Draußen wartete der Shuttle zum Flughafen. Wobei "draußen" eigentlich nicht das richtige Wort ist: Hotelresorts in Französisch-Polynesien lassen Lobby und Südseevegetation gerne tür- und fensterlos ineinanderfließen, sodass der liebliche Duft der Bougainvillea die Räumlichkeiten erfüllt und jedes Krabbeltier ungehindert bis in die Ledersessel vordringen kann. Also: Der Shuttle wartete ein paar Schritte entfernt, der Fahrer ungeduldig, die Passagiere sowieso, es war 7.10 Uhr, die Propellermaschine nach Tahiti sollte um 7.50 Uhr starten, auch für tiefenentspannte Südseegemüter wurde es also Zeit. Wir konnten aber nicht los, weil der Rezeptionist meine Kreditkarte nicht mehr fand. Beziehungsweise: behauptete, sie mir bereits zurückgegeben zu haben. Hatte er nicht. Behauptete ich. Er suchte, ich suchte, draußen hupte der Fahrer. Dann hupte er noch einmal. Dann mussten wir los.

Im Hotel auf Tahiti wollte man zwei Stunden später meine Kreditkarte. Natürlich wollte man das, und damit wäre die Eingangsfrage gleich beantwortet: Auf jeden Fall muss man eine zweite einstecken. Unbedingt. So einem kleinen Stück Plastik kann so viel zustoßen! Der Magnetstreifen funktioniert nicht mehr (ist mir mehrfach passiert). Die Karte wird geklaut (wie in Bogotá – dachte ich, bis ich die Karte zwei Jahre später wiederfand). Oder sie bleibt freitagnachmittags in einem Bankomaten in Lincoln, Nebraska stecken, und man möchte nicht unbedingt bis Montag warten, dass jemand aus dem Wochenende kommt. In Namibia hat mir mal ein Tankwart die Karte geschreddert, als er mit einem altertümlichen Hobel die Daten mit Pauspapier durchdrücken wollte.

Zurück in die Südsee. Im Zimmer auf Tahiti durchsuchte ich mich selbst. Und mein Gepäck. Jede Tasche, jede Falte, jedes Buch. Nichts. Im Hotel auf Bora Bora beteuerte der Rezeptionist am Telefon weiterhin, unschuldig zu sein. Also rief ich das Kreditkartenunternehmen an. Ein wundersamer Mechanismus stellte mich via Salt Lake City nach Frankfurt durch, wo ein Mitarbeiter meine Karte sperrte. Anschließend studierte er Flugpläne und Zeitzonen und bot mir an, "übermorgen zwischen 8.30 und 9 Uhr" eine Ersatzkarte überreichen zu können. Also: nicht er selbst, sondern ein Bote. Die neue Karte sollte aus Sydney angeflogen kommen, Luftlinie: 6100 Kilometer. Ich fand das etwas übertrieben und lehnte ab. Einen Tag später würde ich sowieso nach Hause fliegen.

In der Abflughalle des Flughafens auf Tahiti haben sie eine Reproduktion von Paul Gauguins Gemälde Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Die kann man sich ansehen, während eine Band Wini-wini, wana-wana spielt, eine Weise, so wunderschön, dass selbst Mainzer Fastnachter ihr nichts anhaben konnten. Ich stand also vor Gauguin und sinnierte, als jemand mich ansprach: ein Page aus dem Hotel auf Bora Bora, dem mit dem schusseligen Rezeptionisten. Ob ich Mr. Nink sei? Er verbeugte sich und überreichte mir einen Umschlag. Mit meiner Kreditkarte.