Eigentlich müsste jetzt eine Debatte darüber stattfinden, was sich ändern muss, damit die deutsche Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2020 wieder ganz vorn mitspielen kann. Doch stattdessen werden wir Zeugen der Verantwortungslosigkeit der DFB-Führung: Für Reinhard Grindel und Oliver Bierhoff hat Mesut Özil die WM verzockt. Fakten interessieren die DFB-Spitze nicht. Özil hatte mit 110 Ballkontakten gegen Südkorea einen hervorragenden Wert, die Mehrzahl seiner Zweikämpfe gewonnen und sogar sieben Zuspiele gemacht, die direkt zu Chancen führten. Hätten alle so gespielt, hätte sich das deutsche Team wahrscheinlich weniger unglücklich präsentiert.

Das Foto mit Erdoğan war ein schwerwiegender Missgriff. Die geschmacklose Wahlkampfhilfe eines deutschen Nationalspielers für einen Mann, der sich ständig über Recht und Gesetz hinwegsetzt und Minderheiten und politische Gegner verfolgen lässt, ließ viele Fragen offen. Während Gündoğan, der sich ebenfalls mit dem türkischen Despoten ablichten ließ, anschließend einen Fehler einräumte, beließ es Özil bei einem gemeinsamen Foto mit unserem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, quasi als ikonografisches Gegenmittel, das aber nicht wirkte. Bis heute hat sich Özil dazu nicht erklärt. Das hat den Fehler noch größer gemacht, denn Millionen Fans warten auf eine Erklärung. Aber Özils unmögliches Agieren entschuldigt in keinster Weise das Verhalten des DFB. Dieser Verband, seit mindestens einem Jahrzehnt von Skandalen erschüttert, von der Steuerhinterziehung bis zur Bestechung, irrlichterte in der Causa Özil von Anfang an. Und statt sich jetzt entschlossen gegen die leider auch eindeutig rassistisch grundierte Kritik zu stemmen, hauen die Protagonisten Grindel und Bierhoff noch tiefer in die Kerbe der Özil-Kritik. Über Wochen wird Özil schon zu einem Sündenbock gemacht. Gegen diese Anwürfe muss man ihn genauso verteidigen wie gegen Angriffe von rechts. Vom Ausgrenzen haben rechte Nationalisten überall schon immer viel verstanden, egal ob Erdoğans Truppen oder die AfD bei uns. "Zusammen" (im #-Zeitalter "zsmmn") war das Eigenmotto des DFB für diese WM. Aber statt wirklich zusammenzustehen, gerade wenn es nicht läuft, kämpft jetzt jeder DFB-Funktionär ums eigene Überleben.

Wir brauchen dringend einen sportpolitischen Neustart beim DFB, gerne mit neuen Gesichtern, aber hoffentlich mit Mesut Özil. Die positive Kraft des Fußballs ist groß. Die Spiele unserer Nationalmannschaft können uns immer noch zusammenbringen, wir müssen diese Kraft gerade jetzt für die Zukunft unseres Landes nutzen. Statt den DFB von einem kommunikativen und sportlichen Fettnäpfchen zum nächsten stapfen zu lassen, sollten wir eine ehrliche Debatte um Zugehörigkeit, Rassismus und Republikanismus führen. Wie schaffen wir bei uns ein gemeinsames republikanisches deutsch-europäisches Wir aus Millionen Subidentitäten? Deutschland ist ein schönes und weltoffenes Land, ein Land, in dem zu leben ein Privileg ist, vor allem im Vergleich zu vielen anderen Orten in der Welt. Fußball, ja überhaupt Sport, kann helfen, das Bewusstsein für Zugehörigkeit und Zusammenhalt zu schaffen. Wir laufen gerade Gefahr, die Philosophie der Nationalmannschaft in einer gefährlichen Mischung aus politischer Polarisierung und verbandsinterner Feigheit zu verspielen.