Es muss ganz schön anstrengend sein, unbedingt haben zu wollen, was die anderen haben, während man unbedingt sein will, wie die anderen nicht sind. Das Gefühl hat, wer in diesen Wochen auf die AfD blickt.

Auf ihrem Parteitag Ende Juni hat sie eine parteinahe Stiftung benannt, die Desiderius-Erasmus-Stiftung, geführt von der früheren CDU-Abgeordneten Erika Steinbach. Wie die Thinktanks der anderen im Bundestag vertretenen Parteien wird auch sie künftig aus Steuergeldern finanziert: Rund 70 Millionen Euro sollen ihr jährlich zustehen.

Die AfD hat jahrelang über ein Stiftungsmodell gestritten, eine Handvoll Vereine hatte um die Anerkennung der Partei gebuhlt. Stärkster Konkurrent der Erasmus-Stiftung war die Gustav-Stresemann-Stiftung. Als die Enkel Stresemanns sich im April dieses Jahres gerichtlich dagegen wehrten, dass sich die AfD mit dem Namen ihres Großvaters schmückt, sprach sich die Parteiführung für die Erasmus-Stiftung aus.

Dass man sich in der AfD nun ausgerechnet dem Gelehrten Erasmus von Rotterdam verbunden fühlt, einem Humanisten, Europäer und Weltbürger, ist vor allem für die Humanisten, Europäer und Weltbürger dieses Landes schwer zu ertragen.

Dass die Stiftung nun aber Gelder aus dem Bundeshaushalt bekommt, ist nicht nur für viele Abgeordnete der anderen Fraktionen schwer ertragbar, sondern auch für einige AfDler selbst: Immerhin wettert die Partei seit Jahren gegen ebenjenes Stiftungssystem, spricht von verdeckter Parteienfinanzierung, schreibt in ihrem Grundsatzprogramm gar, die Parteien würden damit den Staat "ausbeuten".

Auf dem Parteitag einigte man sich daher auf einen (nicht widerspruchsfreien) Kompromiss: Um "Waffengleichheit" mit den anderen Parteien zu haben, wird die Erasmus-Stiftung als parteinah anerkannt. Zugleich bleibt aber die Abschaffung des Stiftungssystems das "politische Endziel" der AfD.

Insgesamt 581 Millionen Euro Fördermittel gingen im vergangenen Jahr an die Stiftungen der Bundestagsfraktionen. Die Gelder werden nach einem speziellen Schlüssel verteilt, der sich im Wesentlichen an der Fraktionsgröße der Parteien orientiert. Er wird jährlich in den Haushaltsberatungen neu verhandelt. Formlos – und meist in Hinterzimmern. Da es kein Stiftungsgesetz gibt, das den Startpunkt von Zuschüssen regelt, ist noch offen, wann die AfD-Stiftung ihre ersten Gelder bekommt. Die Linken mussten einst mehrere Jahre darauf warten.

Eine "Ideenschmiede" für das Land

Ein Blick in das Kuratorium der Stiftung verrät, welche programmatische Linie die AfD in Zukunft verfolgen wird. Dort sitzen 13 Männer und drei Frauen, sie alle sind dem rechten Milieu verbunden.

Karlheinz Weißmann, 59, gehört dazu, einer der bekanntesten deutschen Vertreter der Neuen Rechten. Er ist Mitbegründer und ehemaliger wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik – der Denkfabrik des Rechten Götz Kubitschek.

Neben ihm Karl Albrecht Schachtschneider, 78, Staatsrechtler und emeritierter Professor an der Uni Erlangen-Nürnberg, unter den Rechten als begnadeter Verfassungskläger gefeiert. Er klagte schon gegen die Einführung des Euro, gegen den EU-Beitritt Österreichs, gegen die Griechenlandhilfen, zuletzt gegen die Flüchtlingspolitik Merkels.

Ebenfalls Mitglieder sind Ulrich Kutschera, der Evolutionsbiologe, der gegen die Genderforschung polarisiert, sowie der Publizist und Theologe David Berger, Inhaber des rechten Blogs Philosophia Perennis, auf welchem er gegen die Einführung der Homoehe schreibt. Zu den Frauen im Kuratorium zählt Susanne Dagen, Initiatorin der Charta 2017, einer Petition Rechter, die im vergangenen Herbst unter großem Aufsehen der Frankfurter Buchmesse "Gesinnungsdiktatur" vorwarf.

Vorsitzender des Stiftungskuratoriums ist Max Otte, 53, jener Ökonom, der mit seinem Buch Der Crash kommt einst die Finanzkrise 2008 vorhergesehen hat. Mittlerweile sieht er "zensurähnliche Zustände" im Land. Otte ist scharfer Gegner der Flüchtlingspolitik, AfD-Anhänger, aber CDU-Mitglied. Eine Konstellation, die in der Stiftung häufig vorkommt: Fast die Hälfte der 16 Mitglieder war oder ist Mitglied der CDU.

Wie die Stiftungen der anderen Parteien will nun auch die AfD mit ihrer Stiftung die politische Meinungsbildung im Land beeinflussen. Sie wird Stipendien an Studenten vergeben, wissenschaftliche Forschungsaufträge erteilen, Parteimitglieder weiterbilden. AfD-Chefin Alice Weidel wünscht sich, dass die Stiftung zur "Ideenschmiede" für das Land werde.

Es ist ein mächtiger Apparat, den die AfD da aufbaut, einer, der bis in die Schulen, Universitäten und Kulturinstitutionen hineinwirken wird.

Der Blick hinter den Vorhang der Stiftung zeigt schon heute, in welche Richtung man diesen Apparat lenken wird.