Noch sind es bloß Worte, die kämpferischer werden – ob es um Identität, Verteilung oder Ökologie geht. Doch den Worten könnten Taten folgen, kriegerischer, als man sie aus den letzten Jahren kannte.

Dabei sah es eine Weile so aus, als gingen im umhegten Europa alle still einer geregelten Arbeit nach und pflegten hübsche Hobbys, unterbrochen nur vom minimalen Aufwand, alle paar Jahre ins Wahllokal zu wandern, um dortselbst für eine der netten und freiheitsliebenden Parteien zu stimmen, die in buntem Reigen abwechselnd die Ordnung garantierten. Mochten draußen Stürme toben, drinnen wehten laue Lüftchen.

Man konnte glauben, die Idee vom demokratisch-bürgerlichen Frieden sei Wirklichkeit geworden. Ausgemalt wurde diese Idee seit dem 18. Jahrhundert: Durch Arbeitsteilung und Handel verbundene Bürger tragen aus reinem Eigeninteresse die alte Menschheitsgeißel Krieg zu Grabe, denn zu hoch sind die Kosten, als dass ein vernünftiger Mensch sich frei für diesen entschiede. Adam Smith arbeitete die marktwirtschaftliche Seite der Theorie heraus, Kant zurrte sie philosophisch fest.

Richtig überzeugend wirkte die Vorstellung eines demokratischen Friedens aber erst in den 1990er-Jahren, am Ende eines blutigen Jahrhunderts. Auch weil die Theorie einen wichtigen Baustein hinzugewonnen hatte: Nun schien auch die Altersstruktur moderner Gesellschaften für sie zu sprechen. Amerikanische Militärstrategen argumentierten, Gesellschaften mit hohem Altersdurchschnitt und niedriger Geburtenrate seien friedfertig eingestellt. Kinder aus Kleinfamilien würden von ihren Eltern mit emotionalem Kapital geradezu überhäuft, auf ihren schmalen Schultern ruhe bisweilen das ganze elterliche Glück. Wer so aufwachse, gehe vorsichtig durchs Leben, auf dass ja nichts die Kostbarkeit der eigenen Person schramme. Kaum einer käme daher später auf die Idee, sein Leben in den Dienst einer großen und gefährlichen Sache zu stellen, sich einer Aufgabe zu verschreiben bis hin zur Selbstaufgabe, gar sein Leben todesmutig aufs Spiel zu setzen für die Gemeinschaft – so wie es von alters her die Helden und Märtyrer taten. Gegenwart und Zukunft gehörten einer postheroischen Gesellschaft, zumindest im globalen Westen.

Doch auf diesem erbaulichen Aquarell breiten sich dunkle Flecken aus. An den politischen Rändern – vor allem am rechten – wird der Heroismus wiederbelebt.

Nun kursiert wieder ein Wort des preußischen Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke. Ein Wort über den Krieg: "In ihm entfalten sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut und Entsagung, Pflichttreue und Opferwilligkeit mit Einsetzung des Lebens." Moltkes Schlussfolgerung: "Ohne den Krieg würde die Welt im Materialismus versumpfen." Die Sätze des Generalfeldmarschalls sind der Fluchtpunkt, auf den der rechtsradikale Diskurs zusteuert. Sei es, dass die Zeitschrift Sezession vor einer "Verhausschweinung" warnt, sei es, dass der AfD-Politiker Björn Höcke im gleichen Blatt eine "positive Unterordnungsfähigkeit" als Ziel der Erziehung fordert und von neuer Männlichkeit träumt ("nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft, und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!"); sei es, dass Bücher mit Titeln wie Verteidigung des Eigenen, Erziehung für den Ernstfall oder Zurüstung zum Bürgerkrieg zu Bestsellern im Milieu der AfD werden: Immer sind es kriegerische Werte, die beschworen werden.

Es wäre deshalb naiv, die Ansicht Alexander Gaulands (AfD), man dürfe stolz auf die deutschen Soldaten der zwei Weltkriege sein, als harmlosen Geschichtsfimmel abzutun, der nach dem flachen bundesrepublikanischen D-Mark-VW-und-WM-Patriotismus halt auch mal auf seine Kosten kommen dürfe. Auch Gaulands Botschaft lautet: Wir brauchen den Stolz auf Soldaten, weil wir bald wieder stolze Soldaten brauchen, Helden, wehrhafte Männer. Denn wir befinden uns unmittelbar vor einem Krieg, wenn nicht schon mittendrin.