Wer heute das Wort "Gotik" hört, hat schnell allerlei Bilder vor Augen: Kathedralen im Weihrauchnebel, Ritter in glänzenden Rüstungen und düstere Mönche, Hexen und Alchemisten, eine Welt, in der sich Menschen gruselige Kriege im Namen Gottes lieferten. Das Mittelalter – die Großepoche, zu der die Gotik gehört – gilt heute als ferne, dunkle Zeit. Trotzdem, oder gerade deshalb, stößt sie derzeit mit Gothic Rock, Fantasy-Comics und vor allem der TV-Serie Game of Thrones bei vielen Menschen auf große Begeisterung. Gotik ist Pop. Am Kunstmarkt würde das niemand so ausdrücken, aber trotzdem begeistern sich Sammler, die eigentlich von der Moderne oder der Gegenwartskunst kommen, immer häufiger für die Heiligenfiguren aus Stein und Holz, die vom 13. bis zum frühen 16. Jahrhundert in Europa entstanden.

Wer sich einen Eindruck von dieser Kunst verschaffen will, fährt diesen Sommer am besten nach Bamberg. In der Altstadt trifft man auf eine Phalanx von Antiquitätenhändlern, wie sie selten geworden ist in Deutschland. Während der Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen bieten sie darüber hinaus parallel zu den nahe gelegenen Bayreuther Festspielen vom 23. Juli bis 23. August ihre besten Stücke auf: alte Möbel und Gemälde, Porzellan und Silberobjekte, Fayencen und Bronzestatuetten. Und eben: gotische Skulpturen.

Etwa die Figur des Petrus, um 1500 in Nürnberg aus Lindenholz geschnitzt. Ein ausgemergeltes Gesicht, von Falten zerfurcht. Nachdenklich senkt der alte Mann die Augen. Es scheint, als ob der Apostel die Leiden der Welt und die Sünden der Menschen in sich trage. Das Besondere an Stücken wie diesem: Die Figur entstand zwar im Kontext des gottesfürchtigen Mittelalters, aber von überirdischer Entrückung, wie man sie sonst in dieser Zeit gern vermutet, ist nichts zu spüren. Petrus, ein Mensch unter Menschen.

"Schauen Sie, die feinen Locken! Und selbst die kleinsten Äderchen sind zu sehen", schwärmt Walter Senger, der die Holzskulptur in seiner Bamberger Kunsthandlung anbietet. Das Werk soll aus dem Umkreis des Bildhauers Veit Stoß stammen, der in Krakau einen der größten und schönsten spätgotischen Altäre Europas realisierte. Dass Petrus beide Unterarme und ein Fuß fehlen, schmälert seinen Wert nicht; Spuren der Geschichte gehören gerade bei gotischen Stücken für viele Käufer dazu und sollten sichtbar bleiben.

Für 270.000 Euro ist die Figur in diesem Fall zu haben. Viel Geld, gewiss. Aber im Vergleich sind die Skulpturen alles andere als teuer: Gemälde aus dieser Zeit, etwa von Lucas Cranach, kosten ein Mehrfaches – vergleichbar bedeutende Bilder des Impressionismus oder der Moderne noch viel mehr, nämlich meist zweistellige Millionenbeträge.

Madonnen, Christus am Kreuz oder Märtyrer, die ihre Folterinstrumente zur Schau tragen, gefallen nicht jedem. Trotzdem ist zu beobachten, dass gotische Skulpturen immer mehr Menschen faszinieren, die mit Religion und Kirche nichts im Sinn haben. Gerade Stücke der späten Phase zwischen 1400 und 1520 ziehen heute viele Käufer an. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Figuren aus dieser Zeit oft besonders lebensecht dargestellt werden, als Individuen mit Esprit und Charakter.

Senger hat auch noch günstigere Werke im Angebot. Viele der spätgotischen Figuren liegen ohnehin im mittleren und unteren sechsstelligen Bereich, auch bei den Bamberger Kollegen Matthias Wenzel und Reinhard Keller. In Auktionshäusern lassen sich zuweilen sogar Stücke für einige Tausend Euro ersteigern. Deren Erhaltung lässt dann vielleicht zu wünschen übrig, oder der Stil ist sehr derb geraten. Solche Figuren haben keinen Anlagewert, können aber durchaus für manchen zu einem lieb gewonnenen Mitbewohner werden.

Spitzenstücke dagegen sind rar und begehrt, auch wenn die Millionengrenze selten überschritten wird. Vergangene Woche trat dieser Fall ein: Bei Sotheby’s in London erzielte ein nur 35 Zentimeter hoher gekreuzigter Christus, der Veit Stoß zugeschrieben wird, statt der geschätzten 200.000 Pfund am Ende knapp über eine Million.

Die Skulptur der Gotik war lange ein klassisches Sammelgebiet, fest verankert im Geschmackskanon des Bildungsbürgertums. Zum Salon mit Barockmöbeln und persischen Teppichen gehörten Altmeistergemälde und mittelalterliche Heiligenfiguren.

So traditionell lebt und sammelt heute kaum noch jemand. Und auch die Connaisseure, die sich bestens auskennen und nach kunsthistorischen Kriterien Spezialsammlungen alter Kunst aufbauen, gibt es immer weniger. Trotzdem haben die gotischen Skulpturen den allgemeinen Geschmackswandel überraschend schadlos überstanden. "Der Markt ist stabil", betont Senger. Im März auf der Maastrichter Tefaf, der weltweit wichtigsten Messe für Kunst und Antiquitäten, konnten er und sein Schwiegersohn Thomas Herzog, der mittlerweile die Geschäfte führt, mehr als zwanzig Stücke verkaufen. Andere Händler oder Versteigerer äußern sich ähnlich: Stimmt die Qualität, finden sich auch Interessenten. Zweitklassige Werke dagegen bleiben gerade in Auktionshäusern oft stehen.

Neben den Bamberger Händlern gibt es natürlich auch andere Anlaufstellen für das Sammelgebiet, etwa Julius Böhler in Starnberg, der für seine musealen Spitzenstücke bekannt ist, oder Hildegard Metz de Benito in München, die das Mittelfeld betreut. Zur internationalen Spitze gehören Sam Fogg und die Firma Mullany in London. Auf Auktionen lassen sich überall dort, wo alte Kunst noch angeboten wird, interessante gotische Skulpturen finden. Die Last der Entscheidung trägt man hier allein, denn eine intensive Beratung, wie sie seriöse Händler (inklusive Gewährleistung) bieten, können die Auktionshäuser nicht leisten.

Ein Hauptkriterium für den Wert einer Skulptur ist der Erhaltungszustand. Die Oberfläche, ob holzsichtig oder bemalt, sollte so nahe wie möglich am ursprünglichen Zustand sein. Im Zweifelsfall sollte man einen erfahrenen Restaurator konsultieren. Die Figuren sind nicht empfindlich, wenn man für die richtige Luftfeuchtigkeit sorgt; immerhin haben sie bereits ein halbes Jahrtausend überdauert. Nur plötzliche Klimaschwankungen nehmen sie übel. Platzieren kann man sie auf einem Sockel oder einer Wandkonsole, auch auf einem Möbelstück können sie sich gut machen. Selbst mit einem Stahlrohrsessel oder einem zeitgenössischen Gemälde vertragen sie sich gut. Dem modernen Lebensstil stehen die Skulpturen der Gotik längst nicht mehr entgegen.