Eigentlich gibt es wenige Gründe, sich über die HafenCity zu beklagen – zumal in diesem Sommer. "Das ist so schön hier!", ruft Anja Kaufmann, 44 Jahre, Angestellte und Mutter. Ihr neunjähriger Sohn ist gerade mit zwei Freunden und einem Fußball im Lohsepark verschwunden, der vor zwei Jahren eröffnet wurde. Das Straßencafé, in dem sie sitzt, serviert den Cappuccino mit Bio-Espresso und Herzchen auf dem Schaum. Das Wetter ist gut. Wenig Verkehr, rundherum wohnen Familien, Kaufmann schwärmt vom dörflichen Charakter des Stadtteils. Sie ist vor elf Jahren mit ihrem Mann in die HafenCity gezogen und ist eigentlich sehr zufrieden hier.

Wäre da nicht die Sache mit der weiterführenden Schule. Kaufmann zeigt mit dem Finger auf ein dreieckiges Baufeld mit Sandhügeln und Containern auf der anderen Seite des Parks. Dort soll der "Schulcampus Lohsepark" entstehen, ein Gymnasium und eine Stadtteilschule für insgesamt 1.500 Schüler, auch aus den benachbarten, ärmeren Vierteln. Doch nun gibt es Ärger – und die Eltern um Anja Kaufmann formieren sich zum Protest. Weil sie sich fragen: Opfert die Stadt Schulfläche, um an Immobilien zu verdienen?

Frust über die Schulentwicklung in der HafenCity gibt es schon länger. 2012 hatte der Senat den Bau des neuen Campus beschlossen. Viele Eltern sind in die HafenCity gezogen in der Erwartung, dass ihre Kinder nach der Grundschule im Stadtteil auf die weiterführende Schule gehen können. Nun heißt es, die Schule könne frühestens 2022/23 bezugsfertig sein. Richtig hitzig wird es in der HafenCity, seit die konkreten Pläne für die Schule bekannt wurden.

Am 27. März begann das städtebauliche Gutachterverfahren, mehrere Architekturbüros konkurrierten um den besten Masterplan zum Bau der Anlage. Schon im Vorfeld hatten Kaufmann und andere Eltern Gerüchte gehört, dass neben der Schule und einer dazugehörigen Sporthalle noch etwas anderes entstehen solle. "Evtl. ergänzend Wohnen", hieß es lapidar auf der Website der städtischen HafenCity GmbH. Ergänzend Wohnen? Sollte die Schule nicht das große Bildungszentrum des Stadtteils sein? "Das zentrale Schulzentrum der HafenCity mit Gymnasium und Stadtteilschule" mit einer "Dreifeld-Sporthalle", wie es in einer Broschüre der städtischen HafenCity GmbH heißt? Ein Vorzeigeprojekt, mit dem das oft als Millionärsstadtteil gescholtene Viertel seine Integrationskraft beweist, indem es Schulkinder aus den umliegenden ärmeren Stadtteilen aufnimmt?

Die Kritiker befürchten, dass die engere Bebauung das Konzept der Schule torpediert

In der HafenCity ist das, was Soziologen die "Beteiligungselite" nennen, ausgeprägt: Akademiker, die sich engagieren, weil sie bewusst hergezogen sind. Die Eltern luden sich kurzerhand selbst zum städtebaulichen Verfahren ein, zu dem eigentlich nur Behördenvertreter, Architekten und Politiker kommen sollten.

Was die Eltern erlebten, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. Vier Entwürfe lagen den Gutachtern vor, in dreien davon war die Wohnbebauung tatsächlich nur ergänzend geplant. Die Jury unter Vorsitz von Oberbaudirektor Franz-Josef Höing und HafenCity-GmbH-Chef Jürgen Bruns-Berentelg kürte allerdings den Entwurf zum Sieger, der das Verhältnis umdrehte: Nun soll der Wohnblock rund 20.000 Quadratmeter bekommen, für die Schule bleiben rund 15.000 Quadratmeter. Weil in diesem Entwurf kaum mehr Außenflächen übrig bleiben, will man die Sporthallen und den Schulhof nun auf das Dach verlegen.

"Man hat das schlechteste Modell genommen", sagt Anja Kaufmann. Schon bei der Katharinen-Grundschule am Dalmannkai, die ihr Sohn besucht, mache man schlechte Erfahrungen mit einem Schulhof auf dem Dach. Lediglich ein kleines Fußballfeld, eingezwängt zwischen Schule und dem benachbarten Glasbau, ist bei dieser Grundschule ebenerdig geblieben – in den Pausen müssen die Kinder aufs Dach. "Der Schulhof ist sehr eng und bei schlechtem Wetter oft geschlossen", sagt Kaufmann, die im Vorstand des Elternrats sitzt.

Kampf um Anteile am Schulgrundstück ist längst ausgebrochen

Auf diesem Gelände soll bald der "Schulcampus Lohsepark" entstehen. © Julius Schrank für DIE ZEIT

Und weil die Sporthalle auch auf dem Dach gelegen ist, gebe es ständig Probleme mit den Sportvereinen, die dort ihr Training abhalten. "Wer zu spät kommt und keinen Schlüssel hat, kommt nicht mehr rein." Man habe ja nichts gegen Wohnungsbau, sagt Kaufmann. "Aber die Kinder müssen sich auch mal austoben können."

Die Elterninitiative "Schulcampus Lohsepark", die Kaufmann mitgegründet hat, ist in wenigen Wochen auf 80 Personen angewachsen. Und sie wissen sich zu wehren: schreiben an den Schulsenator und den Oberbaudirektor, lancieren Artikel in der stadtteileigenen HafenCity Zeitung und über Oppositionsabgeordnete Anfragen an den Senat.

Die Kritiker monieren, dass die Wohnbebauung den hochfliegenden Plänen von der "Campus Schule" den Garaus machten. Dabei geht es nicht nur um Schüler aus dem Stadtteil, auch im benachbarten Rothenburgsort hatte man auf die Schule gehofft. Bisher müssen viele Eltern dort ihre Kinder weite Wege zur Schule bringen. Doch die Elternvertreter sind inzwischen skeptisch. In der Tat ist fraglich, wie die Schule noch Kinder aus umliegenden Stadtteilen aufnehmen soll. Sie ist auf maximal sieben Züge ausgelegt. Die beiden Grundschulen in der HafenCity werden sieben Züge haben. Viele Schüler aus Rothenburgsort und von der Veddel werden nicht mehr reinpassen, wenn die HafenCity-Eltern ihre Kinder weiter im Stadtteil beschulen lassen wollen.

Die Platzfrage ist also am Ende auch eine soziale Frage: Je mehr der Wohnungsbau die Entfaltung der Schulflächen einschränkt, desto sozial homogener wird die HafenCity-Schule werden.

Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde, widerspricht den Befürchtungen der Eltern. Im Kernbereich der Stadt gingen die Schülerströme in ganz unterschiedliche Richtungen, sowohl raus als auch rein. "Die Mitte der Stadt ist sehr flexibel, und die Bewohner der HafenCity sind sehr mobil", sagt er. "Nicht alle werden ihre Kinder in der HafenCity beschulen lassen. Unsere Experten sind der Meinung, dass die jetzige Planung für die Bedarfe ausreichend ist."

Hinter den Kulissen ist längst der Kampf um die Anteile an dem Schulgrundstück am Lohsepark ausgebrochen. Auf der einen Seite stehen die HafenCity GmbH und die Finanzbehörde, die auch an einer Verwertung des Areals durch Wohnungsbau interessiert sind. Auf der anderen Seite steht die Schulbehörde, die versprochen hat, an dieser Stelle ihr Vorzeigeprojekt zu realisieren. Man sei im Verhandlungsprozess, so Pressesprecher Albrecht. "Natürlich hat die andere Seite das Interesse, möglichst viele Wohnungen bauen zu können", sagt er. "Wir versuchen unsererseits möglichst viele Flächen für das Gemeininteresse zu sichern."

Droht in Altona der nächste Elternaufstand?

Schulsenator Ties Rabe hat sein Veto gegen die Pläne eingelegt

Die Eltern haben ein Modell gebaut, das die bislang vorgesehene Planung veranschaulicht. Auf dem liegt die Freifläche, die einmal der ebenerdige Anteil des Schulhofs werden soll, in einer schattigen Häuserschlucht zwischen Schule und Wohnblock – Letzterer verdeckt außerdem noch die Sicht auf das Mahnmal am ehemaligen Hannoverschen Bahnhof, welches an die Massendeportation und Ermordung von Juden sowie Sinti und Roma im "Dritten Reich" erinnert. In einem offenen Brief an die Abgeordneten der Bürgerschaft beschweren sich die Eltern: "Wir haben den Eindruck, dass bei den Planungen für dieses zukunftsweisende Modellprojekt für Hamburg, das ein Ort der Bildung für alle werden soll, vor allem ökonomische Kriterien den Ausschlag geben, sodass Fragen der Pädagogik, der Quartiersentwicklung und der Nachbarschaft deutlich dahinter zurückstehen müssen."

Wird es so schlimm kommen?

Schulsenator Ties Rabe habe ein Veto eingelegt gegen eine Verdichtung, die dem Schulhof zu ebener Erde weniger als 4.000 Quadratmeter übrig lässt, beruhigt Pressesprecher Peter Albrecht. Von der HafenCity GmbH kommt der Hinweis, der Bedarf des Schulbaus hätten "Priorität", und auch Oberbaudirektor Höing versichert, man habe den "kompakten Fußabdruck des Siegerentwurfes" gut gefunden, aber es gebe "kein Beharren, dass es genau so werden muss". Im August werde man sich zusammensetzen, bisweilen sei es ja auch ganz gut, wenn man sich ein bisschen raufe: "Durch diese Debatten entstehen interessante und gute Lösungen."

Keinesfalls will Hamburgs oberster Stadtgestalter den Eindruck entstehen lassen, die beschwerdemächtigen HafenCity-Eltern, darunter Journalisten, Juristen und Architekten, hätten den ahnungslosen Behördenmitarbeitern Beine machen müssen. "Uns war von vorneherein klar, das wir hier nachbessern müssen."

Klar muss ihm auch sein, dass das Problem der HafenCity bald auch an anderen Orten entstehen wird: Je stärker die Stadt verdichtet ist und je höher die Grundstückspreise, desto höher wird auch der Druck auf die Schulgebäude, in einem kompakten Block all das unterzubringen, was man im Schulbau vergangener Jahre noch auf gefällige Pavillons in der Fläche verteilen konnte. Auch im Neubaugebiet Mitte Altona ist ein Entwurf mit Schulhof auf dem Dach geplant.

Droht da nicht der nächste Elternaufstand? Oberbaudirektor Höing beruhigt: In Altona werde man "auch in die Ebene gehen", versichert er. "Neben DIN-Normen und Patentrezepten wollen wir vor allem Schulen entwickeln, die anspruchsvoll sind und den Kindern gerecht werden."