Der erste Bewohner, dem ich im Camp begegne, trägt eine Baseballkappe, einen Dreitagebart und ein Klebeschildchen mit seinem Namen auf der Brust: "Happy" lese ich. "Ich heiße Happy, weil ich immer so happy bin", sagt er – und ich will sofort wieder umdrehen. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. Ich fürchte, dass mich gleich eine ganze Horde viel zu gut gelaunter Menschen nötigen wird, ebenfalls viel zu gut gelaunt zu sein.

Ich stehe auf dem Gelände des Jugendferienheims Tannenhöhe im ostholsteinischen Dorf Süsel. Ein großes Willkommenstransparent kündigt die Absurdität an, bei der ich knapp drei Tage lang mitmachen will: "Camp Breakout – Ferienlager für Erwachsene". Das Gelände ist von Wald umgeben, in den angrenzenden See springen normalerweise pubertierende Schulklassen, es gibt ein halbes Dutzend Holzhütten, zwei Lagerfeuerplätze und jede Menge Stechmücken. Von Weitem läuten die Glocken der Dorfkirche.

Mutprobe Kistenklettern © Patrick Ohligschläger für DIE ZEIT

Am Check-in nimmt mir eine Frau mit asymmetrischer Frisur mein Smartphone ab. Sie steckt es in eine Papiertüte und klebt ein Siegel drauf. Wer es 48 Stunden ohne durchhält, bekommt am Ende eine Urkunde. Kein Witz. "Und ganz wichtig: Hier gibt es keine echten Namen", sagt die Asymmetrische ohne jede Ironie. Ich bin ratlos. "Wie hieß denn deine Kindheitsheldin?", fragt sie. Weil Pippi Langstrumpf schon vergeben ist und ich dieses peinliche Gespräch schnell beenden will, sage ich: Lotta, die aus der Krachmacherstraße. Ich bekomme ein Namensschild und hoffe, dass dieses beklemmende Unwohlsein bitte, bitte, bitte schnell verschwinden möge.

Dabei hatte das Angebot so verlockend geklungen: zurück ins Ferienlager, zumindest für ein langes Wochenende. Ich hatte von Maike Engel gelesen, einer Frau um die 30, die seit zwei Jahren Feriencamps für Erwachsene organisiert. Aus Nostalgie und Sehnsucht nach der Zeit ohne LTE. Zweieinhalb Tage Vollpension für 289 Euro, Übernachtung in Neuner-Hütten, drei Gemeinschaftsduschen für 40 Leute, Würstchen grillen und Freizeitprogramm. Für mich klang das wie ein Versprechen, wie die Aussicht auf eine wunderbare kleine Zeitreise.

Meine ganze Jugend über habe ich jeden Sommer im Ferienlager verbracht. Dort war es egal, ob man der Sohn vom Reifenhändler war oder die Tochter des Oberstudienrats. Ob man zu den Coolen gehörte oder zu den Nerds, Ballett tanzte, Tuba spielte oder Einrad fuhr. Alle waren gleich. Wir schliefen zu zwölft in speckigen Bundeswehrzelten und aßen zum Frühstück Graubrot mit Nutella aus Jumbogläsern. In einer Wolke aus Polyesterschweiß, Mückengift und "Vanilla Kisses"-Deo hatten wir die Zeit unseres Lebens.

Die Unwissenden verspotteten uns. All jene, die die großen Ferien mit ihren Eltern im Robinson Club auf den Malediven verbrachten. Sie fanden, es sei doch kein Urlaub, bloß 30 Kilometer vom Kinderzimmer entfernt zu campen. Ich finde: Sie alle werden irgendwann als Rentner aus weißen Segeltuchlatschen tot in den Sand von Palm Beach fallen und nie erlebt haben, wie aufregend es ist, mit 15 heimlich hinter dem Versorgungszelt Lianen zu rauchen. Die Eltern, der Alltag, die Teenagerprobleme waren eine ganze Welt weit weg.

Aber jetzt, auf dem Weg zu meiner Hütte, meldet sich die Angst, mich mit ein paar Berufsjugendlichen auf eine Schnapsidee eingelassen zu haben. Dort bezieht gerade eine Gruppe langbeiniger Segelschönheiten ihre Betten. Sie haben in einer Frauenzeitschrift gelesen, dass im Camp viel gebastelt würde, und das sei total ihr Ding. Meine Bettnachbarin ist eine etwa 35-jährige Frau im Blümchenkleid, die sich als Cat vorstellt. Sie hat sich vor Kurzem von ihrem langjährigen Freund getrennt, jetzt will sie herausfinden, ob das Alleinreisen noch etwas für sie ist. Quasi als Testballon. Alles nette Frauen so weit, denke ich, vielleicht wird es gar nicht so schlimm. Vor der Hütte schlappt Maike Engel alias "Häuptling" vorbei und ruft uns per Megafon zum Abendessen.

Bei Gemüsesuppe und Würstchen versammelt sich der Querschnitt der Gesellschaft an einer Biergarten-Garnitur. Da ist ein Pärchen im Camp-David-Partnerlook. Eine Bayerin mit einem Faible für vulgäre Witze. Zwei Stammtisch-Freundinnen aus Diepholz, die sich von ihren Männern getrennt und die Lust am Leben neu entdeckt haben. Die schwangere Pippi Langstrumpf. Ein junger Mann mit eisblauen Augen, der sich Rio nennt.

Alle zusammen stellen wir uns auf der Wiese im Kreis auf, Kennenlernspiele. Es gehe nicht ohne, sagt die Asymmetrische, wir haben ja nicht viel Zeit. Sie ruft: "Wer kommt aus einer Großfamilie?" Wir bilden Grüppchen. Krass, eine Diepholzerin hat elf Geschwister. "Wer wohnt in einem Dorf?" Wieder Grüppchen. "Wer trinkt lieber Bier als Wein?" Und so weiter. Ich wüsste gern, wer die AfD gewählt hat, aber das findet die Asymmetrische nicht gut. Nach dem Spiel habe ich eine Ahnung von den jeweiligen Humorvorstellungen der anderen, ihrem Musikgeschmack und der familiären Situation. Eine Frau etwa ist sechsfache Mutter und vierfache Oma. Nur acht Teilnehmer sind Single. Drei mögen Schlager.

Beim Lagerfeuer greift die "No Job-Talk"-Regel. Man darf hier nicht über seinen Beruf reden. Das führt dazu, dass niemand den anderen zu beeindrucken versucht und sich alle irgendwie neutral gegenüberstehen. Und das Handyverbot nimmt einem die Möglichkeit, sich aus einer Diskussion davonzustehlen. Man ist zu ständiger Gemeinschaft verdammt. Der Effekt: schnelle Nähe unter Fremden, die sich sonst womöglich nicht begegnen würden. Irgendwann füttert Happy die Diepholzerinnen mit geschmolzenen Marshmallows.