher bald: Es geht um Waldbaden. Erste Texte über die dahinterstehende Philosophie, die unglaublichen Heilwirkungen und die allerneuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse werden bereits in Wellnessmagazinen veröffentlicht. Waldbaden bedeutet demnach, entspannt und aufmerksam im Wald herumzugehen und diesen mit allen Sinnen zu genießen. Tief durchatmen!, rät eines dieser Magazine, um die in der Waldluft schwebenden Duftmoleküle aufzunehmen, mit denen Bäume untereinander kommunizieren. Zugegeben, an dieser Stelle habe ich mich schon gefragt, ob das alles nicht womöglich einem arbeitslosen Achtsamkeitstrainer eingefallen ist, nachdem er zu viele Pilzsporen inhaliert hat und halluzinierend gegen eine Fichte gerannt ist. Aber nein, erfuhr ich, es handele sich beim Waldbaden vielmehr um die alte japanische Heilmethode Shinrin-yoku. Verglichen damit sei ein herkömmlicher Waldspaziergang geradezu leichtsinnig, denn nur bei korrekter Ausführung bilde der waldbadende Körper "drei verschiedene Anti-Krebs-Proteine". Professionelle Anleitung muss also sein. Buchen Sie flugs einen der knappen Termine beim Waldbademeister, zum Beispiel auf der Landesgartenschau von Bad Iburg. Sofern Sie aber eine Pollenallergie haben, sich vor Wildschweinen fürchten oder gerade keinen Wald zur Hand haben, fahren Sie zur Entspannung bitte in das Ostseebad Zingst. Dort findet in unregelmäßigen Abständen und unter fachkundiger Anleitung ein "Meditatives Gehen mit Windatmung in der Brandungszone" statt. Der Unterschied zu einem simplen Strandspaziergang beträgt 15 Euro.