Tradition – die neue Revolution

Wer sucht, riskiert zu finden. Die Köpfe, die diese Ausgabe von Christ&Welt bestimmen, haben alle etwas gefunden, wonach sie nicht unbedingt gesucht haben: Sie setzten im Leben wie im Glauben lange auf Rebellion – und lassen sich nun ein auf das Wagnis der Tradition.

Da ist der junge Mann mit Wut im Bauch, Thomas Quartier, der auf Punk und Gothic setzt, weil ihm die Welt – und die Kirche seiner Jugend am Niederrhein – nicht wild genug ist. Da ist eine Frau auf eigenen Wegen, Christina Brudereck, die sich geistlich berufen fühlt und doch zunächst quer steht zu den Autoritäten, die den Zugang zur Kanzel regeln (und so wird sie nicht Pfarrerin, obwohl in ihrer evangelischen Kirche das Pfarramt auch Frauen offensteht). Und schließlich ist da ein wortmächtiger Theologe, Fulbert Steffensky, der den ersten Bruch in seiner Biografie bereits hinter sich hatte – er war erst katholischer Mönch, dann verließ er Kloster und katholische Kirche –, ehe er an der Seite seiner Frau, der feministischen Ikone Dorothee Sölle, eine zweite Karriere erlebt als Prediger eines Protest-Protestantismus, der Kirchentage zum Jubeln brachte. Die größten Hits eines linken Christentums der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre – Fulbert Steffensky und Dorothee Sölle verschafften ihnen Wirkung.

Freigeister waren sie alle von Anbeginn. Die Rebellion stand ihnen gut zu Gesicht. Und so unterschiedlich ihre Lebenswege sind, sie schildern in dieser Ausgabe von Christ&Welt eine Wende, die vielleicht nicht allein eine persönliche ist: Warum sie nach Jahren, in denen sie die Traditionen des Christentums beschwerlich fanden und hinderlich auf ihrem Weg, jetzt und verändert zu ihnen zurückfinden, sie sich neu erschließen. Darin sind sie nicht allein. Auch Glaubensfragen folgen Konjunkturzyklen. Es neigt sich ein halbes Jahrhundert dem Ende zu, dessen zentrales religiöses Erlösungsversprechen die Freiheit war: Je ungebundener der Glaube sich entfalten könne, so die Annahme, je weniger beengt durch Überlieferung und Dogma, desto echter, ehrlicher, authentischer könne er sich zeigen. Nicht nur im Protestantismus, der seit je das unmittelbare Verhältnis des Gläubigen zu Gott stärkt, auch in einem basis-bezogeneren Katholizismus hatte ein barrierefreier Zugang zum Allerheiligsten Konjunktur.

Für mich ist Christentum als solches Revolte.
Thomas Quartier, Mönch

Wo sich der Glaube mit Tradition paarte, hatte er es schwer die vergangenen 50 Jahre: In der katholischen Hälfte des Himmels räumte das Zweite Vatikanische Konzil mit viel Althergebrachtem auf, von der lateinischen Messe bis zum Bild des Priesters als Hierarch mehr denn als Hirte.

Ich bin noch nie so gerne in die Kirche gegangen wie heute.
Fulbert Steffensky, Theologe

Im evangelischen Kosmos wiederum hat nach dem Krieg die Erschütterung über die weitgehende Kollaboration mit dem Nationalsozialismus einem neuen, kritischen Blick auf den Glauben und seine Formen Auftrieb gegeben. Die ursprünglich rein säkulare Bewegung von 1968 hat dann in beiden Kirchen eine Kraft von beträchtlicher bilderstürmerischer Wirkung entfaltet – und einer zunächst plausibel erscheinenden Gleichsetzung Vorschub geleistet: Tradition gleich Repression.

Die Ablehnung von Instruktion und Institution gipfelt oft in einer Aussage, die auch unter Kirchenmitgliedern durchaus verbreitet ist: Ich glaube an Gott, nicht an die Kirche.

Und natürlich lag in dieser Freiheitsbewegung zu einem eigenen, persönlichen Glaubenszugang zunächst einmal Elan und Schönheit: Ohne die persönliche Gottesbeziehung ist aller Glaube hohl. Doch je mehr Dogmen geschliffen, je mehr Formen aufgelöst, je mehr Rituale vergessen wurden, desto mehr wird womöglich die Freiheit selbst hohl: Je mehr Ich, desto mehr Gott – kann es das sein?

In einer Welt, in der jeder alles glauben – und behaupten – kann, was zählt da noch?

Und so schleicht sich ein Zweifel ein in den Freiheitsdrang der Gottes-Individualisten.Es ist vielleicht kein Zufall, dass es die Freigeister sind, jene Glaubenspioniere, die sich einst am weitesten hervorgewagt haben aus dem schirmenden Kirchendach, die als Erste eine Unbehaustheit spüren, die sie fragen lässt: Unter welches Dach kann ich mich stellen? Wie viel Verbindlichkeit, wie viel Dogma, wie viel Form tut einem Glauben gut, wenn er mehr sein soll als Privatreligion?

"Viele theologische Fragen, die mich einmal umgetrieben haben, kann ich überhaupt nicht mehr denken", sagt, durchaus alters-amüsiert, der Theologe und Professor Steffensky, der vergangenen Freitag 85 Jahre alt wurde. "Manchmal denke ich, dass mich vor allem die Form am Christentum hält." Für einen linken Propheten der Innerlichkeit ein bemerkenswerter Satz. "Wir haben uns die Innerlichkeit dereinst erobert gegen ein erdrückendes Korsett rein äußerlicher Formalismen", erinnert er sich an die Kirchenkämpfe der Sechziger- und Siebzigerjahre. "Ich musste erst viel älter werden, um zu erfahren: Es gibt auch eine Erschöpfung in der Innerlichkeit. Mein Gott, wann ist man schon mal völlig echt!" Auf einen gefühlten Zugang zum Glauben würde die Theologin und Poetin Brudereck gewiss bis heute nicht verzichten wollen, aber auch sie denkt inzwischen über Tradition anders: "Ich hatte mich unabhängig von Tradition gedacht. Aber ich war es nicht."

"Der Mönch verändert die Welt dadurch, dass er stabil bleibt"

Dass ein gesetztes Gebet, eine eingeführte Liturgie, der Kanon biblischer Texte nicht einengt und sich zwischen Glauben und Gläubigen schiebt – mag sein, dass vielen Christen das selbstverständlich ist. Aber ebenso viele müssen sich den Weg zu dieser Erfahrung erst bahnen, oftmals durch persönliche oder geistliche Krisen.

Als ein Freund überraschend starb, schreibt Brudereck in dieser Ausgabe, "wie war ich so dankbar für die Worte meiner Kirche!" Wenn es einem selber die Sprache verschlägt, sind Worte der Überlieferung da. "Ich lieh mir die Worte. Sie waren viel zu groß, aber sie wärmten." Und so begann ein Herantasten an vergessene Gebräuche und verschüttete Bedeutungen. Den Totensonntag nannte sie wieder Ewigkeitssonntag. "Weil ich die Ewigkeit immer glaube? Nein, im Gegenteil. Weil ich sie längst nicht immer glauben kann." Wozu dann die alten Formen? "Rituale überlisten uns. Sie glauben für uns mit. Ich glaube in der Tradition mit den vielen, die vor mir geglaubt, gehofft und geliebt haben. Ich lasse mich gewinnen von den Älteren."

Ich glaube in der Tradition mit den vielen, die vor mir geglaubt, gehofft und geliebt haben.
Christina Brudereck, Liedermacherin

Wenn "religio" für Rückbindung steht, woran kann ich mich rückbinden, wenn ich die beglückende, manchmal berauschende Erfahrung der Freiheit nicht verleugnen will, die zu jedem Glauben dazugehört?

Wer die Freiheit nicht vergisst, wird bereit für einen frischen, veränderten Blick auf den Überlieferungsbestand des Christentums: Dann erscheint die Tradition plötzlich als die neue Revolution.

Thomas Quartier, der über Punk und Gothic zum spät berufenen Benediktinermönch wurde, lehrt heute an Hochschulen in Belgien und den Niederlanden, aber seine Maxime ist einfach und universell: "Für mich ist Christentum als solches Revolte." Er sei "immer noch genauso wütend auf den kleinbürgerlichen Mief, wie ich es in meiner Jugend war". Doch "ich habe irgendwann erkannt: Wenn es mir nicht gelingt, diese ursprüngliche, radikale Wut auf ein spirituelles Niveau zu heben, dann werde ich am anderen Ende des Spektrums genauso bürgerlich und verbohrt wie jene Leute, die mich so auf die Palme gebracht haben." In einer Eindringlichkeit wie wenige schildert Quartier, warum für ihn nicht politischer Aktivismus draußen in der Welt, sondern der Rückzug in seine Klosterzelle eine Chance auf Veränderung der Welt bietet: "Offensichtlich herrscht in unserer Gesellschaft die Vorstellung, dass es sinnlos ist, etwas vor Gott zu tragen; dass es sinnlos ist, in Kontemplation einen Raum zu schaffen, den wir nicht selbst in der Hand haben."

Nicht anders als seinerzeit die Occupy-Bewegung versteht er seine Suchrichtung: "Diese Leute haben sich ihre Naivität nie nehmen lassen – und so sollte es auch bei Mönchen sein", sagt der Benediktiner. "Der Unterschied zwischen Mönchen und der Occupy-Bewegung ist, dass es im Mönchtum 1500 Jahre Tradition gibt." Die Konsequenz: "Die Occupy-Bewegung war nach ein paar Jahren wieder weg. Der Mönch verändert die Welt dadurch, dass er stabil bleibt."

Wir brauchen Rebellion!
August Modersohn, Student

Trotzdem gibt es – wie bereits vor den Befreiungskämpfen einer Sölle, eines Steffensky, eines Quartier – die Gefahr des Missbrauchs der Tradition. Unter den Talaren das Kreuz von tausend Jahren: Immer auch lädt der ausgelagerte Autoritätsbeweis an die Historie dazu ein, das eigene Denken aufzugeben, sich die gerade errungene Freiheit eines menschenfreundlichen Glaubens wieder nehmen zu lassen. So manche geistliche Bewegung kommt fröhlich daher und ist doch reaktionär. Dagegen bedarf die Tradition auch immer der Rebellion. August Modersohn, mit 24 Jahren der jüngste Autor im Blatt, trägt den Geist der Rebellion in sein Elternhaus: In einem offenen Brief – "Liebe Mama, lieber Papa" – zieht er gegen die Ignoranz zwischen den Generationen zu Felde.

Die Wiederentdeckung der Tradition aus dem Geist des Vertrauens, vielleicht geht es darum. "Ich spüre oft, dass die Form klüger ist, als ich es bin", sagt Steffensky, der 85-Jährige, "dass die Form stärker ist als mein Herz." Und fast wortgleich formuliert Brudereck, die ungleich Jüngere: Die "alte Tante Tradition" sei "stärker als mein müdes Herz". Wenn das Ich nicht mehr kann, trägt noch etwas anderes.