Die Voraussagen der Ökonomen sind meistens nicht viel besser als die einer in die Luft geworfenen Münze. Doch eines weiß die "trübsinnige Wissenschaft", die dismal science, wie sie im Englischen heißt, seit den Denkern Adam Smith und David Ricardo: Der Freihandel ist win-win; der Handelskrieg lose-lose.

Die Theorie des Freihandels kurz erklärt, wie es auch der Laie Donald Trump verstehen müsste: Für (das fiktive Land) Aldovien ist es besser, in (dem fiktiven Land) Elbonien die (fiktiven Waren) Gnubbel zu kaufen, die dort billiger produziert werden als daheim. Im Gegenzug verkauft es an Elbonien seine preiswerten Bubbel, die dort im Eigenbau viel teurer sind. Weil der Handel die Preise für Gnubbel und Bubbel senkt, steigen in beiden Ländern die Realeinkommen. Aldovien und Elbonien werden reicher.

Protektionismus ist dagegen wie eine Droge. Der Junkie darf einen kurzen Höhepunkt genießen; dann kommt der Kater. Das Glück ist kurz, die Kette der üblen Folgen lang.

Das bislang jüngste Glied in der Konfrontation zwischen der EU und den USA heißt Harley-Davidson. Die großvolumigen hogs ("Schweine") mögen nicht so flink und kurvenfreudig sein wie eine BMW, sind aber für eine gewisse Klientel cool – die Lederjungs, die im Pulk durch die Straßen böllern. Als Vergeltung für Trumps Strafzölle auf Stahl und Aluminium langt die EU nun bei den fat boys und street kings zu. Der Zoll auf die US-Bikes geht von sechs auf 31 Prozent hoch, der hiesige Preis steigt um etwa 2000 Euro. Europa ist nach Amerika der zweitgrößte Markt für die legendären Räder aus Wisconsin.

Harleys Gegenzug ist nicht im Sinne des Großökonomen Trump. Die Firma will tun, was sie tun muss, wenn ihre Kundschaft hinter Zollmauern eingesperrt wird: Sie "wandert ein", um hinter den Wällen der EU zu produzieren. Logischerweise bedeutet das die Auswanderung von Jobs nach Europa, was bei dem "America first" -Präsidenten Tobsuchtsanfälle ausgelöst hat: "Eine Harley darf nie in einem anderen Land produziert werden – nie!" In einem anderen Tweet: "Die werden besteuert werden wie nie zuvor!"

Harley musste sich entscheiden. Entweder es zahlt die Zölle selbst, um die Fans zu entlasten und seinen Marktanteil in der EU zu halten. An die hundert Millionen Dollar pro Jahr müsste Harley dafür hinlegen. Oder die Firma baut Fabriken hinter der Zollmauer. Das wird sie tun – wie schon in Australien, Indien und Thailand. Gut für die Bilanz, schlecht für die Arbeitsplätze in der Heimat. Wie lehrte doch Karl Marx? "Das Kapital kennt kein Vaterland."

Das ist noch nicht die ganze Geschichte. Denn Harley leidet schon an einer anderen genialen Entscheidung Trumps. Der hatte im Frühjahr Stahl und Aluminium mit Strafzöllen belegt. Die Folge? In Wisconsin, Pennsylvania und Missouri steigen Harleys Herstellungskosten um rund 20 Millionen Dollar. Die künstliche Stahlverteuerung ist ein weiterer Grund für die Flucht ins Ausland, wo der Grundstoff billiger ist. Auch hier darf sich Trump auf Jobverluste freuen. Merke: Jeder Schutzzoll, der angeblich Arbeitsplätze sichert, befördert das Gegenteil. Die Arbeitsplätze wandern dorthin, wo die Kosten niedriger sind.

Dass Trump die Theorie der internationalen Arbeitsteilung nicht beherrscht, mag man ihm noch nachsehen; Kanzler und Präsidenten studieren selten echte Ökonomie. Vorhalten darf man Trump aber die fehlende Realitätskontrolle. Zum Beispiel bei Stahl und Aluminium. Verteuert haben die Zölle alle Produkte, die aus diesen Metallen gefertigt werden: Kühlschränke, Autos, Flugzeuge. Das senkt die Nachfrage und vernichtet Jobs im eigenen Land.