Niemand, der die deutschen Medien während der letzten zwei Monate verfolgt hat, kann leugnen, dass die Welt Stefan Georges mit einem gewaltigen Knall explodiert ist. Die tausend Einzelteilchen, in die es Georges Kosmos zerlegt hat, wird in absehbarer Zeit so leicht keiner mehr zusammensetzen. Die Teilchen sausen noch immer durch die Luft. Manche stecken den Kopf in den Sand im Vertrauen darauf, dass es irgendwann vorüber ist – diejenigen zum Beispiel, die sagen, sie ließen sich ihre Ideale nicht zerstören. Wer glaubt, so etwas aussitzen zu können, irrt gewaltig: Die Explosion hat alles kontaminiert. Missbrauch von Minderjährigen ist ein Delikt, das keine Gesellschaft tolerieren kann.

Der Eros als pädagogisches Prinzip. Seit George 1909 im Vorwort seiner Umdichtung der Shakespeare-Sonette "von der weltschaffenden kraft der übergeschlechtlichen Liebe" gesprochen hatte, galt diese Terminologie als die für alle Freunde des Dichters verbindliche. Der Literaturwissenschaftler und George-Freund Friedrich Gundolf verkürzte den Begriff wenig später unter Weglassung des Übergeschlechtlichen auf "die weltschaffende Liebe". Überhaupt tat er alles, die Gedichte zu "entleiben" – der "Leib" sei bei George "kein medizinischer Komplex, sondern eine metaphysische Wesenheit". Die Gundolfsche Metaphysik quittierte ein Lästermaul 1930 mit der bissigen Bemerkung, dass in der Umgebung Georges "immer, wenn von Päderastie hätte gesprochen werden sollen, Abrakadabra gesagt wurde".

"Auf den Spuren des geheimen Deutschland. Stefan George in Heidelberg" lautete der Titel der Rede, die ich am vergangenen Sonntag in der Alten Aula der Universität Heidelberg hätte halten sollen. Ich habe die Rede gehalten, aber ich habe sie im Lichte der Missbrauchsvorwürfe umgeschrieben. Zu all den schillernden Adressen des geheimen Deutschlands, die es in Heidelberg gibt, kam nämlich eine weitere, eine sehr reale Adresse hinzu: Werderplatz 10. Es war das Elternhaus des Mannes, durch den die Debatte ins Rollen kam: Wolfgang Frommel. Der 1902 geborene Spross einer Theologenfamilie hatte im Berlin der frühen Dreißigerjahre einen George-Nachfolgekreis um sich geschart und nach dem Krieg in Amsterdam die Zeitschrift Castrum Peregrini gegründet, in der das Georgesche Erbe bis 2007 hochgehalten wurde.

Frommels Neffe hat kürzlich in einem dieser Interviews, die der Aufklärung dienen sollen, berichtet, wie das war, wenn sich in der Stadt herumsprach, dass der Onkel zu Besuch kam. Dann sei halb Heidelberg auf den Beinen gewesen, "um ihn zu sehen, zu hören, von ihm belebt zu werden". Und dann? "Dann verschwand er auch mal mit Leuten im zweiten Stock." Er, der Neffe, sei ja "nicht immer überall dabei" gewesen, deshalb könne er nicht sagen, was sich da im Einzelnen zugetragen habe.

Nun, ich hätte es ihm sagen können. Auch ich war "nicht immer überall dabei", aber ich habe zehn Jahre meines Lebens mit Frommel im selben Haus gewohnt, Amsterdam, Herengracht 401. Als ich 15 war, hatte er mich auf der Straße angesprochen. Das war 1970. Als ich 19 war, folgte ich der Verlockung, mich im Elfenbeinturm der Herengracht einzurichten. Zehn Jahre später – da war ich 29 – gelang es mir, dem Turm zu entkommen. Die jahrelangen Kämpfe, die ich auszufechten hatte, um mich aus der Welt meiner unter Frommels Anleitung zusammengezimmerten Ideale zu befreien, wünsche ich keinem.

Um hier gleich eine erste grundsätzliche Bemerkung zur Missbrauchsdebatte anzubringen: Das Verbrechen besteht nicht darin, sich Lustobjekte gefügig zu machen, das eigentliche Verbrechen besteht darin, ihnen einen Schuldkomplex zu suggerieren, den sie ihr Leben lang nicht mehr loswerden sollen. Sich von diesem Schuldkomplex zu befreien ist für die meisten Opfer schwerer, als sich einzugestehen, nicht genügend Widerstand aufgebracht zu haben. Diejenigen, die in den letzten Wochen und Monaten über abwegige Praktiken im Frommel-Kreis berichtet haben, bekunden genau dies: dass sie sich dreißig und vierzig Jahre später noch immer schuldig fühlen.

Als ich Anfang der 2000er-Jahre den Plan fasste, eine George-Biografie zu schreiben, war mir bewusst, dass meine Erfahrungen und Erlebnisse im Frommel-Kreis der Schlüssel waren, mit dem sich Leben und Werk Georges würden dechiffrieren lassen. Jede Biografie ist ja ein Stück weit immer auch Autobiografie. Ich wollte versuchen zu verstehen, was mit mir selbst passiert war, aber ich wollte nicht von mir reden. Bekenntnisliteratur war mir immer suspekt. Also entschied ich mich für die historisch-kritische Methode. Das System Frommel war gewissermaßen die Blaupause, die ich anlegte, um das System George transparent zu machen. Der für den Freundeskreis zentrale Gedichtband Stern des Bundes, schrieb ich in einem Satz, der später oft zitiert wurde, "war der ungeheuerliche Versuch, die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären".

Den Amsterdamer Kreis, der sich nach dem Tod Frommels 1986 schnell zerstritten hatte und in immer kleinere Grüppchen auseinandergedriftet war, gibt es längst nicht mehr, die wenigen Überlebenden sind heute hochbetagt. Ein paar Jüngere, die in den Neunzigerjahren noch Anschluss suchten, haben eine neue Thoraschule eröffnet: Nur nicht über den Schriftrand hinausdenken! Die soeben in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienene George-Biografie von Jürgen Egyptien ist ein Paradebeispiel treuer Exegese.

Diejenigen, die sich in jüngster Zeit als Opfer zu Wort gemeldet haben, sind ernster zu nehmen. An die Fälle, von denen sie berichten, erinnere ich mich sehr genau. Da gibt es nichts zu beschönigen. Auch mir waren die zahlreichen Trittbrettfahrer, die Schwulen, die mit halben Kindern Gedichte lasen, um an Frischfleisch zu kommen, widerlich, ich bin ihnen immer aus dem Weg gegangen. Es war für mich unendlich peinlich, mit Frommel einen Gang durch die Stadt zu machen, weil er wie von Sinnen über die Straße taumelte, sobald er auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig einen Knaben entdeckte. Dass sich efeubekränzte Männer einmal im Jahr in großer Runde trafen, um reihum die hundert Gedichte des Stern des Bundes zu zelebrieren, fand ich toll – das anschließende Geküsse beim festlichen Mahl war schon weniger nach meinem Geschmack. Und wenn der eine und andere zwischen Hauptgang und Dessert mit einem Neophyten "im zweiten Stock verschwand", sah ich weg.

Habe also auch ich die Mechanismen von Verführung und Gewalt in Wahrheit nur mehr oder weniger erfolgreich verdrängt? Die Verführung war so komplett, so allumfassend, so wirkmächtig, dass ich den Preis, den ich dafür zu zahlen hatte, an einem dreitausend Jahre umspannenden geistigen Abenteuer teilhaben zu dürfen, niemals bereut habe. Mein exterritoriales Leben im Amsterdamer Exil war – in Anlehnung an ein Wort des Germanisten und George-Jüngers Max Kommerell – eine zehn Jahre dauernde freiwillige Dienstbarkeit im Namen dessen, was ich für den deutschen Geist hielt.

Wer nun meint, es sei im Grunde Missbrauch gewesen, den frage ich: Wissen Sie eigentlich, was Missbrauch ist? Missbrauch ist die eine Viertelstunde in Ihrem Leben, in der Sie entscheiden müssen, ob Sie dazugehören wollen oder nicht, ob Sie gehen oder ob Sie bleiben. Und in der Sie aufgrund des Machtgefälles nicht in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln.