Frage: So, jetzt müsste es klappen. Wollen wir mal darauf vertrauen, dass das Aufnahmegerät uns hört ...

Fulbert Steffensky: ... wenn das Gerät nicht, dann der liebe Gott. (lacht)

Frage: Herr Steffensky, zusammen mit Ihrer inzwischen verstorbenen Frau Dorothee Sölle waren Sie ein Star vieler Kirchentage. Sie standen seit den Siebzigerjahren für einen linken, politischen Protestantismus. Dabei haben Sie Ihren Weg einst als katholischer Mönch begonnen. Jetzt, mit 85, woran glauben Sie noch?

Steffensky: Es gibt ja eine Freiheit des Alters, eine fröhliche Verantwortungslosigkeit des Alters. Die Familien- und Kinderphase liegt hinter einem, die Enkel kann man folgenlos verderben. (lacht) Die Heiterkeit wächst. Ich erlebe auch eine Freiheit von Skepsis. Viele theologische Fragen, die mich einmal umgetrieben haben, kann ich überhaupt nicht mehr denken. Den Unterschied evangelisch/katholisch schon eh nicht mehr, aber auch vieles ganz Essenzielle, die Trinität etwa. In einer gewissen Weise werde ich mit dem Alter immer heidnischer. (lacht)

Frage: Heidnischer?

Steffensky: Manchmal denke ich, dass mich vor allem die Form am Christentum hält, dass die Form stärker ist als mein Herz. Wahrscheinlich befinde ich mich in einem Zustand vergnügter Verluste. Gewisse theologische Dispute sind mir sehr fremd geworden.

Frage: ... obwohl Sie viele Jahrzehnte als Professor der Theologie wirkten?

Steffensky: Die Erfahrung der Verluste geht natürlich auch mit einem Schmerz einher. Man sehnt sich nach der Unbefangenheit des Glaubens. Ich empfinde meinen Zustand trotzdem nicht als Qual.

Frage: Wenn Ihnen das Christliche wegrutscht und das Heidnische zuwächst, ist das auch ein Zugewinn?

Steffensky: Was ich damit meine: Mir wird die Bibel von Neuem fremd. Wie selbstverständlich mir früher die Bibel war! Natürlich habe ich nie an die Verbalinspiration geglaubt, na gut, als Kinder haben wir sicher an die wörtliche Inspiration der Bibel durch Gott geglaubt. Jetzt jedenfalls lese ich die Bibel mit fremden Augen. Es ist eine interessante Erfahrung, wenn man die Texte neu liest – nicht mit Unbehagen und nicht mit Widerwillen, aber in einer gewissen Weise erwartungslos. Man guckt das so von außen an, ohne Erwartung etwas erwartend. Meine Gedanken haben keinen Rahmen mehr. Dann gibt das alte Buch noch ne Menge her.

Frage: Aber ist das nicht eine durchaus klassische Tradition der Bibellektüre, eben die mystisch inspirierte? Ist das wirklich jenseits des Rahmens, in dem Sie sich früher bewegt haben?

Steffensky: Jetzt ist der Rahmen jedenfalls einer, den ich mir selbst auferlege: dass ich jeden Morgen in die Bibel schaue, auch wenn sie mir fremd geworden ist. Ich tue das in dem Empfinden, das ist meine Heimat, da komme ich her – selbst wenn ich Boden verloren habe, wenn der Grund wackeliger geworden ist. Bei der konkreten Lektüre überkommt es mich dann, selbst bei den Psalmen zum Beispiel, dass ich denke: Ach Gott, ach Gott, ach Gott ... wie viele Feinde müssen denn da noch geschlachtet werden?!

Frage: Sie fremdeln mit den alten Texten?

Steffensky: Ich mache jedenfalls keine Verrenkungen mehr, jede Zeile mit andächtigem Wohlwollen zu betrachten. Das kommt wohl mit dem hohen Alter. Aber komisch, ich habe das noch nie jemandem so gesagt.

Frage: Hat Sie die innere Entfremdung unvorbereitet getroffen?

Steffensky: Ich habe mal irgendwo einen Text geschrieben mit dem Titel: "Der Priester, der nicht mehr beten kann". Er geht trotzdem immer in eine Kapelle, er schlüpft in die Gebete der anderen, er zahlt mit falscher Münze, mit der Münze der anderen. Das hatte mir damals ein Priester von sich gesagt – und heute geht es mir ganz ähnlich. Was bleibt, ist die Pflicht der Treue, nun aber ganz ohne Erwartung. Vielleicht geht das ja vielen so?

Frage: Warum ist Ihnen die Form dann trotzdem noch so wichtig?

Steffensky: Die Form ist für mich wichtig, weil sie mich gürtet. Die Form überlässt mich nicht mir selbst. Ich spüre oft, dass die Form klüger ist, als ich es bin.

Frage: An welche Formen halten Sie sich?

Steffensky: Ich bin noch nie so gerne in die Kirche gegangen wie heute, zum Beispiel – obwohl ich immer schwieriger glauben kann. Trotzdem ärgere ich mich, wenn die Pfarrer sich beim Predigen in Allerweltsweisheiten erschöpfen. Ich selber bin gar nicht mehr so fromm – aber noch weniger kann ich es ertragen, wenn die anderen es nicht sind! (lacht)

Frage: Was hilft bei schlechten Predigten?

Steffensky: Wenn ich in der Kirche bin, habe ich weder das Bedürfnis, mich zu identifizieren noch mich zu distanzieren. Und darin hält mich die Form. Sie hält mich im Glauben und sie hält mich in der Distanz. Wenn ich die Form nicht mehr wahrte, wenn ich nicht mehr in die Kirche ginge, dann flösse alles diffus weg. Daher ist das für mich ein wichtiger Begriff: Es ist die Form, die mich gürtet.