"Schönen guten Tag, die Fahrscheine, bitte!" Claudia Krüger hat nie gezählt, wie oft sie diesen Satz an einem Arbeitstag ausspricht. Seit 13 Jahren arbeitet sie beim Prüfdienst der Hochbahn, inzwischen als Einsatzleiterin.

DIE ZEIT: Frau Krüger, wie viele schlechte Ausreden hören Sie am Tag?

Claudia Krüger: Ich weiß es nicht, aber ich glaube Ausreden generell selten. Die erschreckendste Ausrede habe ich mal beim Dom gehört. Da hat eine Mutter ihr vierjähriges Kleinkind beschuldigt: "Warum hast du den Fahrschein verloren?"

ZEIT: Wie haben Sie reagiert?

Krüger: Mir ist der Kragen geplatzt. "Wie können Sie so was machen? Dann stehen Sie doch dazu, dass Sie Mist gebaut haben. Wie kann man das dem Kind in die Schuhe schieben?" Ich gab ihr ein Ticket über 60 Euro, sie sagte zu ihrem Kind: "Siehst du, wegen der doofen Frau können wir jetzt nicht mehr über den Dom gehen."

ZEIT: Ist das die gängige Reaktion?

Krüger: Nein. Manche stehen dazu, viele ärgern sich über sich selbst. Aber natürlich gibt es auch welche, die Theater machen. 60 Euro sind viel Geld.

ZEIT: Sie nehmen die 60 Euro auch bar entgegen?

Krüger: Ja. Aber ich gebe sie sofort wieder an die Kasse ab. Der Betrag wird in unseren Geräten registriert und bei der Hochbahn eingezahlt.

"Viele glauben, dass unsere Tätigkeit ein Ein-Euro-Job ist. Dass wir eine Prämie erhalten für jede Feststellung. Fürchterlich."
Claudia Krüger, Fahrkartenkontrolleurin in Hamburg

ZEIT: Sie sagen das so, als würden viele Leute denken, dass Sie das Geld selber einstecken.

Krüger: Das denken tatsächlich viele Fahrgäste. Viele glauben auch, dass unsere Tätigkeit ein Ein-Euro-Job ist. Dass wir eine Prämie erhalten für jede Feststellung. Fürchterlich. Dann müsste ich ja jede Oma, jedes Kind, das einen Fehler macht, aufschreiben und 60 Euro dafür verlangen.

ZEIT: Müssen Sie nicht?

Krüger: Nein. Man muss Fingerspitzengefühl haben. Ahnungslose Touristen schreibe ich weniger auf als Leute, die einen Packen Fahrkarten in ihrem Portemonnaie haben, aber die Karte von heute zufällig nicht. Da fühle ich mich verkackeiert.

ZEIT: Wie viel Bußgelder verteilen Sie an einem normalen Arbeitstag?

Krüger: Unterschiedlich. Einige vergessen ihre Fahrkarten, dann zahlt der Fahrgast letztlich nur 3,50 Euro. Fahrgäste, die über ein gekauftes Ticket hinaus fahren, kriegen ein geringeres Bußgeld. Solche, die viel zu weit fahren, kriegen die normale Strafe von 60 Euro, aber kein Ticket. Und dann gibt es die, die keine Fahrkarte haben. Die kriegen ein richtiges Ticket, denn das ist Erschleichen von Leistung. Drei Tickets ergeben eine Anzeige.

ZEIT: Welche Gruppe erwischen Sie am häufigsten?

Krüger: Das kann ich nicht verallgemeinern. Bei zehn Tickets am Tag können Rauchen oder Alkohol am Bahnsteig dabei sein. Das kostet auch Geld.

Auf 1,2 Millionen Fahrgäste am Tag kommen 100 Beschäftigte im Prüfdienst

ZEIT: Kontrollieren Sie häufiger auf Strecken mit besonders vielen Fahrgästen?

Krüger: Wir planen ganz grundsätzlich möglichst gut im gesamten Netz sichtbar zu sein, das soll Schwarzfahrer abschrecken. Entsprechend kontrollieren wir genauso viel im Berufsverkehr in der Innenstadt wie an der Horner Rennbahn.

ZEIT: Wie viele Kontrolleure hat die Hochbahn?

Krüger: Etwa 100 Mitarbeiter im Prüfdienst.

ZEIT: Das klingt wenig – bei mehr als 1,2 Millionen Fahrgästen am Tag. Wer entscheidet, wo an welchem Tag kontrolliert wird?

Krüger: Die Einsatzleitung und Einsatzplanung. Sie stellen sicher, dass im gesamten Netz geprüft wird, wir also auf allen Strecken über das Jahr verteilt gleich präsent sind.