Von Anfang an ging es auch um die Frage, was schwerer wiegt: das Recht der Xhosa, Traditionen zu bewahren, oder die Pflicht eines Staates, seine Bürger zu schützen. Es geht aber auch noch um etwas anderes: um Geld. Wählte der Vater früher nur einen Pfleger für seinen Sohn aus, zahlt man heute für ein Komplettpaket mit Beschneidung, Camp und Aufpasser. Heute ist ulwaluko ein Statussymbol. Manche Väter lassen ihre Söhne nach bestandener Prüfung mit dem Helikopter aus dem Camp abholen, die Familien geben viele Tausend Südafrikanische Rand für die Abschlussfeste aus und schalten Zeitungsanzeigen, die die Initiation ihres Sohnes verkünden. Aus dem Ritual ist ein Geschäft geworden.

Zugleich ist die Stimmung auf dem Berg heute aggressiver. In manchen Camps, sagt Dakwa, tauchen nachts die Absolventen der Vorjahre auf und fallen über die Jungen her. Sie stürmen in die Hütten und schlagen ihnen auf die Penisse oder schnüren ihnen Lederriemen um die Penisse, so eng, dass kein Blut mehr fließt. Wehren dürfen sich die Opfer nicht, denn all das gilt als Teil der Härteprüfung.

Jedes Jahr werden solche Fälle von Misshandlungen bekannt, Patrick Dakwa hat eine Liste angelegt. Gwede, 18 Jahre, ertränkt. Pallo, 19 Jahre, erschlagen. Themba, 18 Jahre, verdurstet. Dakwa kennt keinen einzigen Fall, in dem ein Gericht einen der Täter verurteilt hätte.

Kehren die Jungen zurück in ihr Dorf, können sie dort mit niemandem reden, das wäre ein Zeichen von Schwäche. Sie fangen an zu trinken, zu rauchen, zu prügeln, und wenn im Jahr danach die nächste Saison beginnt, quälen sie die Neuen, die sich nicht wehren dürfen. "Jahr für Jahr produzieren wir eine Generation von Traumatisierten", sagt Dakwa, "das bedroht unsere gesamte Gesellschaft."

Sein Gegner ist stark, stärker als die Angst vor den Prüfungen auf dem Berg. Es ist der Gruppenzwang. Die Kandidaten müssen sich beweisen, nicht nur indem sie die Beschneidung klaglos über sich ergehen lassen, sondern auch indem sie sich in den Wochen danach im Camp behaupten. Viele der Betroffenen erzählen: Es war brutal, ich habe nichts gelernt, was mir helfen würde, ein Mann zu sein – aber ich würde es wieder tun. Es gibt Jungen, die mit 13 auf eigene Faust in die Berge ziehen, weil sie es nicht mehr aushalten. Andere suchen sich illegale Camps oder beschneiden sich selbst, um den Makel der Vorhaut loszuwerden. Und manche, die bei alldem scheitern, bringen sich aus Verzweiflung um.

Wer ulwaluko nicht erfolgreich abgeschlossen hat, findet meist keine Frau. Lässt sich doch eine auf ihn ein, entscheidet sie sich für ein Leben am Rand der Gesellschaft. Ein Unbeschnittener wird behandelt wie ein Aussätziger. Er darf die anderen Männer nicht mit Namen ansprechen. Er darf weder dieselbe Toilette noch denselben Tisch benutzen.

Je traditioneller eine Gemeinschaft organisiert ist, je abgelegener ein Dorf, desto größer ist der Druck teilzunehmen. Es gibt nur eines, das noch schlimmer ist, als nicht auf den Berg zu dürfen: dort oben zu versagen.

Der Student Zolo Tokali erinnert sich an seinen Onkel, der in die Berge zog, aber nie zurückkam. Tokali war damals zwölf und erfuhr von niemandem, dass sein Onkel oben verdurstet war. Der Onkel war nicht stark genug, das war die Botschaft, die Tokali erreichte.

Am 20. Juni 2013 beginnt Zolo Tokalis großer Tag. Er wacht früher auf als sonst, isst fast nichts zum Frühstück. So jedenfalls erzählt er es heute. Tokali ist von Vorfreude erfüllt, aber er spürt auch die Sorgen seiner Großmutter. Die Frau, die schon ihren Sohn an den Berg verloren hat, fürchtet um das Leben des Enkels.

Für Tokali gibt es kein Zurück. Er ist 20 Jahre alt, hat die Schule abgeschlossen. Bald will er studieren. Er will ein Mann werden und das Kind in ihm hinter sich lassen. Er zieht seine alten Klamotten aus und wirft sich eine Decke über, wie es Brauch ist. So stapft er in den Wald. Als er im Camp auf dem Berg ankommt, sind die anderen schon da. "Schaut, der Schwule ist auch gekommen", ruft ein Junge, und die anderen lachen. Dann wird es dunkel.

Jemand zündet ein Feuer an, und schließlich taucht der Beschneider auf, ein groß gewachsener Mann, auf dem Kopf ein Hut mit Gepardenmuster. Als er seine Tasche aufklappt, sieht Tokali die vielen Küchenmesser.