In den Fünfzigerjahren hatte der große Komödienregisseur Billy Wilder, der mit Manche mögen’s heiß und Das Appartement unsterblich wurde, seine "schwarze Phase" – er drehte Filme, in denen es niemanden gab, mit dem man sich identifizieren mochte. Die Figuren wurden von ihrem Regisseur nicht liebend begleitet, sondern unerbittlich durchschaut, und am Ende der Kinovorstellung hatte man keinerlei Sehnsucht, mit ihnen noch länger zusammen zu sein.

Reporter des Satans stammt von 1951 und ist ein genialer Film dieser Phase. Er handelt von einem Unglück, das dem Fall der thailändischen Kinder ähnelt, und er zeigt, wie aus diesem Unglück ein Geschäft wird: Ein Mann wird in einer alten Mine verschüttet, ein Reporter erfährt davon und versucht aus der Not des Mannes Profit zu schlagen. Während der Eingeschlossene unter der Erde ums Überleben kämpft, siedeln sich oben, in der Wüste von Neu-Mexiko, die Schaulustigen, Sensationsgierigen, fliegenden Händler und Nachrichtenmakler an. Zur Zerstreuung der Wartenden wird ein Riesenrad errichtet. Sonderzüge erreichen den Unglücksort.

Der Film zeigt glückliche, aufgekratzte Schaulustige: Plötzlich ist da etwas, das ihre Langeweile unterbricht, ein höheres Thema, das es ihnen erlaubt, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und der Reporter des Satans, gespielt von Kirk Douglas, zögert die Rettung des Verschütteten hinaus. Er begreift: Für alle, mal abgesehen von dem armen Mann selbst, ist es gut, wenn dieser noch eine Weile in seiner Höhle bleibt. Vor allem für den Reporter: Er kann mehr Artikel verkaufen und seinen eigenen Ruhm steigern.

So war es in Thailand nun nicht. Dort gab es, so darf man voraussetzen, keinen bösen Reporter und geheimen Drahtzieher, der die Rettung der Kinder hinauszögerte. Aber man kann schon fragen: Spielte das wochenlange Drama, sarkastisch gesagt, der Weltöffentlichkeit, also jener Melange aus Medienehrgeiz, Hörensagen, Webcam-Schlaflosigkeit, allgemeiner Langeweile und Sensationslust, in die Karten?

Anfang der Woche in der Hamburger U-Bahn: Zwei junge Männer unterhalten sich darüber, wie man die spielfreien Tage der Fußball-WM, diese plötzliche Leere, überbrücken könne. Der eine sagt zum anderen: Dann schauen wir eben so lange, was in der Höhle passiert.

Der junge Mann hat hier, halb feixend, halb schuldbewusst, das allgemeine Medienverhalten erfasst. Tatsächlich waren dies die beiden großen globalen Ereignisse der ersten Juli-Tage: die Fußball-WM in Russland und die eingeschlossenen Fußballjungs in Thailand. Je nach Tag und Tageszeit war mal das eine, mal das andere die Spitzenmeldung in den Nachrichten.

Und während sich Belgien, Frankreich, England und Kroatien auf die Halbfinale einstimmten, bereiteten sich die Taucherteams auf die nächste Rettungsaktion vor. Der Fabelfabrikant Elon Musk schickte Leute nach Thailand und schlug vor, ein U-Boot aus eigener Produktion in die Höhle zu setzen; Donald Trump lobte die amerikanischen Helfer. Tausende arbeiteten bis zur Erschöpfung. Entschlossenheit, unfassbarer Mut überall. Es gab am Ort des Unglücks keinen Rummelplatz und kein Riesenrad wie bei Billy Wilder. Aber egal, ob es um die Höhle in Thailand geht oder um Donald Trumps Mauer an der mexikanischen Grenze: In den Medien hat rund um die eigentliche Berichterstattung längst der Rummel seine Zelte aufgeschlagen. Was wir von den Ereignissen in der Welt erfahren, ist umrankt von Werbung und muss sich gegen Marktgeschrei behaupten, Nachrichtensendungen werden im Fernsehen zwischen Unterhaltungsshows – mithin Riesenräder – gesetzt.

Vor nicht allzu langer Zeit hieß es, der Mensch unterscheide zwischen nahem und fernem Unglück. Es galt die Regel: Leid berührt uns nur, wenn es innerhalb der Dorf-, Stammes- oder Sprachgrenze stattfindet. Je größer der Abstand zu einem leidenden Menschen, desto größer die Gefahr, dass sein Schmerz uns kaltlässt.