Frage: Bruder Thomas, wie viel Revolte steckt im Christentum?

Thomas Quartier: Für mich ist Christentum als solches Revolte. Christentum bedeutet, grundsätzlich radikal zu leben, sich auf seine Wurzeln, lateinisch "radix", zu beziehen. Wer nicht bereit ist, wirklich zu den Wurzeln seines Lebens zu gehen und immer wieder alles zu hinterfragen, der wird letztlich nie bei der eigentlichen Inspiration des Christentums ankommen.

Frage: Der wirklich radikale Christ muss ins Kloster gehen?

Quartier: Für mich ist die Lebensform als Benediktinermönch eine Form, zu versuchen, zu dieser Radikalität zu kommen. Sie ist nicht besser als andere Formen – aber ich hoffe, dadurch dem Christentum etwas von dieser Radikalität, dieser revolutionären Kraft zurückgeben zu können. "Radikal" hat ja in unserer Gesellschaft meist eine negative Konnotation. Wenn man das Wort im religiösen Bereich verwendet, kommt man bei Fanatikern raus. Die ursprüngliche Bedeutung ist aber, hinter jede Form von Fassade zu gehen, sich in allen möglichen Lebensformen zu trauen, jede Selbstverständlichkeit immer wieder neu loszulassen. Das ist Radikalität – aber eben nicht, damit ein bestimmtes politisches oder wie auch immer geartetes Ziel zu verfolgen.

Frage: Und wo führt das hin?

Quartier: In meiner Lebensform als Mönch gibt es Leute, die dieses Loslassen wie ich praktizieren – die aber vielleicht bei komplett gegensätzlichen Werten auskommen. Und das ist nicht besser oder schlechter. Radikalität heißt eben nur, sich mit seinem Leben konsequent in diese Freiheitsposition zu begeben. Damit ist noch überhaupt nicht gesagt, ob ich mit den Altachtundsechzigern ein Lied auf die Revolution singe oder ob ich mich mit amerikanischen Neukonservativen auf familiäre Werte besinne.

Frage: Der Revolutionär will die Welt durch Umsturz verändern, der Rebell durch Auflehnung. Wie versucht ein Mönch, die Welt zu verändern? Oder – versucht er es überhaupt?

Quartier: Natürlich, ich habe mir lange die Frage gestellt: Wer hat nun etwas davon, wenn wir in unserer Abtei mit zwölf Mönchen sitzen, siebenmal am Tag unser Chorgebet singen, uns zurückziehen? Ist das nicht eine totale Verschwendung?

Frage: Und?

Quartier: Wer sagt denn, dass wir die Welt nicht genau dort verändern, wo wir sind?

Frage: Wie das?

Quartier: Unsere Aufgabe im Kloster ist, einen Raum offenzuhalten, in dem wir unsere Empörung vor Gott bringen können – und wo andere, die uns besuchen, das auch können. Das ist eine höchst relevante gesellschaftliche Funktion!

Frage: Ihr Gottvertrauen in Ehren, aber auch gläubige Menschen sind sonst nicht dagegen, manche Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Quartier: Ja, solche Rückmeldungen gibt es oft: "Sie mit Ihren Ideen, Sie könnten doch die Welt verändern!" Offensichtlich herrscht in unserer Gesellschaft die Vorstellung, dass es sinnlos ist, etwas vor Gott zu tragen; dass es sinnlos ist, in Kontemplation einen Raum zu schaffen, den wir nicht selbst in der Hand haben. Aber Mahnwachen vor einer Botschaft zu halten, das entspricht nicht unserem mönchischen Leben. Wir halten sie eben jeden Morgen um Viertel nach sechs in unserer Kapelle.

Frage: Und was bringt das?

Quartier: Schauen Sie, die Occupy-Bewegung, zu der ich selbst Kontakte unterhalte, verfolgte ja einen ganz ähnlichen Gedanken: Leute sitzen mitten in der Stadt schlicht auf einem Platz. Sie wurden immer wieder gefragt: Aber ihr verändert die Welt ja gar nicht – was ist denn eure Forderung? Dann kamen sie bei sehr allgemeinen Dingen aus, mit denen wir alle einverstanden wären: etwa "Wir wollen keinen Haifisch-Kapitalismus". Aber wirklich konkret ist das Ganze nie geworden. Diese Leute haben sich ihre Naivität dennoch nie nehmen lassen – und so sollte es auch bei Mönchen sein. Der Unterschied zwischen Mönchen und der Occupy-Bewegung ist, dass es im Mönchtum 1500 Jahre Tradition gibt. Die Occupy-Bewegung war nach ein paar Jahren wieder weg. Der Mönch verändert die Welt dadurch, dass er stabil bleibt.

Frage: Eine permanente Protestbewegung außerhalb der Welt?

Quartier: Das ist natürlich eine Art Utopie. Oscar Wilde sagte: Eine Weltkarte, auf der das Land Utopie nicht vorkommt, brauche ich nicht! Ich lasse mir diese Naivität nicht nehmen, dass ich die Welt genau hier in meinem Kloster verändern kann. Der Kern ist, in die Tiefe zu gehen – und dafür sitzt man siebenmal am Tag in der Kapelle. Billiger ist diese Art der Revolution nicht zu haben.

Frage: Sie waren auch früher oft wütend auf die Verhältnisse in der Welt. Heute sprechen Sie von einer "heiligen Wut". Ist das noch derselbe Mensch, der wütende Jugendliche vom Niederrhein, der sich so schwertat mit seiner Umwelt?