Dass die Verbündeten aus Trumps Twitter-Mund nichts Gutes erhoffen dürfen, ist nunmehr eisernes Gesetz – zum Beispiel das "Zwei Prozent"-Stakkato. Auf diesen BIP-Anteil sollen die Nato-Freunde gefälligst ihre Ausgaben für Wehr und Waffen erhöhen. Zahlt, oder wir ziehen ab!

Die Ironie will es, dass Trumps Gezeter auch den deutschen Interessen entspricht. Seit Ende des Kalten Krieges, als Gesamtdeutschland die Armee von knapp 700.000 auf 180.000 zusammenzustauchen begann, hat die Bundeswehr auf dem Weg von der Präsenz- zur Kampfarmee nur die ersten Meter geschafft. Zurzeit befinden sich 3600 Soldaten im Einsatz. Ein internes Papier der Hardthöhe, das der Bild zugespielt wurde, meldet: Die Truppe ist am Limit; mehr geht nicht.

Die üblen Nachrichten überschlagen sich. Es fehlen Soldaten; die Marine kann 100 Prozent ihrer U-Boote nicht nutzen; von knapp 200 Leo-2-Panzern sind nur 90 einsatzbereit; die Luftwaffe bringt nur zehn von 182 Eurofightern an den Start. Bei den Militärausgaben schafft Berlin nur 1,2 Prozent – weniger als den europäischen Durchschnitt.

Alle haben sich nach dem Kollaps der Sowjetunion in einen Abrüstungswettlauf gestürzt, warum auch nicht? Der Angstgegner war weg, das "Ende der Geschichte" da, sprich: der Sieg der Demokratie und Marktwirtschaft. Heute kriechen die Bedrohungen immer näher heran. Russland ist auf Expansionskurs; in Mittelost tobt der Krieg aller gegen alle; die Türkei ist eher nominell ein Nato-Mitglied. Und Trump sägt an den Stützpfeilern.

So geht eine Epoche deutscher Sicherheitspolitik zu Ende. Die basierte auf der frommen Annahme, in Europa sei der ewige Frieden ausgebrochen und der US-Schutzschirm werde das Restrisiko einhegen. Wenn es kritisch wird, erschallt stets der Ruf nach Europa. Nur ist die in sich zerrissene EU kein strategischer Akteur, schon gar nicht ohne London. Erst recht kann die EU nicht ohne Deutschland reüssieren, die stärkste Wirtschaftsmacht im Herzen des Kontinents.

Das heißt nicht, dass die Zivil- und Friedensmacht, wie sie sich stets darstellt, zur Militärmacht wie in unseligen Zeiten avancieren möge. Doch etwas mehr als eine 3600 Mann starke Kampftruppe dürfte es schon sein – allein, um der Rest-Nato als gutes Beispiel zu dienen. Die neue Verteidigungsministerin sagte 2014 zur Misere der Bundeswehr: "Was über Jahre entstanden ist, lässt sich nicht auf einen Schlag lösen." Nur: Sie hat zwar das morsche Gebäude geerbt, aber vier Jahre später gehört es ihr – die Verantwortung auch. Dass ihre Leute das Horror-Papier lanciert haben, ist der bislang lauteste Aufschrei aus dem Waisenhaus namens Bundeswehr. Ausrüstung und Ausbildung sind das Gebot der Stunde, aber auch ein Bewusstseinswandel nach 70 Jahren unter dem US-Schirm, den Trump vor unseren Augen zerfleddert. Dem Twitter-Agitator schöntun? Es geht um ureigene deutsche Interessen im neuen Zeitalter der Unsicherheit. Die zwei Prozent sind ein Fetisch. Doch mehr Geld für die Truppe muss sein, vor allem mehr Clausewitz, der gepredigt hat: Diplomatie und Gewaltfähigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Trump überzeugen? In Wahrheit müssen die Deutschen und die Nato-Europäer sich selber überzeugen: Die fetten Jahre der geborgten Sicherheit sind vorbei; wer nicht investiert, verliert – die Deutschen wie die europäischen Bündnispartner.