Am schönsten strahlt eine Kunstform in jenem Augenblick, in dem ein talentierter wie gnadenloser Künstler schon den Vorschlaghammer über seinem Kopf schwingt, weil er die Form sogleich zertrümmern, sie dekonstruieren wird in kleine Brösel, die wir nur noch auffegen und entsorgen dürfen. So geschah es dem Roman, der Skulptur, der Sinfonie. Und so geschieht es nun der Stand-up-Comedy. In den vergangenen Jahren stand diese Form der Populärkultur in einmaliger Blüte, vom goldenen Zeitalter war die Rede und von Comedians sprach man als den public intellectuals der Gegenwart. Vor allem Netflix hob das Genre in den Zenit, wöchentlich neue, brillante Stand-up-Comedy-Auftritte, sogenannte Specials, veröffentlichte der Online-Videodienst. Zuletzt erschien das Programm Nanette der Australierin Hannah Gadsby, aufgezeichnet in der Oper von Sydney. Doch nach Nanette wird Stand-up-Comedy nicht mehr dasselbe sein wie zuvor.

Man hört das Sausen des Hammers bereits im ersten Akt, als Gadsby von ihrer Jugend auf dem Land erzählt und der Verachtung, die ihr entgegenschlug. Weil sie lesbisch ist. Weil andere sie für einen Mann halten. Amüsant erzählt sie von einem homophoben Typen, der sie nachts an einer Bushaltestelle beschimpft als "Scheißschwuchtel" und ihr Prügel androht, bis er merkt, dass er gar keinen Mann vor sich hat: "Oh, tut mir leid, ich schlage doch keine Frauen!" Während Gadsby anfangs noch Witze strickt aus ihrer Biografie, wie wir das von einer Komikerin erwarten, verweigert sie irgendwann die Arbeit, im Laufe dieser mythischen one hour, der einen Stunde, die ein Stand-up traditionell umfasst. "Ich sollte", gesteht sie schließlich, "mit Comedy aufhören." Denn Witze helfen nicht mehr. Witze haben eine Einleitung und eine Pointe. Eine Geschichte aber, ihre Geschichte, die habe nicht nur einen Anfang und eine Mitte, die habe auch ein Ende. Und Komiker erzählen nie das Ende. Dass jener Typ nachts an der Bushaltestelle sie dann doch zusammengeschlagen hat – dahinter passt keine Pointe mehr. Lachen, sagt Gadsby noch, sei keine Medizin, und dann wirkt der Vorschlaghammer ein auf eine Kunstform, bei der wir uns lange genug in der Illusion gewiegt haben, eine Pointe sei ein angemessenes Ende für irgendwas.