Mein Freund fragt, ob wir zusammenziehen. Er wohnt in einem Altbau, wie fast alle Menschen, die ich eigentlich mag. Jetzt suchen wir eine "neue" Wohnung, doch für ihn muss es wieder ein Altbau sein. Das ist ein Problem. Nicht nur für mich. Auch für unseren Planeten.

Sie können mir nicht folgen? Liegt womöglich daran, dass auch Sie Ihren Avocadotoast mit dem Schreiben verdienen, oder Sie sind Schauspieler, Wissenschaftlerin, Barista, Hornbläserin, Werberin oder Social-Media-Berater – um die lange Liste abzukürzen: Sie lesen offenbar die ZEIT. Damit gehören Sie zu einem Milieu, das im Zweifel links, liberal, gebildet, akademisch, kulturell interessiert und ein bisschen grün ist. Und das gern im Altbau lebt. Vielleicht finden Sie, dieser verfüge über mehr Charme und Charakter als ein einfallsloser Neubau. Im Altbau wohnen Menschen, die individuell sein wollen. Altbau, das ist irgendwie nostalgisch, das ist gemütlich, das ist hyggelig. Das gute Leben kommt jetzt aus Dänemark, wie die Chianti-Korbflasche der 68er aus der Toskana kam. Im Jahr 2018 setzt man in Sachen Heimeligkeit auf eine Mischung aus Shabby Chic und skandinavischem Design. Im Berliner Prenzlberg, im Hamburger Schanzenviertel oder in München-Schwabing herrscht Hygge-Hegemonie.

Menschen in Altbauten feiern Partys, bei denen die Tabakkrümel ihrer selbst gedrehten Zigaretten auf den Boden fallen, in die breiten Parkettrillen, wo sie sich auf die Sedimente anderer Bewohner aus den vergangenen 150 Jahren legen. Auf Abertausende Spinnen, die hier seit 1850 verendeten und sich zum Sterben zwischen das Parkett legten. Morgens gehen die Altbauianer mit ihren nackten Käsefüßen über denselben Boden in die Küche, um sich beim Kaffeekochen am Gasherd die Finger zu verbrennen. Bei Menschen über 30 wuselt womöglich noch irgendwo ein Baby rum – und das kreischt plötzlich wie am Spieß, weil es sich beim Krabbeln über das Parkett einen Holzspreißel in die Hand gerammt hat.

Die Liebe zum historischen Bau und der Zwang, sie zu teilen, gehen aber über das Milieu hinaus. Rund die Hälfte der Deutschen würde gerne in einem Haus leben, das unter Denkmalschutz steht. Am begehrtesten ist das Fachwerkhaus, dann kommt das sanierte Fabrikloft.

Ich verstehe diesen Trend nicht ganz. Meiner Wohnung hat man nie angesehen, ob mein IQ über oder unter 120 Punkten liegt. Wie alle meine Freunde lese ich das meiste auf dem 5,5-Zoll-Display meines Smartphones. Aber so wie ich das beobachte, muss eine Altbauwohnung trotzdem zwingend mit Tausenden von verstaubten Büchern ausstaffiert werden. Thomas Mann, Der Zauberberg, Erstausgabe von 1924. Und wie der Altbau hat auch das Papier, Fetisch der Nostalgiker, höchstens noch dekorativen Wert.

Ich vermisse jetzt schon meine schallisolierten Doppelglasfronten im Wohnzimmer meiner Wohnung am See, die Solarzellen auf dem Flachdach, die frei stehende Kochinsel mit Induktionsherd und Dunstabzug, den Drei-mal-drei-Meter-Balkon mit Markise, meine Lüftung, meine Ruhe, meinen Tiefgaragenstellplatz. Nur aus Liebe zu meinem Freund habe ich neulich Gründerzeitwohnungen in Hamburg besichtigt. Eine schmerzhafte Erfahrung. Hier mal eine Führung: Wer mit dem Auto kommt, erreicht das Ziel verschwitzt und 20 Minuten zu spät – im 19. Jahrhundert hatten sie es halt noch nicht so mit Parkplätzen und Tiefgaragen. Vor der Eingangstür empfangen einen Müllsäcke, die in der Sonne schmoren, weil dem Haus Stellplätze für Tonnen fehlen. Im Treppenhaus riecht es nicht gut. Ohne Aufzug kommen Sie atemlos im vierten Stock an. Jetzt öffnen Sie die scheppernde Wohnungstür, in die ein Glasfenster eingelassen ist und die nicht bündig schließt. Diese Tür dient auch als Liveticker zum Leben der Nachbarn. Im Zusammenspiel mit den hellhörigen Wänden garantiert sie, dass einem beim Nachbarjungen weder die Zeugung noch das Zahnen entgeht.

Nach Betreten der Wohnung beachte man den alltagsuntauglichen Grundriss. Schon mal vom "Hamburger Bad" gehört? Ein winziger, schlauchartiger Raum, der keine Badewanne hat, beim Gang aufs Klo aber blaue Flecken beschert, weil dieses aus Platzgründen schräg unter dem Waschbecken angebracht wurde. Eine Mini-Dusche versteckt sich entweder dahinter – oder in der Küche. Die nächste Überraschung wartet im Wohnzimmer. Sie lieben Flügeltüren? Ihr Vermieter auch. Ein mieser Trick, um die Miete hochzutreiben: zwei Zimmern als vier verkaufen, weil da ja jeweils eine dünne Wand mit Flügeltür in der Mitte steht. Will man dann in einem Zimmer lesen und im nächsten jemand fernsehen, ist die Altbau-Harmonie futsch. In einem Altbau ist Intimität so garantiert wie in der Kabinenreihe einer öffentlichen Toilette. Der Altbau verlacht den betonten Individualismus seiner Bewohner: Jede Form von Selbstentfaltung wird im Keim erstickt.