"Tradition" – das klingt nach Langeweile. Nach Routine. Gewohnheit. "Christliche Tradition". Das klingt abgestanden, ein bisschen vergiftet sogar. Ich suchte etwas Neues, Erfrischendes, Pures.

Trotzdem lebte ich nie ganz ohne sie. Konnte nicht. Sie war wie eine alte Verwandte, die nervt, aber doch dazugehört. Kein Familienfest wurde ohne sie gefeiert. Denn ohne sie würde etwas fehlen, wusste ich. Ich gab der Tradition einen neuen Namen. Nannte sie "Erzählgemeinschaft". Da klangen Geschichten mit. Wortschätze, die verbinden. Haltungen, Gesten, Symbole, Geheimnisse.

Ich fragte schon früh, was hält. Was Halt gibt und Haltung. Meine beiden Großmütter zeigten mir beispielhaft, dass Bräuche nicht fesseln, sondern innere Stärke verleihen. Ich wusste, dass sie die Wahrheit sagten. Auch, weil sie nicht viel sagten, aber viel lebten.

"Rituale" waren die kleinen Nichten der Tradition. Sie waren ebenso nervig. Unverständlich. Formeln ohne Herz. Phrasen. Sie rochen nach Staub, nach alten Kleidern, die nicht mehr passten. Kein Duft von Freiheit umgab sie, sondern der Muff schlecht gelüfteter Mäntel.

Die Tradition war zäh. Sie hatte sich lange, lange gehalten. Sie hatte weiterhin einen Platz, aber ich saß nicht gerne neben ihr. Denn sie konnte mich immer mal wieder ertappen. Es war Passionszeit. Eine Freundin hatte ihr Wohnzimmer mit bunten Ostereiern geschmückt, und ich fragte nahezu entsetzt: "Jetzt schon? Bis Ostern dauert es doch noch wochenlang. Es ist Fastenzeit. Du spinnst wohl!" Was war denn das? Woher kam dieser Unmut? Auch die Freundin wollte es wissen. Ich erzählte von früher. Dass es bei uns zu Hause in den sieben Wochen vor Ostern keine Blumen gab. Höchstens ein paar Zweige wurden aufgestellt. Aber am Karsamstag dann wurden die Forsythien aus dem Heizungskeller geholt – so blühten sie schon – und mit buntem Schmuck behängt. Das Haus wurde mit Osterglocken und Tulpen überschüttet. Es wurde gefeiert: Das Leben ist stärker. Ich hatte das immer geliebt. Die Freundin sagte: "Blumenverbot? Das klingt aber streng." Ich widersprach: "Nein. Ich habe es nicht als streng in Erinnerung. Es war stimmig. Natürlich! Einfach. Und feierlich. Die beste Osterpredigt." Die Tante lachte sich wohl heimlich ins Fäustchen. Sie hielt mir einen Spiegel vor. Ich sah mich darin tanzen in einem grünen Kleid. Ich musste ehrlich zugeben: Die Jahreszeiten wie das Kirchenjahr geben meinem Leben den Rhythmus. Ich feiere die heiligen Pausen im Kalender.

Als ich im Ausland lebte, merkte ich: Die Alte war doch tatsächlich mitgereist. Sie bot dem Heimweh an, sich bei ihr zu bergen. Sie duftete nach Zimt. Und sie war schon vor Ort. Sie schuf Vertrautheit in der Fremde. Sie interessierte sich nicht für Hautfarben und bot daher reichlich Platz. War gar nicht engstirnig. Und etwas in mir ahnte: Ich hatte sie unterschätzt. Sie war bunt. Sie konnte sich erneuern. Sie existierte in meiner Muttersprache und war doch übersetzbar. Sie war Heimat.

Ich hatte mich unabhängig von der Tradition gedacht. Aber ich war es nicht. Ich wollte nicht auf den siebten Tag verzichten. Nicht ohne Advent sein. Nicht ohne Fasten. Nicht ohne Kerzen. Auf keinen Fall ohne Ostern.

Dann überraschte sie mich. Sie zeigte mir die Wurzeln. Es gab ja eine Verwandte, die noch älter war. Meine christliche Erzählgemeinschaft verneigte sich vor der jüdischen großen Schwester. Ich beobachtete. Staunte. Befragte sie. Pessach. Schawuot. Rosch Haschana. Sukkot. Chanukka. Tu BiSchewat. Der 15. Aw. Ich war fasziniert. Überlebende zeigten mir ihre Schätze. Die Kraft im Mitglauben. Einreihen. Bräuche brauchen. Schweigen angesichts der Worte. So erhaben. So menschlich. So durch-gebetet. Ich umarmte meine eigene Tradition für ihre Herkunft.

Das Ritual wiederholt die Geschichte. Ihr Geheimnis und ihre Weisheit. Holt für uns wieder, was weit vor uns erlebt wurde. Holt für uns wieder, was geschehen ist. Holt für uns wieder, was überliefert wurde. Und so lässt uns das Ritual die Geschichte selbst erleben. Das überzeugte mich.

Vor vielen Jahren, in einer Krisenzeit aus Verlusten und Scheitern, meldete sich die alte Tante Tradition ganz vehement zu Wort. Sie unterbrach mich ständig. Bot hier eine Strophe an, da eine Geste, mal ein Gebet. Sie brachte sich in Erinnerung. Mit ihren uralten Weisheiten. Vom Verzeihen. Überwinden. Loslassen. Vom Beichten. Beten. Meditieren. Lösen. Ich ahnte: Die ist stärker als mein müdes Herz. Weit älter als ich. Und so viel weiser. Sie wusste von Zukunft und Hoffnung.

Ich erlebte, wie wohltuend ein Morgengebet ist. Es ist erstaunlich, was nur fünf bewusste Minuten in Gegenwart der Gnade bewirken können. Konzentration. Raum. Stille. Zeit, in der ich mein Herz schlagen höre. Auf meinen Atem achte. Fünf Minuten, die mich erinnern: Ich bin geliebt – einfach, weil ich da bin. Wunderbar geborgen von guten Mächten. Umgeben von einer Atmosphäre der Liebe. Heute denke ich: Zu beten, zu meditieren ist vielleicht das schönste Geschenk, das wir uns selber machen können. Mit Meditation zu beginnen gibt dem ganzen Tag ein graziöses Vorzeichen. Ich habe das nie wieder hergegeben.