Wie geht’s Deutschland? Lange war die Antwort klar: Läuft doch. Seit dem globalen Krisenjahr 2009 wächst die Wirtschaft, dieses Jahr zum neunten Mal in Folge. Trotzdem ist 2018 das Jahr der Zweifel, die unbeschwerte Zeit ist zu Ende. Vier Monate in Folge gingen die Aufträge der Industrie zurück, das gab es seit der großen Finanzkrise nicht mehr. Das Geschäftsklima hat sich laut dem sogenannten Ifo-Index eingetrübt. Im Mai dann Entspannung, die aber schon wieder infrage steht. Und die meisten Forschungsinstitute im Land haben ihre Wachstumsprognose fürs laufende Jahr von weit über auf unter zwei Prozent gesenkt.

Wäre auch ein Wunder, wenn die Dieselkrise und die digitale Herausforderung, wenn der Handelsstreit mit Amerika und die neue Kriegsgefahr im Mittleren Osten keine Wirkung zeigten. Ein krachender Konjunktureinbruch ist noch in weiter Ferne, und sollte der Konflikt mit Donald Trump gütlich enden, wie es nun möglich erscheint, dann dürfte es ganz schnell wieder Entwarnung in den Medien und an den Börsen geben. Kann doch so weitergehen, oder?

Genau das wird es nicht. Was nämlich im Hin und Her der Zahlen und Gefühle untergeht: Hinter den kurzfristigen Problemen stehen langfristige Herausforderungen. Auf längere Sicht lebt die deutsche Wirtschaft gefährlich.

Erstens, die Konjunktur

Die Zahl, auf die alle achten, die Wachstumsrate der Volkswirtschaft, verrät nur die halbe Wahrheit. Die innere Wirtschaftskraft eines Landes zeigt sich darin nur dann, wenn die Zahl der Menschen im Land gleich bleibt. Schließlich müssen sie die Wirtschaftsleistung erarbeiten – und sich das Volkseinkommen daraus teilen. Werden es weniger Menschen, wie in Japan, dann geht es den Bürgern im Schnitt besser, als es die allgemeine Zahl glauben macht. Werden es mehr, wie traditionell im Einwanderungsland USA, dann geht es ihnen schlechter.

Deutschland hält sich traditionell für Japan, ist aber Amerika. So ist die Geburtenzahl in diesem Jahrzehnt von rund jährlich 660.000 auf gut 790.000 gestiegen. Stärker noch wuchs die Zahl der Zuwanderer. Allein aus der EU kommen derzeit jährlich mehr als 600.000 Bürger nach Deutschland, die meisten auf Arbeitssuche. Insgesamt zählt die Republik heute 10,6 Millionen Menschen mit ausschließlich fremder Nationalität, allein 2017 wuchs ihr Anteil um fast sechs Prozent. All das heißt: Die Zahl der Einwohner wächst beständig, 2017 haben laut Statistischem Bundesamt mindestens 82,8 Millionen Menschen in Deutschland gelebt, der alte Bevölkerungsrekord aus dem Jahr 2002 ist längst überholt.

Weil sich mehr Menschen das Wachstum teilen, fiel es pro Kopf zuletzt deutlich geringer aus als die Gesamtrate – in den vergangenen fünf Jahren um insgesamt rund drei Prozentpunkte. Auch deshalb spüren viele Bürger nichts vom sogenannten Dauerboom. Nicht nur Psychologie und Ungleichheit sind also schuld: Es ist einfach pro Person weniger zum Verteilen da als gedacht, und die deutsche Wirtschaft verliert etwas vom Nimbus als Wohlstandsmaschine. Noch deutlicher wird der Unterschied beim Wachstum pro Beschäftigten. Das war zuletzt nicht einmal halb so groß wie die allgemeine Steigerung.

Drei Wahrheiten

Reales Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) insgesamt, pro Kopf und pro Beschäftigtem, kumuliert seit 2010, in Prozent (2010 = 100 %)

Quelle: Europäische Kommission © ZEIT-Grafik

Anruf beim Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts: Welche Zahl gilt denn nun?

Ginge es um den Wohlstand des Einzelnen, um das, was im Alltag ankommt, dann sei es die Pro-Kopf-Zahl, sagt Clemens Fuest. Wenn die Bevölkerung wächst, dann relativiert das eben die Wachstumsleistung.