DIE ZEIT: Frau Leibinger-Kammüller, Herr Fehrenbach, Sie führen zwei der namhaftesten deutschen Unternehmen und stellen allein in diesem Jahr Tausende neue Mitarbeiter ein. Nun fordern Sie, dass die Schulen sich radikal wandeln. Warum?

Franz Fehrenbach: Deutschland befindet sich in einer gefährlichen Phase. Wir wirken wirtschaftlich erfolgreich, doch wenn ich daran denke, ob das Land in zehn bis zwanzig Jahren noch erfolgreich sein kann, läuft es mir kalt den Rücken herunter, weil wir uns nicht ausreichend auf die Zukunft vorbereiten.

Nicola Leibinger-Kammüller: Wir erreichen nicht die notwendige Geschwindigkeit, das ist auch meine Sorge. Wir müssen uns in den Schulen intensiver mit der Digitalisierung beschäftigen. Jedes Kind muss programmieren lernen! Wenn es viel mehr Drittklässler gibt, die Freude am Programmieren haben, gewinnen wir spätere Studenten der Informatik. Ohne Informatik geht nichts mehr.

ZEIT: Wer etwas Neues einführen möchte, muss etwas Altes streichen. Wir haben Ihnen den Stundenplan einer 9. Klasse mitgebracht, mit 35 Wochenstunden. Was muss rein? Was muss raus?

Fehrenbach: Neben die klassischen Fächer müssen Fächer treten, die Schüler befähigen, in der künftigen Welt ein Auskommen zu haben. Neben einem Pflichtfach Informatik ab Klasse 5 sind auch die anderen Mint-Fächer entscheidend, ebenso wie Ökonomische Bildung. Die der Zukunft zugewandten Fächer sollten ein Viertel des Stundenplans umfassen.

ZEIT: Das ist ein Viertel zusätzlicher Stoff. Bei 35 Wochenstunden müssten Sie neun bisherige Stunden streichen. Welche wären das?

Leibinger-Kammüller: Warum sollte man streichen? Man könnte doch auch jeden Tag Nachmittagsunterricht haben, wie dies vielerorts bereits geschieht. Wir sollten eher über neue Formen des Lernens sprechen. Zwei Stunden Mathe, zwei Stunden Französisch, zwei Stunden Bio – danach sind Sie tot! Stattdessen müssen wir die Fächer stärker vernetzen. Man versteht Kopernikus viel besser, wenn man nicht nur seine physikalischen Grundlagen lernt, sondern gleichzeitig, wie sich durch ihn unser Weltbild verändert hat. Zwischendurch müssen sich Schüler beim Klettern verausgaben können oder Cello spielen.

Fehrenbach: Ich wage mich einmal auf dünnes Eis: Wir sollten nicht so viel altes Wissen in die Köpfe reinhämmern, das wir erst abfragen und hinterher vergessen – etwa viele der Jahreszahlen in Geschichte. Eher sollten wir lernen zu lernen. Übrigens geht es nicht um zusätzlichen Stoff, das wäre überfordernd. Es geht um "anders", nicht um "mehr".

Leibinger-Kammüller: Wir dürfen die neuen Fächer nicht in Konkurrenz zu Fächern wie Deutsch und Geschichte sehen. Ohne einen geistesgeschichtlichen Hintergrund kann man die Transformation der Welt nicht verstehen. Also nicht: "Deutschlehrer raus!" oder "Geschichtslehrer raus!". Wir brauchen die neuen Fächer zusätzlich zu den alten. Mir als Literaturwissenschaftlerin ist es wichtig, dass Schüler einen Text aus dem 18. oder 19. Jahrhundert verstehen, und ebenso, dass sie Schreibschrift können. Das macht den Gesamtmenschen aus, den wir auch in der Wirtschaft bitter nötig haben.

ZEIT: Warum sollen Schüler so viel Informatik lernen? Alle gehen doch virtuos mit ihren Handys um.

Fehrenbach: Um zu lernen, wie das iPhone bedient wird, brauchen Schüler keinen Unterricht. Informatik ist ein Fach, in dem man große Problemstellungen zunächst in Einzelteile zerlegt und dann diese Einzelteile mit einem mathematischen Ansatz, einem Algorithmus, löst. Informatik schult also ungemein, strukturiert zu denken.

ZEIT: Jack Ma, der Gründer des chinesischen Internetgiganten Alibaba, fordert: Schüler sollten vor allem Kunst, Musik und Teamarbeit lernen – das, was sie am stärksten von Maschinen unterscheidet.

Leibinger-Kammüller: Diese Herzensbildung ist wichtig. Aber gerade weil sich die Welt so schnell ändert, muss die Schule auf diese Geschwindigkeit vorbereiten. Wir können es uns nicht leisten, dies auf die Zeit nach der Schule zu verschieben. Übrigens ist Informatik sehr integrierend. Auch die Kinder, die die deutsche Sprache noch nicht so beherrschen, können hier schnell gute Leistungen zeigen und sich dadurch angenommen fühlen.

ZEIT: Warum ist der Wandel heute eigentlich radikaler als früher? Nach Erfindung von Elektrizität und Computer mussten sich Menschen auch umstellen.