An manche Briefe erinnert man sich ein Leben lang. Weil einem darin jemand seine Liebe gesteht. Ein Abmahnanwalt eine Klage androht. Oder das Finanzamt plötzlich alte Belege sehen will, die man schon vor Jahren weggeworfen hat. Und es gibt Briefe von Nick. Nick schreibt aus London. "Ich denke immerzu an Sie. Während Sie meinen Brief lesen, stelle ich mir vor, was Sie gerade tragen", das sind die ersten Zeilen. "Habe ich Sie im Pyjama am Küchentisch erwischt?", fragt er, steigert sich weiter in seine Vorstellungswelt hinein, bringt fast ekstatisch ein "Die Fantasie geht mit mir durch!" aufs Papier. Man mag sich nicht ausmalen, was er sich alles ausmalt. Zum Glück ist London weit weg. Aber wer ist dieser Nick eigentlich?

Nick Wheeler ist kein perverser Stalker, sondern Geschäftsmann. Er leitet den Hemdenversand Charles Tyrwhitt. Und wenn ihm langweilig ist, dann schreibt er "ohne unanständige Hintergedanken" an Kunden, die länger nichts bestellt haben. Einen dieser Briefe erhielt nun ein Leser dieser Kolumne, der aber gar kein Fantasieobjekt eines ihm unbekannten Nick sein wollte, der sich wen auch immer im Pyjama vorstellt. Nach einem entsprechenden Hinweis entschuldigte sich eine Dame vom Kundendienst. Ihr Chef habe sein Schreiben für gut befunden und bloß beabsichtigt, "mit ein wenig britischem Humor ein Lächeln auf Ihr Gesicht zu bringen".

Erstaunlicherweise ist das keine billige Ausrede. Ich habe mich bei jemandem erkundigt, den ich für einen Experten in solchen Angelegenheiten halte und der seit Langem in London wohnt. Er sagt, der Brief sei geradezu typisch für das britische Humorverständnis. Die finden das lustig. Was wiederum zeigt, wie viel es noch voneinander zu lernen gibt, und das ist doch auch eine schöne Sache. "Mein größter Wunsch besteht darin, Sie glücklich zu machen", schreibt Nick noch, "denn wenn Sie glücklich sind, sind wir es auch."