Martin Kremer hat ein Problem. Seine Familie ist gläubig, und er ist es nicht. Aber er bringt den Mut nicht auf, es den anderen zu sagen. Klingt nicht schlimm. Doch Kremers Familie sind fundamentalistische Christen. Er selbst ist Atheist und sicher: Religion ist Schrott. Er würde es aber nie so ausdrücken.

Martin Kremer schaut auf die vor ihm stehende Kaffeetasse und beteuert, er sei nicht nervös, während er unter dem Tisch seine Finger knetet. Er möchte seinen echten Namen nicht in der Zeitung sehen. Sogar wo er studiert, soll geheim bleiben. So viel aber kann man verraten: Es ist eine mittelgroße Stadt in Deutschland, eine Domstadt. Hier studiert Kremer Physik. Er mag die Naturwissenschaft, weil sie auf nachvollziehbaren Prozessen beruht. Und weil sie das Gegenteil von dem ist, was zu Hause vor sich geht.

Kremers Angehörige sind Russlanddeutsche. Sie kamen in den 1980ern nach Deutschland und leben auf dem Dorf. Die Bibel legen sie wörtlich aus: Gott hat den Menschen erschaffen, und zwar genau so, wie es in der Genesis, dem ersten Buch Mose, steht. Zuerst Adam, dann Eva. Die Erde ist für die Kremers nicht älter als 6000 Jahre. Evolution, Urknall – Unsinn. Dinosaurier gab es zur selben Zeit wie die Menschen. Leute, die so etwas glauben, nennt man "Kreationisten". Davon gibt es mehr, als man denkt.

Wenn sich die Gemeinde in Kremers Dorf sonntags in einem Saal im Gemeindezentrum trifft, dann gelten vor allem für Frauen strenge Regeln: Haare müssen bedeckt sein, Arme und Knie auch. Aber Pfarrer gibt es nicht, predigen darf jeder – also jeder Mann. Kremers Bruder hat gepredigt, auch der Lehrer im Dorf, der Busfahrer und der Kfz-Mechaniker.

Die Gemeinschaft ist das Wichtigste in diesem Dorf. Und das Ausgestoßenwerden ist die Konsequenz, die Martin Kremer fürchtet. Er ist 24, wohnt bei den Eltern, verdient noch kein Geld. Man kennt solche Konflikte aus muslimischen Familien: Töchter, die mit den antiquierten Regeln des Glaubens hadern, mit Kopftuch oder Alkoholverbot. Söhne, die sich in Frauen verlieben, für die der Koran kein heiliges Buch ist.

Wenn der Glaube an Gott und die Liebe zum eigenen Kind plötzlich in Konkurrenz geraten, ziehen die Kinder oft den Kürzeren. Das Ende ist Kontaktabbruch. Die Verstoßenen geben die Familie auf, gewinnen dafür aber ihre Freiheit.

Solche Schicksale stehen auch in der Zeitung, was bedeutet, dass Menschen den Mut finden, sich dem Glauben ihrer Familien zu widersetzen. Aber was passiert dazwischen? Zwischen dem Verlust des eigenen Glaubens und jenem Moment, an dem es die Familie erfährt? Und warum bringt Martin Kremer keinen Mut auf? Im Christentum hat der Abfall vom Glauben ja heute kaum noch soziale Konsequenzen, zumindest in Deutschland.

Denkt man. Als gute Christen glauben die Kremers an Himmel und Hölle. Für sie gilt: Der Mensch ist als Sünder geboren und kann der Hölle nur entfliehen, wenn er von Gott gerettet wird. Um gerettet zu werden, muss er wahrhaftig glauben. Aber wissen, ob er gerettet ist, kann er nicht. Das weiß nur Gott. Man kann also ein eifriger Christ sein und trotzdem in der Hölle landen.

Kremer ist mit dieser Unsicherheit aufgewachsen. Dem Kind machte sie Angst. Kremer wusste lange nicht, wie er sich helfen sollte, also wandte er sich an Gott. Wenn er im Bett lag, faltete er die Hände über der Brust und betete: "Lieber Gott, bitte lass mich glauben. Mach, dass ich gerettet bin."