Als es düster wird im Schnellzug von Zürich ins Tessin, haben die gekrümmte Nackte und der Mann ohne Hirn ihren Auftritt. Denn tief im Gotthardtunnel erzählt Carla Del Ponte von ihren allerersten Leichen, die sie zu Beginn der 1980er-Jahre als blutjunge Ermittlerin auf ein Leben mit Mord und Massenmord vorbereiteten. Damals wusste sie über die Welt des Verbrechens noch fast so wenig wie die Welt des Verbrechens über sie. Die Frau sei stocksteif gewesen und "krumm wie ein Croissant", erzählt Del Ponte, die Polizei habe ihr den Rücken gewaltsam durchdrücken müssen, "krrrack", so habe sich das etwa angehört. Del Ponte kichert im fahlen Licht des Abteils.

Und dann der Mann, der seine Frau getötet und dann sich selbst erschossen hatte, sein Hirn war über Bett und Nachttisch verteilt. "Ich war perplex", sagt Del Ponte, reißt die Augen auf und zieht die Hände auseinander, "wie groooß so ein Gehirn ist". Stille. Dann lacht Carla Del Ponte wieder. Nicht aus Respektlosigkeit, sie weiß, welches Leid der gewaltsame Tod bedeutet. Aber sie hat gelernt, das Unaussprechliche auszusprechen, das Unerträgliche zu ertragen. Sie ist abgehärtet von vielen Jahren, in denen sie mit dem Bösartigsten konfrontiert wurde, was Menschen anrichten: Folter, Vergewaltigungen, Hinrichtungen. Deshalb lacht sie manchmal leise, als wolle sie sagen: Ach, was ist der Mensch?

Das also ist Carla Del Ponte, 71 Jahre alt, ehemalige Chefanklägerin der Haager UN-Kriegsverbrechertribunale für Ex-Jugoslawien und den Völkermord in Ruanda, ehemalige Mafiajägerin im Schweizer Kanton Tessin, ehemalige Bundesanwältin der Schweiz. Eine Frau, die keine Scheu hatte, sich mit Schwerkriminellen anzulegen, mit Massenmördern, mit korrupten Politikern. Sie ist das, was man eine Erscheinung nennt – nicht zu übersehen, nicht zu überhören. Eine Dame mit schlohweißem Haar, die Handgelenke behangen mit Schmuck, der klimpert, wenn sie die Arme öffnet und schließt, als spiele sie Akkordeon. Ihre tiefe Stimme bläst sich manchmal laut auf, dann wieder surrt sie flüsternd in sich zusammen. Oft hört es sich an, als halte sie ein Plädoyer: Wichtige Worte zieht sie bedeutsam in die Länge.

Ihr Buch über den Syrien-Krieg – ein Zeugnis des Schreckens und des Scheiterns

"Das sind doch Komplimeeente", sagt sie zum Beispiel über all die Beleidigungen, die ihr Feinde entgegenschleuderten: "La Puttana", "Carlita la Peste", "Kurva Del Ponte" – Schlampe, Pest, Hure. Andere Kritiker nannten sie "unkontrollierbare Rakete" oder "weiblicher Zorro". Eine Staatsanwältin, die keine Gegner hat, macht etwas falsch, findet Del Ponte. Doch ihre Anhänger sind in der Mehrheit. Für sie ist der Name Del Ponte ein Synonym für Mut. Als sie an der Universität Leuven in Belgien die Ehrendoktorwürde erhielt, sagte der Festredner: "Sie haben wiederholt bewiesen, dass sie mutig hinter ihrer Überzeugung stehen." Das war 2002. Im Februar 2018 bekam Del Ponte den Hessischen Friedenspreis, und die Laudatoren würdigten, "mit welchem Mut Carla Del Ponte Verbrechen verfolgt und zur Anklage gebracht hat". Sie sei ein "Vorbild für Mut", und man müsse hoffen, "dass andere Mutige ihrem Beispiel folgen".

Doch woher rührt dieser Mut?

Die Zugfahrt durch den Gotthardtunnel fördert Antworten zutage, sie führt ins Tessin, verläuft also quasi rückwärts durch die Biografie dieser Passagierin, bis zu den Giftschlangen, die sie als Kind jagte. Del Ponte sagte, als sie noch an Gleis 8 des Züricher Bahnhofs stand, es sei "seltsam", ganz ohne Bodyguards zu reisen, "das habe ich ewig nicht gemacht". Über viele Jahre stand sie unter Personenschutz, schon 1989 war sie einem Anschlag der Mafia entgangen – ein Wendepunkt in ihrem Leben, über den noch zu reden sein wird.

So wird diese Reise selbst zur kleinen Mutprobe für Del Ponte. Zumal sie jeder erkennt. Kaum eingestiegen, macht die junge Frau von schräg gegenüber Fotos von ihr, und auch der Kellner im Bordbistro bittet um einen Schnappschuss, auf dem er dann schaut, als stehe er neben einer Heiligen. Der Schaffner erkennt sie und wechselt rasch ins Italienische: Ob sie denn nicht mehr im Ausland lebe, will er wissen. Nein, wieder in der Heimat, sagt sie, und er: "Schön, dass Sie zurück sind, Signora."

Del Ponte wirkt erschöpft. Hinter ihr liegt ein Tag voller Interviews, am Morgen hat sie ihr neues Buch vorgestellt: Im Namen der Opfer. Darin rechnet Del Ponte mit dem "Versagen der UNO und der internationalen Politik in Syrien" ab; im Mittelpunkt steht die UN-Kommission, die seit 2011 Menschenrechtsverletzungen im Syrien-Krieg aufklären soll. Del Ponte trat 2017 als Kommissarin des Gremiums zurück – frustriert darüber, wie wenig es ausrichtet.

Das Buch ist die Bestandsaufnahme eines nicht enden wollenden Kriegs seit 2011. Es berichtet von Bombenangriffen auf Marktplätze, Schulen, Krankenhäuser, zitiert Augenzeugen, die den in Blutrausch geratenen Soldaten entkamen; es listet auf, wie Terroristen sexuelle Gewalt als Waffe einsetzen und mit Autobomben "Kuffar" – Ungläubige – in die Luft jagen, und es erzählt von Hinrichtungen auch junger Menschen, die fast noch Kinder waren. Del Ponte schildert die Folter in Gefängnissen, berichtet, wie Frauen verkauft werden, beschreibt das Leben in Flüchtlingslagern, wo Verwundete sich unter unwürdigsten Bedingungen ans Leben klammern. "So deutlich", schreibt Del Ponte, "war mir die Verheerung des Krieges noch nie vor Augen geführt worden."

Das Buch ist aber nicht nur ein Dokument des Schreckens, sondern auch des Scheiterns. Del Ponte greift darin die Vetomächte im UN-Sicherheitsrat an, von denen sie sich ein Tribunal für Syrien versprochen hatte. Schließlich hatte die Kommission akribisch eine Liste potenzieller Kriegsverbrecher angefertigt, gestützt von mehr als 5000 Zeugenaussagen. Auch der Völkermord des IS an den Jesiden wurde dokumentiert und 25 Vorfälle mit chemischen Waffen. Doch all das bewirkte: fast nichts. Weil, so Del Ponte, die internationale Politik kein Interesse an einer Strafverfolgung der Täter hat. Selbst einen Giftgaseinsatz und tote Kinder vergesse die Welt nach ein paar Tagen – lange bevor die Schuldigen ausgemacht sind. "Es ist eine Tragödie."