Ausdauertraining war früher, Fettverbrennung und Gelenkigkeit sind von gestern. Muskeln sind das neue Ding im Fitnessgeschäft. Mehr Muckis helfen gegen Diabetes und andere Stoffwechselerkrankungen, sie schützen vor Rückenschmerzen, sie geben mentalen Halt. Das hat sich herumgesprochen. Wer heute in ein Fitnessstudio geht, sieht an den Langhanteln nicht mehr nur aufgeblasene Bodybuilder schwitzen, sondern zunehmend junge Frauen und (noch) schmale Männer. Regelmäßig zwei-, dreimal Training in der Woche sollte es schon sein. Doch vielen fehlt diese Zeit zum Muskelaufbau.

Kleine Ladengeschäfte bieten jetzt einen wundersamen, zeitsparenden Kraftspender an: Pulsierenden Strom. 2.500 solcher Mikrostudios soll es in Deutschland bereits geben. Dort versuchen Menschen mit Elektro-Myo-Stimulation (EMS) abzunehmen und Muskeln aufzubauen. "Ein Traumkörper mit nur zwei mal 20 Minuten in der Woche", verspricht ein Anbieter. Heute nutzen Gesunde diese Technik als Ganzkörpertraining – in der Medizin ist die Stimulation für einzelne Muskeln schon länger bekannt, beispielsweise nach orthopädischen Operationen. Doch wie nützlich und vor allem wie sicher ist EMS?

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Die Idee hinter jedem Muskeltraining ist vergleichsweise simpel. Sobald ein Muskel nicht mehr gefordert ist, stellt er das Wachstum ein oder schwindet sogar. Umgekehrt wachsen Muskeln immer dann, wenn sie ungewohnten Belastungen ausgesetzt sind – etwa nach dem Stemmen schwerer Gewichte. Bei der EMS sorgt Strom für die Belastung. Dafür legen die Trainierenden Anzüge mit angefeuchteten Elektroden an. Über diese gelangen 85-mal in der Sekunde schwache Stromimpulse durch die Haut in die Muskeln. Die Folge: Ganz ohne Bewegung schnurren die Muskelfasern zusammen – und die Sportler halten gegen diese künstliche Anspannung. Diese Phasen dauern nur wenige Sekunden, kurze Pausen folgen. Diese Muskelarbeit erfordert extremen, schweißtreibenden Einsatz. Ganzkörper-EMS (englisch Whole Body EMS oder kurz WB-EMS) nennt sich das Trainingskonzentrat.

Aber bringt es auch etwas? "Nein, es ist nicht effektiv", antwortet Nicola Maffiuletti knapp. Der Sportwissenschaftler arbeitet am Human Performance Lab der Zürcher Schulthess Klinik und beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Wirkung von Strom auf die Muskulatur. Maffiuletti versuchte zu quantifizieren, was die Stimulation des ganzen Körpers oder einzelner Muskeln bewirkt. Er entnahm Muskelproben und entdeckte, dass vor allem hautnahe, schnelle Muskelfasern gereizt worden waren. "Weil der Strom nicht sehr tief in die Muskeln eindringt", sagt Maffiuletti. Die wenigen aktivierten Muskelfasern ermüden sehr schnell, nach der WB-EMS fühlt man sich deshalb ordentlich kaputt.

Aber dies ist kein Hinweis auf Erfolg. Das Training, sagt der Sportwissenschaftler, sei ziemlich künstlich und würde keine für den Alltag brauchbaren (funktionalen) Muskelmassen produzieren – schon gar nicht, wenn man nur einmal die Woche trainiere. Maffiulettis desillusionierendes Fazit: "Für gesunde Menschen, die normalerweise fürs Krafttraining ins Fitnessstudio gehen würden, gibt es aus wissenschaftlicher Sicht keinen Grund, EMS zu bevorzugen – das betrifft auch die Stimulation von einzelnen Muskeln."

Warum schwören trotzdem viele Menschen auf EMS? "Die Leute haben schon ewig diesen Wunsch, dass es irgendeine Wunderübung gibt", sagt Maffiuletti, "und sie denken, EMS könnte diese magische Methode sein." Der Zürcher Sportwissenschaftler hält WB-EMS für eine vorübergehende und von Geräteherstellern gepushte Erscheinung, die durch den nächsten Sporttrend ersetzt werde. Zumal die Kosten mit rund 80 Euro monatlich (bei nur einer Trainingseinheit pro Woche) hoch seien.

Mit diesem vernichtenden Fazit ist die Diskussion keineswegs beendet. Selten trifft man in der Medizin auf so konträre Ansichten wie im Fall der EMS. "Das ist schon eine sehr nützliche Sache", findet Wolfgang Kemmler, "gerade für Leute, die sich die Zeit für ein konventionelles Training nicht nehmen wollen." Der Sportwissenschaftler von der Universität Erlangen-Nürnberg forscht ebenfalls seit Jahren über Muskeln und Strom. Wo Maffiuletti in Muskelbiopsien keine zufriedenstellenden Veränderungen finden konnte, entdeckte Kemmler in Kernspintomografien überzeugendes Wachstum. Für ihn ist die Sache glasklar: "Es gibt Muskelzuwachs." Die WB-EMS fördere die Maximalkraft und in etwas geringerem Maß die Schnellkraft. Der Trainingseffekt sei vergleichbar mit dem hoch gelobten, ebenfalls zeitsparenden hochintensiven Intervalltraining (ZEIT Nr. 15/16).

Ein wenig "Hype" wittert Wolfgang Kemmler indes auch. "Ein Otto-Normal-Verbraucher, der ein konventionelles Krafttraining machen kann, muss nicht EMS machen", sagt er. "Aber wer sind wir denn, dass wir den Leuten vorschreiben, was sie zu tun haben."