Liebe Mama, lieber Papa,

neulich war ich auf einer Demonstration, da habe ich mitbekommen, wie sich ein paar linke Jugendliche mit älteren Rechten stritten. Es war eine spannende Diskussion, die auch eine Frau in den Fünfzigern anzog. Sie hörte stumm zu, wirkte interessiert, und als das Gespräch zu Ende war, sagte sie zu den Jugendlichen: "Super, wie ihr dagegenhaltet! Wenn ihr so weitermacht, muss ich mir ja keine Sorgen mehr machen!" Dann verschwand sie.

Die Frau wirkte nett, sie sah aus wie eine bildungsbürgerliche Linksliberale: gut gekleidet, runde Brille, sie hatte sogar ein Buch unter dem Arm. Die Frau hätte gut Eure Freundin sein können. Doch nicht nur ihr Aussehen erinnerte mich an Eure Bekannten. Es gibt noch etwas, das Euch mit der Frau verbindet: Sie hat den Mund nicht aufgemacht. Sie hat sich stattdessen einfach aus dem Staub gemacht.

Habt Ihr nicht immer meiner Generation vorgeworfen, unpolitisch zu sein? Immer wieder musste ich mir das anhören von Leuten Eures Alters. Ihr scheint Euch darauf verständigen zu können: Die Jugend von heute bringt es einfach nicht mehr. Jedenfalls nicht so wie Ihr. Ich bin 1994 geboren, gehöre damit zu der Generation der "Millennials". Leute in meinem Alter würden für nichts mehr kämpfen, sagt Ihr. "Dabei kommt es doch gerade jetzt auf euch an! Wehrt euch!"

Dieser Vorwurf ist aber falsch. Ich würde sogar sagen: Er ist eine Frechheit.

Erstens sind wir nicht unpolitisch, das belegt die jüngste Shell-Jugendstudie von 2015: Fast 60 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren sind politisch aktiv. Jeder Vierte von uns war schon einmal auf einer Demonstration, jeder Zehnte engagiert sich in einer Bürgerinitiative, viele unterzeichnen Petitionen. In meinem Freundeskreis besitzt fast niemand ein Auto – bewusst. Und selbst die Partyszene wird politisch und engagiert sich gegen rechts, wie kürzlich in Berlin, als Clubbetreiber die AfD "wegbassten" und Zehntausende auf die Straßen holten. Über die Form des Protests kann man streiten, aber den Vorwurf, dass wir unpolitisch seien, lasse ich nicht gelten.

Und zweitens – hier kommt die Frechheit – muss ich mir das schon gar nicht von Euch gefallen lassen. Von Euch, den Babyboomern aus den Jahrgängen 1961 und 1965. Von all den Bildungsbürgern in Eurem Alter, die sich damit brüsten, Rot-Grün zu wählen oder wie in Eurem Fall Gründungsmitglied der Grünen zu sein – und heute wöchentlich ins Flugzeug steigen. Die stolz von ihrer großen Rebellion erzählen: damals in Brokdorf, damals in Bonn, Atomkraftwerk, Atomrakete, Sonderzug, Wasserwerfer – und heute mal alle paar Monate eine Online-Petition unterzeichnen.

Ich drehe den Vorwurf um: Ihr seid so unpolitisch! Dabei kommt es doch gerade jetzt auf Euch an! Wehrt Euch! Und drückt Euch nicht vor Eurer Verantwortung!

Für die heutigen Probleme von Klimawandel bis Rechtsruck können wir Millennials am wenigsten. Ihr aber tragt eine Mitschuld durch Eure politische Passivität in den vergangenen Jahrzehnten. Gut, Ihr habt auch was erreicht: Energiewende, Frauenrechte, Schwulenrechte. Das gibt Euch aber längst noch nicht das Recht, sich jetzt selbstzufrieden zurückzulehnen – und uns zu beschuldigen.

Unsere Generationen verbindet, dass wir in Freiheit aufgewachsen sind. Heute ist unsere Freiheit wieder bedroht – Ihr habt das vielleicht nicht kommen sehen, konntet das jedenfalls nicht verhindern. Dass wir sie nun verteidigen müssen, ist Euch genauso bewusst wie mir. Warum aber sollte nur die Jugend dafür verantwortlich sein? Und Ihr nicht?

Doch statt sich der Verantwortung zu stellen, flüchtet Ihr Euch in Ausreden: "Keine Zeit" ist eine ganz beliebte. Wir Jugendlichen hätten doch mehr davon. Ja, das mag sein. Doch darf Zeitmangel keine Ausrede dafür sein, politisches Handeln gänzlich einzustellen.

Ich erinnere mich an zwei Ereignisse, an denen Ihr politisch wart: Einmal habt Ihr meine Schwester und mich mitgenommen zu einer Demo. Wir sind gegen den Irakkrieg auf die Straße gegangen. Das war 2003 – verdammt lang her. Das andere Mal war im vergangenen Jahr. Ihr habt plötzlich Unterschriften gesammelt: für den Erhalt des Berliner Flughafens Tegel. Nicht nur Ihr, Euer gesamter linksliberaler Freundeskreis war Feuer und Flamme: Tegel muss bleiben!