An die 500 Fans beim Public Viewing, alle angespannt, als müssten sie zum Zahnarzt. © Tim Brüning für DIE ZEIT

Valerijs Geheimratsecken kommen jetzt offensiver aus der Tiefe des Raums, ansonsten scheint er unverändert. Immer noch dieser beschwingte Gang, als würde ihm jede Sekunde jemand einen Pfirsich schenken. Ich freue mich, ihn wiederzutreffen. Das letzte Mal sahen wir uns vor drei Jahren. Draußen waren minus 15 Grad, und wir schauten Afrika-Cup, die schwarze WM sozusagen. Valerij fieberte mit seiner Heimat Kamerun. Er heißt nach einem russischen Entwicklungshelfer aus Wladiwostok, mit dem sich seine Eltern angefreundet hatten. "Dima, lass uns Nigeria – Argentina gucken!" Ich hadere. Genau dazu gibt es Sport ja, damit Menschen zusammenkommen. Und Valerijs auf Afrika zeigender WM-Kompass ist funky. Trotzdem: "Tut mir leid, ich boykottiere das Turnier. Wegen der Verbrechen des Putin-Regimes in Syrien." – "Tchhh", kichert Valerij, als hätte er Staub in der Kehle. "Putin is a crazy boy." Noch mal fragt Valerij nicht und hält mir auch keine "Das bringt eh nichts"-Rede. Damit ist er bisher der Erste.

Mittwoch, vor dem Deutschlandspiel: Vor meinem Fenster hängt Werbung, auf der ein Mercedes und zwei deutsche Fußballer durch die Worte "Technisch überlegen" verschmolzen sind. Davor sitzt ein aufgedunsener Säufer. Er weiß noch nicht, dass die Mannschaft tatsächlich am Vorrundentouristen Südkorea scheitern wird. Wie lange werden die Plakate dann noch hängen? Oder wird nachgedruckt? "Technisch überlegen, außer gegen ..." Vor dem Spiel tut der Verzicht noch weh. Vielleicht der letzte Tag, an dem eine kleine Demonstration etwas bewirken kann.

Ich gehe zum Public Viewing. Mehrere Restaurants der Innenstadt haben sich zu einer Fanmeile zusammengeschlossen. Deutschlandfahnen wehten hier zuletzt bei den Legida-Demonstrationen. Ich schreibe "Putin + Assad = No WM!" auf eine Papiertüte. Und auf die Rückseite "500.000 Tote, 11 Millionen Flüchtlinge. Boykottiert!" Diese Tüte ziehe ich über den Kopf und stelle mich demonstrativ in die Reihen. (Keine Schlitze, ich will ja nichts sehen.) An die 500 Fans werden es sein, alle angespannt, als müssten sie zum Zahnarzt. Sollte Deutschland siegen, kriege ich vielleicht nicht aufs Maul – Özil-Prinzip.

Rauchige Frauenstimme: "Nimm die Scheißtüte ab." Und: "Was soll der Mist?" Ich hebe den Boykottbeutel, damit wir uns in die Augen sehen können. "Ich protestiere gegen Putins WM. Während wir hier sitzen, sterben Menschen in Syrien durch russische Bomben." – "Die sterben genauso, wenn wir nicht Fußball gucken!" – "Ja, wahrscheinlich. Aber löst das bei Ihnen gar keine Emotion aus?" – "Nein, ist mir gerade schnuppe." Sie saugt hektisch an ihrer Verdrängungskippe. Viertelstunde vorbei, keine Chancen. "Scheiß-Özil". Aus einer anderen Ecke: "Aber er hat sich doch für Deutschland entschieden!"

Ist das dieselbe Gesellschaft, die vor Kurzem Deniz Yücel frei sehen wollte? Ein Hüne im Timo-Werner-Trikot, Bierbecher in beiden Händen: "Mann, hier sind doch 90 Prozent deiner Meinung", motzt er. "Wirklich?" – "Sonst wären wir doch auch nach Russland gefahren. Aber jetzt geht es erst mal darum, ein Fußballspiel zu gucken." Angstschreie. "Neuer mit kleiner Unsicherheit."

Nach vierzig Minuten immer noch kein Jubel. Jemand rüttelt an mir und reißt die Anti-Tyrannen-Tüte weg: "Verpiss dich, du machst den Leuten Angst! Alle denken, du willst hier gleich eine Bombe zünden!", faucht eine junge Frau mit Nasenpiercing und flippig gestylten Haaren. Ich erkläre, dass ich eben gegen Bomben bin. "Dann demonstriere, wo du keinen störst, wie normale Menschen." In der Halbzeit weiter zum Public Viewing bei der Moritzbastei, einem Studentenclub. Same song: Ist uns egal, nur akademischer artikuliert. In der siebzigsten Minute beschließe ich zu gehen, um in Würde fertig zu boykottieren. Das hat mir also so gefehlt? Dieser Chauvi-Egoismus mit Burgerresten zwischen den Zähnen? Mir wird immer egaler, wie die Partie ausgeht. Die echten Verlierer, deren Welt zusammenbricht, sitzen nicht hier. Hier sitzen nur Gewinner, dank eines geografischen Glückstreffers. Die bald todunglücklich durch die Straßen trotten.

Von jetzt an sollte es leichter werden, zu verzichten. Tatsächlich scheint die WM abrupt vorbei – weil kurz spielfrei ist. Bald whatsappt Rico: "Argentinien –Frankreich, 3 : 4, Jahrhundertspiel." Er schickt mir beharrlich Kommentare zu den Partien, und ich gehe genauso beharrlich nicht darauf ein. Das 3 : 4, das war bestimmt toll. Und ich war ganz allein in meinem Zimmer, als es lief. Keiner hätte mein Einknicken bemerkt. Die russische Sbornoja besiegt Spanien, in Moskau tanzt man auf den Autos. Im Südwesten Syriens flieht eine Viertelmillion Menschen vor russischen Bomben. Vor echter technischer Überlegenheit, die keiner auf Plakaten sehen will. Ich verweigere mich weiter, da kann es auch 100 : 99 nach Fallrückzieher-Elfmeterschießen ausgehen.