Der Natur geht es schlecht. Im Magen eines toten Pilotwals wurden kürzlich über 80 Plastiktaschen gefunden, die eine Nahrungsaufnahme unmöglich gemacht hatten. Die neue Art zu verhungern. Der Mensch verzehrt zwar selbst auch mit dem Fisch den Plastikmüll, der im Meer gelandet ist, aber der Bioladen wird’s schon richten.

Seit einiger Zeit hat die Natur auch zunehmend in den Geisteswissenschaften Einzug gehalten, vor allem in der Kunstgeschichte. Nachdem dort die Forschungsschwerpunkte des Linguistic Turn, Iconic Turn, Pictorial Turn bearbeitet waren, ist man naturgemäß beim Animal Turn angekommen. Da war es dann aber auch an der Zeit, die Kehrseite der keineswegs immer harmonischen Relation von Mensch und Natur ebenfalls zu zeigen. Die Kollision jenseits aller Schwärmereien. Jetzt ist die umfassende Ausstellung Entfesselte Natur – Das Bild der Katastrophe seit 1600 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

Die Folgen der brutalen und vernichtenden Natur sind brennende Städte, einstürzende Häuser, Feuer speiende Vulkane, verwüstete Landschaften, gestrandete Schiffe, ertrinkende Menschen, Tote. Zeitgenossen oder auch Nachkommen haben es dokumentiert oder imaginiert. So war Caspar David Friedrichs Bild Das Eismeer eine Reaktion auf die Nachrichten von den Nordpolexpeditionen des englischen Admirals und Polarforschers William Parry, welche die Entdeckung der Nordwestpassage zum Ziel hatten. Dreimal musste man umkehren, ohne das Ziel erreicht zu haben. Umso erstaunlicher ist es, dass Friedrichs Bild auf ein katastrophales Ende hinzuweisen scheint und dadurch auch zur indirekten Warnung wird. Von dem gestrandeten Schiff ist nur noch ein Teil des Rumpfes in der Landschaft aus Eis zu sehen. Dominiert wird die Szene von den monumental in den frostblauen Himmel aufragenden Eisschollen.

Das Bild, eine der Vorzeigeschätze der Hamburger Kunsthalle, hat keinen Sonderplatz in der Ausstellung. Was aber neben höflicher Hausherrenbescheidenheit auch einen geheimen Sinn hat. Denn hier geht es nicht um Meisterwerke des Schreckens und Stars dieses Genres. Sondern um die Reaktion der großen und nicht so großen Künstler auf die grauenhaften, erschreckenden Nachrichten, aus der Nachbarschaft wie aus der Ferne.

Die biblische Sintflut war da seit dem 16. Jahrhundert immer wieder sehr ergiebig als Thema des ewigen Grauens. Dazu Erfolg versprechend, um Geld zu verdienen. Der Kirche war es recht. Und für die Tatsache, dass die Größe eines Dramas auch en miniature und schwarz-weiß zu erleben ist, ist der 34,5 mal 51 Zentimeter große Holzschnitt von Melchior Lorck ein grandioses Beispiel. Unzählige Menschen liegen hier am Boden oder türmen sich übereinander zu einem vom Himmel unter Wasser gesetzten Gebirge der Not und des Schreckens, rechts stürzen die Gebäude ein, links sieht man die kleine, kompakte, unter linearem Starkregen stehende Arche Noah.

Nah an der Aktualität und Geschichte sind die Kupferstich-Radierungen von Jacques-Philippe Lebas zur Zerstörung von Lissabon. Ein Erdbeben mit Flutwelle und einem sich ausbreitenden Brand ruinierte die Stadt im Jahr 1755 im wahrsten Sinne des Wortes. Die filigranen Ansichten der zerstörten Straßen, der Kirchen, des Opernhauses und Königspalastes, die Lebas, der nie dort gewesen war, zwei Jahre später anfertigte, evozieren keine Emotionen. Aber sie strahlen eine stumme, bedrohliche Erhabenheit aus. Die Stadt Hamburg, die selbst im Jahr 1842 durch den Großen Brand weitgehend zerstört wurde, schickte auf Beschluss der Admiralität mehrere Schiffe mit Holz, Nägeln, Tischlerwerkzeug, Segeltüchern, Decken, Stiefeln, Strümpfen, gesalzenem und geräuchertem Fleisch, Butter, Käse und Zwieback. Das war nicht erstaunlich, da es zwischen den beiden Hafenstädten schon lange Handelsbeziehungen gab. Dagegen aber sprach ein moraltheologisches Argument: das Dogma, demzufolge Naturkatastrophen von Gott gesandte Strafen für ein sündiges Leben seien. Ob Gottes Zorn oder die Morgenröte der Aufklärung: Auf den fein ziselierten Ruinenporträts von Lebas, die mit dem Titel Sammlung der schönsten Ruinen von Lissabon angeboten wurden, sieht man mehr und anderes als auf den Katastrophen-Prunkgemälden, die um 1800 Einzug hielten in den Salons.

Unübertroffen aber als immerwährend attraktives Katastrophen-Ereignis war der Ausbruch des Vesuvs in der Bucht von Neapel. Seit er 79. n. Chr. zum ersten Mal ausgebrochen war und die Städte Pompeji, Herculaneum, Stabiae und Oplontis mitsamt den Einwohnern unter der glühenden Lava und Asche begraben hatte, hat er die lokale Bevölkerung immer wieder in Angst und Schrecken versetzt. Und die Besucher in Schrecken und Bewunderung. Keine andere Katastrophe hat eine so lang anhaltende Resonanz gehabt, was sich auch in der Hamburger Ausstellung widerspiegelt. Und nicht zuletzt als Folge der Ausgrabungen und der Möglichkeit, durch die Orte des Unglücks zu spazieren, entwickelte sich ein endloser Besucherstrom. Besonders bei den Engländern und Deutschen. Und den Künstlern.

William Hamilton, englischer Diplomat am Hof von Neapel, war im Jahr 1766 Zeuge eines größeren Vulkanausbruchs und wurde über den Ausgrabungen der verschütteten Städte zum Vulkanologen. Sein Bericht und seine Beobachtungen lagen 1787 auch in einer deutschen Übersetzung vor. Mit und nach Hamilton kamen die englischen Künstler, wobei vor allem Joseph Wright of Derby, der 1774 auch Zeuge eines Vesuv-Ausbruches wurde, in seinen kleinformatigen Bildern nicht den Ausbruch selbst, sondern die davon geprägte, veränderte Landschaft abbildete. In einer verhaltenen, weitgehend aus Farbkontrasten von braunen und rotgelben Tönen aufgebauten Dramatik wird hier die Unglückslandschaft illuminiert und ausgeleuchtet.

Es kam Jacob Philipp Hackert, einer der wenigen deutschen Künstler, der das, was er malte, auch selbst gesehen hatte. Und es kam Goethe, in dessen Roman Die Wahlverwandtschaften das Feuerwerk eine Unheil verkündende Rolle spielt. Wohingegen seine Zeichnungen eher zurückhaltend wirken im Umgang mit, wie er schrieb, "einer der größten Katastrophen der Menschheit". Wie diese im realistischen Detail aussah, hat der Fotograf Giorgio Sommer dokumentiert. Einerseits das Panorama der Ruinen entlang der leeren Straßen und andererseits die Nachbildung des Körpers eines Toten, man hatte dafür einen Leerraum in der Asche mit Gips ausgegossen. Schließlich eine Gruppe von Vesuv-Touristen, die sich zusammen mit ihren Trägern ablichten ließen, die sie in Sänften über Schutt und Asche den Berg hinaufschleppten.

Unübertroffen in seiner Reaktion aber war und blieb Fürst Leopold Franz von Anhalt-Dessau. Für das von ihm erfundene und über Jahre hinweg gestaltete Wörlitzer Gartenreich, das als ein Naturraum der Aufklärung angelegt war, hatte der eher arme Adelige keine Kosten und Mühen gescheut. Und ließ als Krönung der Parkanlage auf einer kleinen, zwischen 1788 und 1794 künstlich aufgeschütteten Insel einen kleinen Vulkan bauen. Der nach langer Pause im Jahr 2005 in einer lauen Sommernacht wieder aktiviert wurde.

Der Vesuv, die Brände von Hamburg und London, das Erdbeben von Lissabon, die meist namenlosen, aber über die Jahrhunderte hinweg zahllosen Schiffskatastrophen: Sie alle waren das Ergebnis der entfesselten Natur, Menschen wurden vernichtet, Künstler animiert. Auch heute gibt es Erdbeben, Orkane, Überschwemmungen. Aber sie haben eine andere Struktur und weitreichendere Folgen. So der Tsunami, der im Jahr 2011 in Japan eine Flutwelle auslöste, der 20.000 Menschen zum Opfer fielen. Im nahe gelegenen Atomkraftwerk kam es danach zum Super-GAU. Die Menschen mussten evakuiert werden, das Wasser ist verseucht, die Folgen sind unübersehbar. Die Kollateral-Katastrophe, früher von der entfesselten Natur verursacht, hat sich zur Konsekutiv-Katastrophe, ein von Hartmut Böhme geprägter Begriff, erweitert. Natur und Mensch arbeiten hier mit vereinten Kräften zusammen.

Kunsthalle Hamburg bis zum 14. Oktober, Katalog 29,– €