Dass ein gesetztes Gebet, eine eingeführte Liturgie, der Kanon biblischer Texte nicht einengt und sich zwischen Glauben und Gläubigen schiebt – mag sein, dass vielen Christen das selbstverständlich ist. Aber ebenso viele müssen sich den Weg zu dieser Erfahrung erst bahnen, oftmals durch persönliche oder geistliche Krisen.

Als ein Freund überraschend starb, schreibt Brudereck in dieser Ausgabe, "wie war ich so dankbar für die Worte meiner Kirche!" Wenn es einem selber die Sprache verschlägt, sind Worte der Überlieferung da. "Ich lieh mir die Worte. Sie waren viel zu groß, aber sie wärmten." Und so begann ein Herantasten an vergessene Gebräuche und verschüttete Bedeutungen. Den Totensonntag nannte sie wieder Ewigkeitssonntag. "Weil ich die Ewigkeit immer glaube? Nein, im Gegenteil. Weil ich sie längst nicht immer glauben kann." Wozu dann die alten Formen? "Rituale überlisten uns. Sie glauben für uns mit. Ich glaube in der Tradition mit den vielen, die vor mir geglaubt, gehofft und geliebt haben. Ich lasse mich gewinnen von den Älteren."

Ich glaube in der Tradition mit den vielen, die vor mir geglaubt, gehofft und geliebt haben.
Christina Brudereck, Liedermacherin

Wenn "religio" für Rückbindung steht, woran kann ich mich rückbinden, wenn ich die beglückende, manchmal berauschende Erfahrung der Freiheit nicht verleugnen will, die zu jedem Glauben dazugehört?

Wer die Freiheit nicht vergisst, wird bereit für einen frischen, veränderten Blick auf den Überlieferungsbestand des Christentums: Dann erscheint die Tradition plötzlich als die neue Revolution.

Thomas Quartier, der über Punk und Gothic zum spät berufenen Benediktinermönch wurde, lehrt heute an Hochschulen in Belgien und den Niederlanden, aber seine Maxime ist einfach und universell: "Für mich ist Christentum als solches Revolte." Er sei "immer noch genauso wütend auf den kleinbürgerlichen Mief, wie ich es in meiner Jugend war". Doch "ich habe irgendwann erkannt: Wenn es mir nicht gelingt, diese ursprüngliche, radikale Wut auf ein spirituelles Niveau zu heben, dann werde ich am anderen Ende des Spektrums genauso bürgerlich und verbohrt wie jene Leute, die mich so auf die Palme gebracht haben." In einer Eindringlichkeit wie wenige schildert Quartier, warum für ihn nicht politischer Aktivismus draußen in der Welt, sondern der Rückzug in seine Klosterzelle eine Chance auf Veränderung der Welt bietet: "Offensichtlich herrscht in unserer Gesellschaft die Vorstellung, dass es sinnlos ist, etwas vor Gott zu tragen; dass es sinnlos ist, in Kontemplation einen Raum zu schaffen, den wir nicht selbst in der Hand haben."

Nicht anders als seinerzeit die Occupy-Bewegung versteht er seine Suchrichtung: "Diese Leute haben sich ihre Naivität nie nehmen lassen – und so sollte es auch bei Mönchen sein", sagt der Benediktiner. "Der Unterschied zwischen Mönchen und der Occupy-Bewegung ist, dass es im Mönchtum 1500 Jahre Tradition gibt." Die Konsequenz: "Die Occupy-Bewegung war nach ein paar Jahren wieder weg. Der Mönch verändert die Welt dadurch, dass er stabil bleibt."

Wir brauchen Rebellion!
August Modersohn, Student

Trotzdem gibt es – wie bereits vor den Befreiungskämpfen einer Sölle, eines Steffensky, eines Quartier – die Gefahr des Missbrauchs der Tradition. Unter den Talaren das Kreuz von tausend Jahren: Immer auch lädt der ausgelagerte Autoritätsbeweis an die Historie dazu ein, das eigene Denken aufzugeben, sich die gerade errungene Freiheit eines menschenfreundlichen Glaubens wieder nehmen zu lassen. So manche geistliche Bewegung kommt fröhlich daher und ist doch reaktionär. Dagegen bedarf die Tradition auch immer der Rebellion. August Modersohn, mit 24 Jahren der jüngste Autor im Blatt, trägt den Geist der Rebellion in sein Elternhaus: In einem offenen Brief – "Liebe Mama, lieber Papa" – zieht er gegen die Ignoranz zwischen den Generationen zu Felde.

Die Wiederentdeckung der Tradition aus dem Geist des Vertrauens, vielleicht geht es darum. "Ich spüre oft, dass die Form klüger ist, als ich es bin", sagt Steffensky, der 85-Jährige, "dass die Form stärker ist als mein Herz." Und fast wortgleich formuliert Brudereck, die ungleich Jüngere: Die "alte Tante Tradition" sei "stärker als mein müdes Herz". Wenn das Ich nicht mehr kann, trägt noch etwas anderes.